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Australien Besudelter Ruf

Um den Export lebender Schafe nach Saudi-Arabien ist ein Handelskrieg entbrannt. Opfer sind die Tiere.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Von Ferne und in der Nacht muten die schwimmenden Gefährte mit ihren hohen, beleuchteten Aufbauten wie Luxusliner an, am Tage wie überdimensionale Archen Noahs.

Doch wer in ihren Windschatten gerät, den überfällt Brechreiz. Schiffsbesatzungen im Persischen Golf fürchteten solche Begegnungen während des iranisch-irakischen Krieges fast so sehr wie die mit einer Mine: Pestilenzartiger Gestank weht den Schiffen hinterher.

Es sind Massentransporte lebender Schafe, die von Australiens fetten Weiden mehr als 10 000 Kilometer über See zu ihren Schlachtbänken im Nahen Osten geführt werden. Fast dreieinhalb Millionen Tiere - etwa die Hälfte des australischen Exports an lebenden Schafen - gingen letztes Jahr allein an das hammelfreundliche Saudi-Arabien, den besten Kunden der Viehzüchter vom fernen Kontinent. Handelswert: 150 Millionen US-Dollar.

Vorwiegend arabische Transporteure zwängen bis zu 110 000 der blökenden Leckerbissen in vielstöckige Verschläge, drei Tiere auf einen Quadratmeter. Über 20 solcher Horror-Schiffe sind im Einsatz. Nach Angaben australischer Tierschützer gehen auf den wochenlangen Reisen »normalerweise« 140 000 Tiere pro Jahr ein. Sie sterben an Hitzschlag oder Salmonelleninfektion, viele ersticken im Ammoniakdunst ihrer Exkremente, andere verhungern, weil sie sich an die erst sieben Tage vor der Abreise verordneten Futterpillen nicht gewöhnen können. »Die schlimmste Tierquälerei der Welt«, sagt Christine Townend, Vorsitzende der australischen Tierschutzorganisation Animal Liberation.

Die Schinderei wäre möglicherweise weitgehend unbeachtet geblieben, hätte sich nicht im vorigen Jahr zwischen Australien und Saudi-Arabien ein mysteriöser Handelszwist um die wolligen Paarhufer entwickelt.

Der Streit führte zunächst zu einem vorübergehenden Exportstopp und steuert nun einem neuen Höhepunkt zu. Denn die Saudis verweigerten wiederholt, mit wechselnden Begründungen, die Abnahme der Tiere. Bei der Suche nach Ersatzkunden werden die Schafe auf verlustreiche Odysseen durch den Persischen Golf ins Rote- und ins Mittelmeer verfrachtet.

Die erste, schon im vorigen Jahr abgelehnte Ladung mit 63 000 Tieren war, nach Angaben der Saudis, mit Schafpocken infiziert. Damit hätten sich die Tiere nach australischer Version auf hoher See infiziert, denn in Australien sind die Quarantäne-Bestimmungen rigoros. »Nur gesunde Tiere werden exportiert«, schwor ein Kontrolleur.

Die nächste Station war Kuweit, wo nur noch 42 000 gezählt wurden - für die Saudis der Beweis, daß verendete Tiere über Bord geworfen worden waren. Kuweit schickte den Transport weiter nach Abu Dhabi, wo die Behörden Maltafieber festgestellt haben wollten. Das brachte die australischen Tierexporteure endgültig auf die Barrikaden: »Unser guter Ruf ist besudelt.«

Bevor das Schiff Abu Dhabi verlassen mußte, waren abermals 5000 Tiere verschwunden, und der zuständige australische Minister John Kerin gab sich überzeugt: »Die haben sie gefressen.«

Jordanien und Ägypten - beide Empfänger großer Hilfssummen der Saudis - wollten die Schafe von den Australiern nicht mal geschenkt annehmen. Das letzte Häuflein von 10 000 Aufrechten ging dann in Beirut an Land, »fit genug«, so ein australischer Beamter, »um die Zedern des Libanon umzurennen«.

Nachdem es sechs Schiffen mit 400 000 Schafen im vorigen Jahr so oder ähnlich ergangen war, stellten die Manager der Australian Meat and Livestock Corporation aus Sorge um ihre Reputation den Handel vorübergehend ein. Gleichzeitig verhandelten sie mit den Saudis, die auf tierärztlicher Begleitung für die Fracht und einem Höchstalter der Schafe von drei Jahren bestehen.

Zwar wurde der Handel im Januar wiederaufgenommen, aber seit April haben die Saudis wieder vier Schiffe zurückgewiesen. Als die Australier Ersatzkäufer am Mittelmeer und in Portugal gefunden hatten, ließ Ägypten nur einen Transport den Suezkanal passieren.

Die Gründe der Saudis diesmal: Die Tiere seien zu alt, und es gebe Hinweise auf die Infektionskrankheit »Scabby mouth«. Eilends aus Australien eingeflogene Experten sowie ein Veterinär der Weltgesundheitsorganisation WHO versuchten die Saudis zwar zu überzeugen, neun von zehn Schafen stünden in der Blüte ihrer Jugend, das Leiden sei harmlos wie eine Erkältung und trete bei Schaftransporten häufig auf - vergebens.

So keimt bei den Tier-Exporteuren der alte Verdacht wieder auf, daß sich die Saudis beim Einfuhrverbot von ganz anderen Beweggründen leiten lassen. Die weitverzweigte Familie des Königs Fahd, so eine Interpretation der Verkäufer, sei an der heimischen Schafzucht beteiligt und wolle die billigere Konkurrenz der australischen Ungläubigen aus dem Geschäft drängen.

Auch sei im Wüstenreich die Massenproduktion von Hühnern angelaufen, auf die der Saudi-Appetit nun umgepolt werden solle. Ein libanesischer Diplomat: »Wir wissen, daß die Ablehnungsgründe der Saudis fadenscheinig sind.«

Befriedigt, daß die groteske Fleischfehde wieder aufgeflammt ist, dürften allein Australiens Tierschützer sein, die prompt Aktionen starteten: Im westaustralischen Hafen Perth ketteten sich vier Männer und drei Frauen an die mit 80 000 Schafen beladene, trotz aller Querelen noch für Saudi-Arabien bestimmte »Al Khaleej«.

Seit Jahren verlangen die Tierfreunde, den Transport lebender Schafe zu verbieten, doch damit wäre für die Australier der lukrative arabische Markt versperrt. Aus religiösen wie aus lukullischen Gründen sind die Araber mit Tiefkühlware nicht abzuspeisen. Sie lieben ihren Hammel frisch geschlachtet und wenige Stunden später gut gewürzt in Topf, Pfanne oder auf dem Rost.

Die rituelle Schlachtung schreibt das religiöse Gesetz vor. Nach islamischem Recht müssen die Tiere geschächtet werden, die Schafe bluten ohne Betäubung aus. »Für unsereins«, sagt die australische Tier-Aktivistin Glenys Oogjes, »ist das Tierquälerei.«

Schon 1985 setzte die australische Regierung eine Kommission ein, die das Schafelend vom Beginn der chaotischen Verladung in Australien bis zu seinem vorbestimmten Ende in arabischen Schlachthöfen erforschen sollte. Dort waren die amtlichen Untersucher empört über die Brutalo-Fleischer, die weit über die Schlachthof-Kapazität metzelten und in Lachen von Blut wateten.

Die Kommission empfahl nach dreijähriger Arbeit »im Hinblick auf das Wohlergehen der Tiere«, den Lebend-Export der Schafe endlich einzustellen. Doch Australiens Geschäftsinteressen wogen schwerer.

Angesichts der neuerlichen Irrfahrten der Schaf-Archen forderten Australiens Tierfreunde Minister Kerin zum Rücktritt auf und wollten von ihm wissen: »Welchen Sinn hat es, eine Kommission einzusetzen, die zwar grausamste Tierquälerei bestätigt, die Regierung diesen Bericht aber ignoriert?«

Statt einer Antwort kündigte der Minister für Juni eine Delegiertenmission nach Saudi-Arabien an - zur »Rettung« des Exports, nicht der Schafe. f

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