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JUGOSLAWIEN Besuch vom Berserker

Marko, Sohn des Präsidenten Slobodan Milosevic, rastet beim Umgang mit Kritikern leicht aus.
Von Renate Flottau
aus DER SPIEGEL 5/1999

Es war, erinnert sich eine Redakteurin, wie in einem Kriminalfilm. Kurz nach zehn Uhr stürmte ein junger Mann in die Redaktion der Belgrader Zeitung »Glas javnosti«.

»Jetzt werdet ihr die Macht der Familie Milosevic kennenlernen«, schrie er und legte drohend die Hand auf eine Pistole, die in seinem Gürtel steckte. Dann raste er wie wild durch die Zeitungsräume, um dem Redakteur Dragan Vucicevic »jeden Knochen einzeln zu brechen«. Doch Marko Milosevic, Sohn des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, tobte vergebens: Der von ihm Gesuchte war vorletzten Dienstag nicht zum Dienst erschienen.

Chefredakteur Milan Becejic reagierte auf den Besuch des Berserkers gelassen: »Mehr als eine formelle Anzeige bei der Polizei ist da nicht drin.« Dort müssen die Beamten nun prüfen, ob der Auftritt des Staatsjuniors rechtswidrig gewesen ist - eine Prozedur, die im Belgrad der Milosevic-Herrschaft Jahre in Anspruch nehmen dürfte.

Was den jungen Herrn derart in Rage brachte, war ein Artikel über die Geburt seines Sohnes. Unter der Überschrift »Freude im Haus Milosevic« hatte »Glas javnosti« gemeldet, daß Marko Milosevic, 24, am 14. Januar Vater eines Stammhalters geworden war. Dessen glückliche Mutter ist Markos Dauerverlobte, die 22 Jahre alte Milica Gajic. Sie führt die Geschäfte einer Diskothek namens »Madona« in Pozarevac, dem Geburtsort der berühmten Eltern Markos, der wiederum Besitzer des Etablissements ist.

Opa Slobodan Milosevic, 57, war nebst Gattin, einer Professorin für marxistische Philosophie, im Mercedeskonvoi zur Besichtigung des Säuglings vorgefahren. Der Serbenzar soll angesichts des Dynastiezuwachses geweint haben, berichtete Redakteur Vucicevic. Ausgerechnet in der Nacht des orthodoxen Neujahrsfestes sei damit ein neues Kapitel in der Chronik von Serbiens mächtigster Familie aufgeschlagen worden, schrieb er mit spitzbübischem Unterton.

Nur: Der frischgebackene Vater zeigte kein Verständnis für den Gratulanten. Solche Schmierfinken habe er schon oft gewarnt; sie riskierten bei ihm, »bis zu den Knien im Blut zu stehen«, drohte Marko Milosevic. Gemeint war damit nicht die Guillotine des neuen Pressegesetzes: Redaktionen können mit hohen Geldstrafen abgemahnt werden, wenn sie die Auslandspresse zitieren oder sonst Wankelmut beweisen. Die Racheakte des Präsidentensohns orientieren sich vielmehr an der Schwere des Seelenschadens, den er angeblich erlitten hat. Mehrmals schon gab das Anlaß zu Ausschreitungen.

Inzwischen gestanden mehrere Zeitungen ein, daß sie Besuche des Präsidentensohns erhalten und auf Anraten der Polizei verschwiegen haben. Milovan Brkic dagegen, Ex-Kolumnist der Zeitschrift »Srpska rec«, machte indirekt Bekanntschaft mit dem langen Arm des Wüterichs. Marko Milosevic verklagte den Journalisten vor kurzem wegen »dauernder Beleidigung« und schickte die Polizei vorbei. Das Ergebnis waren sechs gebrochene Rippen und innere Verletzungen, zugefügt auf der Revierwache.

Brkic hatte behauptet, der Filius des Jugoslawien-Herrschers sei wegen Labilität vom Militärdienst befreit worden, besitze eine Luxusvilla in Athen und habe die Schulprüfungen bei seiner Professoren-Mutter abgelegt.

Das durfte nicht wahr sein. Als Wiedergutmachung forderte Marko von der Redaktion 300 000 Mark. Belgrader Richter gestanden ihm jetzt 145 000 Dinar zu, knapp 18 000 Mark.

Bizarr auch der Fall des Elektrikers Miroslav M. Der wurde »von Unbekannten« vor der Haustür bewußtlos geprügelt, weil er ein zufällig geschossenes Foto von Marko, das diesen mit seiner Verlobten und Schwester Marija zeigt, einem Belgrader Boulevardblatt einsandte.

Glimpflicher verlief die Strafexpedition gegen die Wochenzeitung »Svedok«. Diese mußte im September lediglich einen Leserbrief von Marko abdrucken. Der Empörte teilte mit, die Redaktion mache sich reif »für Erschießungen«.

Auch Markos Mutter, Postkommunistenchefin Mirjana Markovic, zaudert nicht lange, wenn es um den Ruf der Familie geht: Sie entließ den Gründer der orthopädischen Abteilung im Krankenhaus von Pozarevac - der Mediziner hatte im TV-Sender Studio B einen Autounfall ihres Sohnes ausgeplaudert, bei dem zwei Mitinsassen schwer verletzt wurden.

Kläglich scheiterte der Versuch des jungen Milosevic, als Rallye-Fahrer zu reüssieren: Er machte 30 Wagen schrottreif. Zwei Jahre fuhr er für den Rennstall seines Freundes Vlada Kovacevic-Tref. Der Inhaber dubioser Firmen wurde im Februar 1997 erschossen - wie zwei weitere Freunde des von Attentatsängsten geplagten Marko, unter ihnen auch ein Polizeichef.

Gewalt, Korruption und Hochstapelei sind dem Zögling aus dem Präsidentenpalast seit früher Jugend vertraut. Nun, als Mann mit Mobiltelefon und Pistole, spielt er den erfolgreichen Geschäftsmann - ohne große Schwierigkeiten, da das Gesetz und der Vater in Serbien so gut wie identisch sind.

An der Autobahn Belgrad-Nis weisen monumentale Reklameschilder auf Markos Diskothek »Madona« hin. Schon bei der Eröffnung feierte dort der Größenwahn Triumphe: An dem Feuerwerk mit Lasershow nahmen 20 000 Gäste teil.

Daß dank der Familienbande schnell voranzukommen ist, zeigen die Karrieren der nächsten Verwandten. Markos Schwester Marija, 34, leitet einen eigenen TV-Kanal. Und Bora, der Bruder von Slobodan Milosevic, ist Botschafter in Moskau. RENATE FLOTTAU

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