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CHINA Beule und Brille

Wer in Peking oder Shanghai reich ist, lebt unter Umständen gefährlich und sucht deshalb Schutz. So blüht eine neue Branche auf: Bodyguards.
aus DER SPIEGEL 16/2007

Er hat ausländische Staatsgäste beschützt und auch Spitzenfunktionäre bis hinauf ins Politbüro. Wenn Ex-Parteichef Zhao Ziyang, der nach dem Tiananmen-Massaker im Juni 1989 unter Hausarrest stand, Golf spielen durfte, schirmte er ihn vor Kontakten mit der Außenwelt ab.

Zhe Meijie, 42, ist Leibwächter von Beruf. Früher gehörte er dem Sicherheitsbüro von Zhongnanhai an, der chinesischen Machtzentrale im Zentrum von Peking. Als junger Polizist patrouillierte er um die roten Mauern, später gehörte er zu den kurzgeschorenen Männern mit dem Stöpsel im Ohr und der Beule im Jackett. Der Spezialist in Wushu, der chinesischen Kampfkunst, brachte es zum Oberstleutnant.

Dabei blieb ihm der Ernstfall erspart. Nahe dran war er nur, als der Motor eines Autos in der Nähe Jassir Arafats eine Fehlzündung hatte, die Zhe und seine Kollegen als Schuss missverstanden. So gesehen ging er einem ruhigen Job nach. »Es ist ziemlich sicher in China«, sagt er.

Bei Staatsbesuchen mag das heute immer noch so sein. Im Alltag geht es allerdings mittlerweile aufregender zu. Da wird es gelegentlich ungemütlich vor allem für jene, die von den ökonomischen Reformen im Riesenreich profitiert haben. Seit die KP es einigen ihrer Untertanen erlaubt, furchtbar viel Reichtum anzuhäufen, leben 14 Dollarmilliardäre und rund 240 000 Millionäre in China.

Das weckt Begehrlichkeiten. Es gibt Geschäftsleute, die schon mal Killer anwerben, um ihre Konkurrenten beseitigen zu lassen. Es gibt skrupellose Bosse, die sich der Arbeiter, die ihre Löhne einfordern, erwehren wollen. Es gibt Verbrecher, die einen der neuen Reichen erpressen oder entführen, um an dessen Vermögen zu kommen.

Seither hat die Sicherheitsbranche einiges zu tun. Junge Burschen in meist schlechtsitzenden Phantasieuniformen bewachen Restaurants, Geschäftszentren und Wohnviertel der Wohlhabenden. Andere spezialisieren sich auf den persönlichen Schutz Prominenter, auch wenn die Regierung eigentlich private Bodyguards verbietet. Deshalb nennen die sich »Risikomanager« oder »Sicherheitsberater«. Zahllose private oder halbprivate Firmen sind da entstanden, ein kleines Schattenreich ganz wie im richtigen Kapitalismus.

Auch Zhe, ein schmaler, drahtiger Mann, hat sich selbständig gemacht, schon vor sieben Jahren. Er ist der Chef des »Pekinger VIP-Spezial-Sicherheitsdienstes«, und in dieser Eigenschaft tut er das, was er immer getan hat: Er schützt seine Kunden vor Attentaten und Entführungen.

Knapp 4000 Menschen wurden im Jahr 2004 in China gekidnappt. Eine berüchtigte Bande zerrte zum Beispiel den bekannten Schauspieler Wu Ruofu aus seinem BMW und versteckte ihn nördlich von Peking. Die Gangster verlangten 2,1 Millionen Yuan (rund 200 000 Euro) Lösegeld, doch die Polizei kam ihnen schon nach wenigen Stunden auf die Schliche und befreite Wu.

Weniger glimpflich endete ein anderer Entführungsfall. Yun Quanmin, ein schwerreicher Textilunternehmer in der Inneren Mongolei, wurde auf dem Weg zu seiner Fabrik verschleppt. Die zwei Entführer forderten fast 500 000 Euro, die Familie zahlte knapp die Hälfte. Die Kidnapper begruben Yun lebendigen Leibes.

Wenige Tage später griffen sich Verbrecher den sechsjährigen Sohn eines Geschäftsmanns in der nördlichen Provinz Henan. 400 000 Euro wollten sie für die Freilassung. Der Vater schaltete die Polizei ein, die das Versteck schnell fand - der Junge war an einem Knebel erstickt.

Um die Ganoven nicht auf sich aufmerksam zu machen, treten viele Millionäre in der Öffentlichkeit möglichst bescheiden auf. »Die beste Methode ist, kein auffälliges Auto zu fahren«, sagt Seifenopern-Star Li Yapeng.

Andere lassen sich - wohl auch aus Eitelkeit - von bulligen Männern mit Sonnenbrille den Weg aus der Karaoke-Bar zum Mercedes bahnen. Das ist etwas für Zhes Firma. Bis zu 3000 Euro müssen die Auftraggeber für einen Leibwächter im Monat zahlen, plus Kost und Logis.

Rund 200 000 Personenschützer sollen inzwischen in ganz China im Dienst der Reichen und Schönen stehen. Vor allem die südlichen Industrieprovinzen Guangdong und Fujian mit ihren Tycoons und Mafiabanden gelten als Wachstumsregion für Kidnapper.

»Wir haben 70 bis 80 permanente Kunden«, berichtet Zhe, in dessen Büro in einem Wohnblock im Nordwesten Pekings zwei daoistische Götterfiguren nebst abgebrannten Räucherstäbchen stehen. In kariertem Hemd und beigefarbener Hose sitzt er hinter einem großen braunen Schreibtisch. An der Wand hängen Fotos, auf denen er etwa hinter dem damaligen Ministerpräsidenten Li Peng zu sehen ist, mit Sonnenbrille.

Zhe ist gut im Geschäft. Seine Prätorianer schirmen Künstler wie den Tenor Luciano Pavarotti oder Sportler wie David Beckham und Ronaldo bei Auftritten in China vor aufdringlichen Fans ab. Zu den Kunden gehören Direktoren ausländischer Unternehmen wie Mitsubishi oder Nike.

Wer bevorzugte Behandlung nötig hat, kann den »VIP-Empfang« buchen. Für 500 Euro pro Auto und Tag eskortieren dann Polizeiwagen ausländische Manager mit Blaulicht zu ihren Verhandlungen durch die Straßen Pekings. Die Autos leiht sich Zhe von seinen früheren Kollegen. ANDREAS LORENZ

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