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ISRAEL Beträchtlich näher

Öffentlich brandmarkt China den Judenstaat. Insgeheim machen beide Länder eifrig Geschäfte miteinander - für über eine Milliarde Dollar. *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Der Große Vorsitzende wußte wenig über das kleine Land am Mittelmeer. »Wieviel Menschen leben eigentlich dort?« erkundigte sich Mao Tse-tung bei seinen Genossen. Als er die Antwort »weniger als vier Millionen« hörte, witzelte er: »Und in welchem Hotel wohnen die?«

Gegenstand des Amüsements in Peking war Israel, das gerade wieder einmal vergebens vorgefühlt hatte, ob es nicht an der Zeit sei, die Beziehungen zwischen beiden Staaten zu normalisieren.

Seit drei Jahrzehnten ist Jerusalem um ein besseres Verhältnis zu China bemüht. Israel gehörte 1949 zu den ersten Ländern, die Maos Staat anerkannten, kurz danach sandte Staatsgründer Ben-Gurion eine Handelsdelegation nach Peking, die mit Berichten über »ausgezeichnete Aussichten« zurückkehrte.

Doch dann unterstützte Israel die von den USA betriebene Uno-Intervention in Korea und lieferte während des indisch-chinesischen Grenzkonflikts 1962 den Indern Waffen. China schwenkte auf strikt antiisraelischen Kurs.

Nun endlich vernehmen die Israelis konziliantere Töne aus dem Reich der Mitte, nachdem schon die Sowjets Kontakte zu Jerusalem geknüpft haben.

Vize-Premier Schimon Peres informierte jüngst die Knesset, baldige Beziehungen mit Peking seien durchaus denkbar. Voraussetzung sei für China allerdings eine Beteiligung an einer internationalen Nahost-Friedenskonferenz.

Zwar verurteilen die Chinesen nach wie vor lauthals Israels »Aggressions- und Annexionspolitik«, zwar fordern sie »eine Räumung aller 1967 besetzten Gebiete« sowie die Teilnahme der PLO an den Friedensverhandlungen. Es mehren sich aber die Zeichen für eine Annäherung.

So trafen sich jüngst bei der Uno in New York Israels Peres und Pekings Außenminister Wu Xueqian sowie zweimal der Generaldirektor im israelischen Außenministerium, Abraham Tamir, und Chinas Uno-Vertreter Li Luye. Es seien noch viele Hindernisse auszuräumen, sagte Tamir hinterher, aber »wir sind uns beträchtlich näher gekommen . Li Luye assistierte: »Wir sind schließlich an einem permanenten Dialog interessiert . »

Chinas Meinungswandel hat gute Gründe. Mittlerweile haben die Genossen begriffen, daß sie von Israels technologischen Errungenschaften und vor allem von seinen Erfahrungen mit (erbeuteten) sowjetischen Waffen profitieren können. An deren Modernisierung hat das zum großen Teil noch mit altem sowjetischen Kampfgerät ausgerüstete China höchstes Interesse.

Die Israelis wollen nur allzugern in dieses große Geschäft einsteigen. In einer chinesischen Ausgabe der Schweizer Militärzeitung »International Defense Review« placierten sie Anzeigen der israelischen Forschungsfirma Rafael mit Angeboten von Panzerabwehrwaffen.

Einige Verträge scheinen bereits perfekt. Die Londoner »Times« meldete jüngst, Gruppen von 24 israelischen Fachleuten würden alle drei Monate abwechselnd nach China fliegen, um dort die chinesische Version des veralteten Sowjetpanzers T-54/55 mit neuen Feuerleitsystemen, Laser-Entfernungsmessern und einer 105-mm-Glattrohrkanone zu modernisieren. Außerdem soll China unter anderem bei israelischen Gesellschaften wie Rafael, Elbit, Elop und der Israel Aircraft Industries hochwertiges Gerät erworben haben.

Britische Militärzeitschriften wußten gar, Israel rüste die Chinesen seit nahezu zehn Jahren mit 105-mm-Geschützen, Radaranlagen, Infrarotgeräten und Panzermunition aus. China bezahlt mit Vanadium und Titan, Metallen, die Israel für seine Rüstungsindustrie benötigt. _(Am 30. September in New York. )

Nicht immer verläuft die Rüstungskooperation reibungslos. So hatten sich die Israelis bei ihrem neuen Partner beschwert, als der chinesische Waffenkonzern »Norinco« eine Kopie der israelischen Uzi-Maschinenpistole in den USA anbot (siehe unteres Bild).

Eine Aufnahme diplomatischer Beziehungen würde als Nebeneffekt auch die Position einer exotischen Minderheit in China stärken: der wenigen chinesischen Juden, deren Vorfahren während der Tang-Dynastie vor rund 1000 Jahren nach Fernost gekommen sein sollen.

Die Juden, chinesisch Youtairen, gelten in China als anerkannte Minderheit - mit entsprechendem Vermerk im Ausweis. Ihr Status erlaubt ihnen im Gegensatz zu den ethnischen Chinesen, mehr als ein Kind in die Welt zu setzen.

Ein zugewanderter Jude war es auch, der erste Bande zwischen Peking und Jerusalem knüpfte. David Buxbaum, 54, amerikanisch-jüdischer Rechtsanwalt, vor 15 Jahren Dozent an der Yale-Universität, hatte sich mitsamt Familie in Kanton niedergelassen - überzeugt, daß China das Land der Zukunft sei.

Als Fachmann für Handelsrecht bot er der Regierung seine Dienste an und formulierte unter anderem Chinas Patentgesetze. Nachdem Buxbaum in Peking an Einfluß gewonnen hatte, öffnete er israelischen Investoren die Türen. Die Gesellschaft U.D.I. des Schaul Eisenberg verkaufte den Chinesen unter anderem Chemikalien und gab ihr Know-how zum Bau von vier Speiseölfabriken. Die Gesellschaft I.C. des Israelis Hillel Dodai exportiert vor allem Samen und landwirtschaftliche Geräte. Die Chinesen bezahlen mit Konsumgütern.

Mittlerweile blüht die wirtschaftliche Zusammenarbeit, wenn auch beide Seiten versuchen, Stillschweigen darüber zu bewahren. Vertreter des israelischen Landwirtschaftsministeriums besuchten mehrmals das rote Riesenreich. Nach China reisten israelische Spezialisten für Bewässerung, Schädlingsbekämpfung, Erschließung von Trockenzonen, Sonnenenergie, Viehzucht und Fischerei.

Unlängst verbreitete die Israel-Asien-Handelskammer in Hongkong ihren ersten Katalog israelischer Exportwaren in Chinesisch. 60 große Gesellschaften werben darin für ihre Waren. Ein israelischer Werbefachmann eröffnete ein Büro in Kanton, um Chinas Export in den Westen anzukurbeln. Schon in diesem Jahr, schätzen Wirtschaftsexperten, könnte Israels Ausfuhr nach China die Milliarden-Dollar-Grenze überschreiten.

Israelische Großfirmen sind beim Bau von zwei 400-Zimmer-Hotels in Kanton und in der Provinz Hunan mit amerikanischen Investitionsgeldern engagiert. Die Kibbuz-Gesellschaft »Miluot« verkaufte den Chinesen neue Methoden, Protein aus Baumwollkernen zu gewinnen. Ein anderes Kibbuz-Unternehmen bewirbt sich um die Produktion von Bewässerungsanlagen in China. Der Vorsitzende der Tel Aviver Diamanten-Börse, Mosche Schnitzer, berichtete, China wolle mit israelischer Hilfe eigene Diamantenschleifereien einrichten.

Bislang werden solche Geschäfte meist über israelische Tochtergesellschaften in Wien und London, Singapur oder Hongkong abgewickelt. Denn China möchte seine wirtschaftlichen Verbindungen mit dem von ihm öffentlich gebrandmarkten Judenstaat tunlichst geheimhalten.

Israelische Waren dürfen zum Beispiel keine Herkunftsangaben haben. Eine Sendung Sperrholz wurde von den Chinesen zurückgeschickt, weil sie die Inschrift »Made in Israel« trug. Zuweilen übersehen die Chinesen die Absenderangabe. Ägyptische Manöverbeobachter entdeckten bei einer Übung der chinesischen Armee auf einem Teil der Artilleriemunition hebräische Aufschriften.

Israelische Berater werden vorerst nur auf persönlicher Basis und nicht als offizielle Vertreter nach China eingeladen. Neben Englisch dient ihnen Deutsch als Verbindungssprache. Mehrere israelische Diplomaten büffeln jetzt Chinesisch, an der Universität Peking wurde 1986 Hebräisch als Fach eingeführt. Und Touristen mit israelischem Paß werden bereits ins Land gelassen.

In Jerusalem fand kürzlich ein Seminar zum Thema »Pflege der Handelsbeziehungen mit China« statt. Die Dozenten empfahlen den Teilnehmern Flexibilität und Standfestigkeit, Takt und Geduld. Vor allem sollten sie in China »immer guter Laune bleiben, auch wenn man Schlangenfleisch aufgetischt bekommt«. _(Prospekte, nachgedruckt in der ) _(israelischen Zeitung »Jediot Acharonot«; ) _(hebräische Überschrift: »Suche die ) _(Unterschiede«. )

Am 30. September in New York.Prospekte, nachgedruckt in der israelischen Zeitung »JediotAcharonot«; hebräische Überschrift: »Suche die Unterschiede«.

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