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FILM Bett und Tresen

»Der Loulou«. Spielfilm von Maurice Pialat. Frankreich 1980. 110 Minuten; Farbe.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Weil Maurice Pialats Film in einer Vorstadt-Disco beginnt, vermuteten einige französische Kritiker, daß hier in ihrer Hauptstadt mal wieder der letzte Tango getanzt wird. Es ist ein eher tierisches Abhotten. Pialat erzählt die wenig originelle Geschichte eines in bürgerlicher Sicherheit frustrierten Mädchens, das aus einer überkultivierten Beziehung in die exzessive Liebe zu einem Proletarier flüchtet.

Was Klischees durch rasche Verständlichkeit gewinnen, verlieren sie wieder durch Spannungslosigkeit. Daran ändert auch nicht, daß sie sich häufig mit der Wahrheit decken. Der 55jährige Pialat, der mit seinen bisherigen vier Spielfilmen selbst für Franzosen schlecht in Kategorien zu zwängen ist, versucht der undramatischen Voraussehbarkeit seiner Geschichte durch die Verwendung einer bisweilen hektisch geführten Handkamera zu entgehen.

Doch statt Leben erzeugt die erst mal verwackelte Bilder. Was seinen Film trotzdem spannend macht, ist die Leistung der Darsteller.

Guy Marchand spielt Andre, einen gut verdienenden Werbefachmann mit elegant gelösten Haarproblemen, einer schick möblierten Wohnung und der seinem Status gemäßen cholerischen Eifersucht. Unter ihr hat Nelly zu leiden, eine Besitzstands-Schönheit und erotische Galionsfigur des Arrivierten. Kulturkonsum in Form von Galeriebesuchen ist ihr verordnetes Trostpflaster für mangelnde sexuelle Bewegung.

Isabelle Huppert, Frankreichs derzeit begehrtester Filmstar, gibt dieser Nelly die ihr eigene, in vielen Rollen präsentierte schillernde Undurchschaubarkeit -- Kindfrau mit Däumchen im Mund und voll von stiller, unnachgiebiger Begierde, Fratz und Femme fatale.

In einer Disco lernt sie Loulou kennen, einen Macho-Proleten mit gelb gerauchten Fingern, über dessen Bierbauch sich die Lederjacke nicht mehr schließt. Sie verläßt Andre und geht mit Loulou in ein Hotel, wo sie mit ihm schläft, bis -- Pialat läßt da nichts verkommen -- das Bett zusammenkracht und die Nachbarn wütend an die Wände trommeln.

Andre, der Seitensprung offensichtlich als Eigentumsdelikt versteht, versucht zunächst mit Prügeln, dann mit Verhandlungen von Mann zu Mann seinen Besitz zurückzuerobern, scheitert aber an Nellys sexueller Gier. Sie bleibt bei Loulou, hält ihn aus und zieht mit ihm nachts von Kneipe zu Kneipe, stumm, aber ekstatisch erfüllt.

Gerard Depardieus schwerfälliger Charme und seine rohe Zärtlichkeit verhindern, daß derlei platte Gegensätze zur Karikatur verkommen. Er bleibt als einziger mit sich identisch, weil er nur aus dem Augenblick lebt in seiner Welt zwischen Tresen und Bett.

Mit anarchistischem Gleichmut fügt sich Nelly in Loulous Freundeskreis aus Kleinganoven und Gestrandeten. Erst als sie, inzwischen schwanger, bei Loulous Mutter ein wüstes Geburtstagsfest miterlebt, das mit einer Schießerei endet, geht sie auf Distanz. Sie läßt das Kind ohne Wissen Loulous abtreiben. Das wortlose Vertrauen wird gebrochen. Ende offen. Pialat schildert S.257 ein Milieu, um das sich das französische Schaumgebäck-Kino der letzten Jahre naserümpfend gedrückt hat. Er knüpft hier an die Tradition der frühen Renoir-Filme an, ohne allerdings deren romantische Poesie zu erreichen.

Seine Kleine-Leute-Welt ist trister, gefühlsärmer, triebhafter, »moderner« also. Und manchmal drängt sich allzu dick die Absicht in den Vordergrund, beim Schwanze des Proleten dem sogenannten bürgerlichen Sexualverhalten abzuschwören.

Wolfgang Limmer

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