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LIBANON Bester Freund

Israels einziger arabischer Mitkämpfer war der südlibanesische Milizenführer Saad Haddad. Sein Tod macht die Lage der israelischen Besatzer noch schwieriger. *
aus DER SPIEGEL 4/1984

Israels Generalstabschef suchte nach einem Verbündeten, einem Libanesen.

Es gelte, erklärte er, einen »Offizier zu finden, auch wenn es nur ein Major ist. Wir sollten entweder sein Herz gewinnen oder ihn mit Geld kaufen, um ihn dazu zu bringen, sich zum Retter der (christlichen) Maroniten zu erklären. Dann wird die israelische Armee in den Libanon eindringen, das erforderliche Territorium besetzen und ein christliches Regime schaffen, das sich mit Israel verbünden wird. Das Gebiet vom Litani südwärts wird völlig von Israel annektiert, und alles wird in Ordnung sein«.

Es war Israels Kriegsheld Mosche Dajan, der 1954, vor seinen größten Siegen über die Araber, diese Suchmeldung aufgab, und es dauerte 24 Jahre, bis der Mann gefunden wurde: der libanesische Major Saad Haddad.

Ihn banden die Israelis tatsächlich doppelt an sich: Sie gewannen sein Herz, bezahlten Lebenshaltung und Bewaffnung des Majors und seiner 1200 Milizionäre und hielten auch Haddads Schmalspurstaat »Freies Libanon« unmittelbar nördlich ihrer Grenze am Leben.

Es zahlte sich aus. Der Major lieferte in dem Fatah-Land genannten Südlibanon den palästinensischen Guerrilleros einen so wirkungsvollen Kleinkrieg, daß sie nur noch selten bis an die israelische

Grenze vordringen konnten. Vergangene Woche wurde Israels bisher einziger arabischer Waffenbruder, an Hautkrebs gestorben, zu Grabe getragen. Israels Führung trauerte wie beim Tod eines befreundeten Staatsoberhaupts.

Außer Premier Jizchak Schamir hatten sich auch die Spitzen der Armee in Haddads abgelegenen Heimatort, sein Hauptquartier Mardschajun im Südlibanon, begeben. Der Präsident des Libanon, von dessen Armee Haddad abgefallen war, hatte ein Beileidstelegramm geschickt. Pierre Gemayel, Falangisten-Chef und Vater des Präsidenten Amin Gemayel, nannte Haddad einen großen libanesischen Patrioten.

Israels Ex-Premier Menachem Begin, monatelang in der Öffentlichkeit nicht mehr aufgetreten, brach sein Schweigen, sprach Worte der Trauer. Verteidigungsminister Arens griff zu ungewohntem Pathos: Israel neige seine Fahnen in Trauer, sagte er. »Der Libanon verlor einen seiner besten Offiziere, Israel einen seiner besten Freunde.«

Mit Sicherheit verloren die Israelis einen Mann, den sie nicht leicht ersetzen können. Als einziger Milizenführer des Libanon gebot Haddad über eine Streitmacht, die aus Christen, Moslems und Drusen besteht: Das Charisma des Rebellen Haddad überwand die religiösen Gegensätze. Keinem der sieben Offiziere, die jetzt Anspruch auf seine Nachfolge erheben, wird ähnliches zugetraut. Damit aber würde Israel im Libanon noch weiter in die Sackgasse geraten.

Als aussichtsreichster Anwärter auf die Haddad-Nachfolge gilt der 48jährige Libanon-Offizier Elias Chalil aus dem südlibanesischen Sidon. Israel wäre es aber am liebsten, wenn ein Offizier aus dem Norden den Oberbefehl übernähme, der die Eingliederung der Haddad-Truppe in die reguläre Libanon-Armee sicherstellen könnte. Den Einsatz zusätzlicher libanesischer Streitkräfte im Süden sehen die Israelis heute als Voraussetzung für einen weiteren Rückzug ihrer Armee an.

Das israelisch-libanesische Abkommen vom 17. Mai 1983 sah für den Süden eine neue Truppe vor, die »Territoriale Brigade des Südens«, die den regulären libanesischen Streitkräften angegliedert sein sollte. In dieser Truppe fiel für Haddad nur die Rolle eines mit der Terrorbekämpfung beauftragten Vizebefehlshabers ab. Er aber blieb überzeugt, seine Verbundenheit mit den Israelis werde jeder Belastung standhalten.

Haddad, der im Alter von 20 Jahren als Berufssoldat zur libanesischen Armee ging und später Offizierskurse in Frankreich und den USA absolvierte, hatte schon frühzeitig entdeckt, daß er mit den südlichen Nachbarn Vorlieben und Abneigungen teilte. Wie sie war er überzeugt, daß der Libanon einen prowestlichen Kurs steuern müsse, wie sie haßte er Kommunisten und Palästinenser.

Dafür gab es Gründe. 1968 war er bei einem Konflikt mit palästinensischen Guerrilleros im Gebirge schwer verwundet worden. Ein paar Jahre später verfuhr sich ein israelischer Panzer auf einer Strafaktion gegen die Palästinenser im Libanon und geriet zu einer von Haddad kommandierten Position der Armee. Haddad stellte fest, daß die Israelis ebenso über die landfremden Palästinenser dachten wie er. Daraufhin befahl er seinen Leuten, an die Israelis Wasser und Lebensmittel abzugeben und sie auf sicherem Weg zur Grenze zu geleiten.

Als 1976 ein Verwandter Haddads von Palästinensern erschossen worden war, stand sein Entschluß mit den Israelis schon fest. 1978 half er ihnen bei ihrer ersten Großoffensive gegen die PLO-Guerrilleros.

Dabei zeigte sich der Major als so verläßlicher Verbündeter, daß ihm die Israelis den Schutz eines Teils ihrer Nordgrenze übertrugen und ihm halfen, eine rund 1000 Mann starke Miliz aufzustellen und zu bewaffnen. Es gelang Haddad, der in dem zerklüfteten Bergland der Grenzregion geboren war, die meisten palästinensischen Kommandos aufzuspüren und zurückzuschlagen.

Den so gewonnenen Freiraum nutzte Haddad auf überraschende Art. Im April 1979 tat er jenen Schritt, der ihm Haß und Spott der arabischen Welt eintrug: Er proklamierte in der israelischen Grenzstadt Metulla einen Staat »Freies Libanon«, dessen Gebiet, 120 Kilometer lang und zwischen 10 und 15 Kilometer breit, sich vom Mittelmeer bis zum Fuß des Berges Hermon nördlich der israelischen Grenze erstreckt.

Mit einem Schlag war Haddad auch Herr über 120 000 libanesische Dorfbewohner, meist Christen, aber auch Schiiten und einige Drusen. Die Bevölkerung in jenem Grenzstreifen hatte durch die Kommando-Unternehmen der Palästinenser wie auch die folgenden Strafaktionen der Israelis vieles ertragen müssen. Immer wieder waren Häuser und Gehöfte von Granaten beider Seiten zerstört worden, viele Libanesen umgekommen.

Glücklich darüber, daß von nun an wenigstens die Israelis nicht mehr wahllos in das Grenzgebiet feuerten, akzeptierten die Einwohner nördlich der Grenze ihren neuen Herrn Haddad. Der Major, gutmütig und umgänglich, organisierte die Versorgung mit Lebensmitteln und Waren aus Israel und Beirut.

Zu einer Zeit, da in der libanesischen Hauptstadt der Bürgerkrieg tobte, lebten die Menschen in Haddads Hauptstadt Mardschajun relativ ruhig und wohlversorgt. In den paar Läden des

Ortes fehlte es nicht an Attraktionen. Die neuesten Ausgaben des »Playboy« waren ebenso zu haben wie zollfreie Zigaretten und Stereoanlagen - alles zahlbar in israelischen Schekel oder libanesischen Pfund.

Im Gegensatz zu anderen libanesischen Milizenführern, die sich meist luxuriöse, oft sogar schloßähnliche Residenzen eingerichtet haben, lebte Haddad mit Familie bescheiden in einem sandsackbewehrten Durchschnittshaus.

Aus »Haddadistan«, wie das Gebiet des Majors oft genannt wurde, kamen die Dörfler zum Chef etwa mit der Bitte, ihnen einen Klinikaufenthalt in Israel zu vermitteln oder dort Arbeit zu beschaffen. Ein von Haddad ausgestellter Ausweis berechtigte zum Grenzübertritt ohne große Formalitäten.

Haddad glaubte damals, sein »Freies Libanon« könne Modell eines libanesischen Staates werden, in dem die Angehörigen verschiedener Konfessionen wieder friedlich zusammenleben und gutnachbarliche Beziehungen zu Israel unterhalten würden. Beirut hatte Haddads Sold bis 1979 weiterbezahlt. Dann wurde er unehrenhaft aus der Armee entlassen, sogar in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

In der arabischen Welt herrschte naturgemäß die Meinung vor, daß ein Mann, der mit dem zionistischen Todfeind zusammenarbeitet und nach objektiven Kriterien ein Satellit Israels war, gekauft sein müsse: Auch wenn Haddad persönlich nicht als käuflich galt, sein Regime bezog die Jahre über aus Jerusalem schätzungsweise 300 Millionen Dollar. Die Israelis bildeten seine Soldaten aus - teilweise in Israel -, lieferten Waffen und sogar Uniformen.

Nach dem Einfall Israels in den Libanon eilte Begin zu Haddad, umarmte ihn und schenkte ihm die alte Kreuzfahrerfeste Beaufort, die den Palästinensern als Artilleriestellung gedient und des Majors Gebiet weithin bedroht hatte.

Haddad sah den Einmarsch der Israelis in den Libanon als »Segen« an. Sogleich dehnte er seine Einflußzone nordwärts aus. Seine Panzer patrouillierten eine Zeitlang sogar in den Vororten von Beirut. Heute bewachen Haddad-Milizionäre für die Israelis Teile der Auwali-Linie, die den besetzten Südlibanon zum Norden hin abgrenzt.

Die Pläne seiner Verbündeten, sich auf diese Linie zurückzuziehen, hielt Haddad für falsch. »Dann bricht unweigerlich der Bürgerkrieg wieder aus«, erklärte er. Doch die Israelis, durch ständige Verluste ihrer Libanon-Besatzer unter Druck geraten, schlugen den Rat ihres Gehilfen in den Wind.

Der erlebte wenige Tage vor seinem Tod noch die Genugtuung, daß seine Verurteilung aufgehoben und er wieder in die libanesische Armee aufgenommen sei. Sein Bruder: »Er hat es mit Tränen in den Augen gehört.«

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