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NPD Beule in Bayern

aus DER SPIEGEL 13/1966

Am 13. März brachen in Deutschland »die ersten Beulen einer neuen braunen Pest« auf. So diagnostizierte Frankreichs »Le Monde« ein Ereignis in Bayern: den Erfolg der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) bei den Kommunalwahlen im südlichsten Bundesland.

»Ganz tolle Sache«, so am Montag danach das NPD-Vorstandsmitglied Adolf von Thadden zum SPIEGEL, »wir haben uns verdoppelt und verdreifacht.«

Ende der Woche, als das nach einem komplizierten Landeswahlsystem auszuzählende Endergebnis feststand, erschien dann die Sache zwar nicht mehr so toll. Die Nationaldemokraten, die nach einem Urteil des Landgerichts Konstanz als »Nachfolgeorganisation der Nationalsozialisten« bezeichnet werden dürfen, bekamen nur 1,6 Prozent der Stimmen und bleiben weiterhin Splitterpartei. Dennoch glückten der NPD beträchtliche Lokalgewinne, vor allem im Fränkischen, bislang Hochburg der bayrischen Freidemokraten. Die FDP war denn auch der Leidtragende dieser Wahl.

Die Wahl bescherte der NPD den ersten Bürgermeister, Müllermeister Hermann Donath (der in Stockheim 52,5 Prozent der abgegebenen Stimmen erhielt), sowie zahlreiche Kreistags-, Stadt- und Gemeinderatssitze

Im Passauer Kommunalparlament errangen die NS-Nachfolger zwei von 32 Plätzen - ebensoviel wie eine Wählergemeinschaft aus FDP, GDP, Bayernpartei und Freier Bürgervereinigung zusammengenommen.

Und »im Bayreuth Wagners, dem in der Hitlerzeit die Rolle eines nazistischen kulturellen Mekkas zugefallen war« ("Svenska Dagbladet"), gaben 8,4 Prozent der Wähler ihre Stimme der NPD. Messer-Fabrikant Walter Leupold, der praktische Arzt Leo Geyer und Generalmajor a. D. Adolf Wolf kommen in den Stadtrat.

Erinnerungen weckte in Nürnberg, einst »Stadt der Reichsparteitage«, eine Demonstration von etwa 400 NPD-Anhängern am Sonnabend vor der Wahl. Nationaldemokraten fielen über rund 20 Jugendliche her, die sich zu einer Gegendemonstration formiert hatten. Die Polizei räumte mit Gummiknüppeln das Schlachtfeld.

Auch die Bundeswehr stellte ihren Mann: In Roth bei Nürnberg kandidierte Hauptmann Ulrich Horner für den zweiten Aufguß der Führer-Partei. Er kam ins Gemeindeparlament.

Ihren Erfolg in Bayern verdanken die Nationaldemokraten in erster Linie den Wählerreserven im mittleren Franken, einer Region mithin, in der »schon zehn Jahre vor 1933 geistige Vorläufer der NPD« siegreich waren (SPD-Vize Fritz Erler).

So bekam in Bayreuth (NPD-Anteil 8,4 Prozent) die NSDAP bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 die absolute Mehrheit von 52,6 Prozent. In Erlangen (NPD: 8,2 Prozent) erhielten im März 1933 die Nazis 42,6 und in Ansbach (NPD: 4,9) im Juli 1932 gar 53,2 Prozent.

Nach dem Kriege fand in Franken Bayerns FDP ihr stärkstes Wählerfundament, Jetzt aber wurden die Freidemokraten, so schwärmte das NPD-Blatt »Deutsche Nachrichten« in einem ersten Kriegsbericht, »mancherorts regelrecht aufgerieben«.

In vielen Fällen ging der Erfolg der NPD direkt zu Lasten der FDP - so in Nürnberg, wo die Nationaldemokraten 7,3 Prozent der Stimmen gewannen, die Freidemokraten hingegen von bisher 13,2 auf 6,9 Prozent abrutschten.

Die nationalistische Konkurrenz der FDP rührt an die Existenz der Partei in der bayrischen Landespolitik. Denn: Um nach den Landtagswahlen id kommenden November wieder in das Münchner Parlament einziehen zu können, muß sie laut Wahlgesetz in einem der sieben Regierungsbezirke mindestens zehn Stimmprozente an sich bringen - eine Barrikade, die von den Freidemokraten bislang nur im Bezirk Mittelfranken (Landtagswahl 1962: 11,2 Prozent) mühsam bewältigt worden ist. Ein Verlust von nur 20 000 mittelfränkischen Stimmzettel an die NPD würde genügen, die Partei aus dem Landesparlament zu kippen.

Franz Florian Winter, 42, Metzgermeister und Bayerns NPD-Chef, ist entschlossen, den Freidemokraten ein solches Desaster zu bereiten. Winter, der mit einigen Kameraden im Vorjahr an NS-Kriegsverbrechergräbern auf dem Friedhof Landsberg Blumen niederlegte, erhielt in Tegernsee (prominentester Bungalow-Besitzer: Ludwig Erhard) 9,4 Prozent der Stimmen und zieht in den Stadtrat ein.

NPD-Prominenz*: Nicht so toll

* Fritz Thielen, NPD-Bundesvorsitzender,

Franz Florian Winter, NPD-Landesvorsitzender in Bayern, Gertraud Winkelvoß und Otto Heß, NPD-Vorstandsmitglieder, Adolf von Thadden, stellvertretender Bundesvorsitzender, und Vorstandsmitglied Waldemar Schütz (v.l.n.r.) Im August 1955 auf dem Friedhof der Strafanstalt Landsberg.

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