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Beunruhigende Symptome

Persische Soldaten sterben wie Senfgas-Opfer des Ersten Weltkrieges *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Die Photos waren entsetzlich: Geschwüre und Eiterblasen, verätzte Hautflächen. Der Bilder-Schock in der Konferenzhalle galt den Besuchern des Hilton-Hotels in Teheran: Die Mullah-Regierung hatte Mediziner aus dem Ausland eingeladen, um verletzte iranische Frontsoldaten untersuchen zu lassen.

Das war im November vergangenen Jahres. Damals stellten britische Spezialisten fest: »Die Iraker setzen Gas gegen die Perser ein, kein Nervengas, sondern eine Art Senfgas.« Niemand wollte das so recht glauben.

Vier Monate später schaffte der Iran per Flugzeug 15 schwerverletzte Soldaten der Februar-Offensive bei Basra in europäische Kliniken in Wien, Stockholm und Uppsala. Drei der Soldaten, zwei 17jährige und ein 42 Jahre alter Mann, sind dort in der vorigen Woche gestorben. Untersuchungen bestätigten: Sie waren Opfer chemischer Gifte.

Senfgas (chemische Formel: ClCH2-CH2S-CH2-CH2Cl), auch Lost genannt, wurde von deutschen Chemikern erfunden und im Ersten Weltkrieg von 1917 an eingesetzt. 91 000 Soldaten sollen auf beiden Seiten bis 1918 an Senfgas und seinen seit 1915 verwendeten Vorläufern gestorben sein, 1,3 Millionen erlitten Verletzungen. Prominentester Verwundeter: Adolf Hitler.

Der braune, ölige, stechend riechende (in gereinigter Form aber geruch- und farblose) Kampfstoff verursacht monatelang anhaltende Qualen, unter anderem Dauer-Erbrechen, Schwindel, Fieber, Abszesse, Lungen- und Augenentzündungen, die zum Erblinden führen können.

Die Schrecken des Gaskrieges führten 1925 zu dem von bisher mehr als 120 Nationen unterzeichneten »Genfer Protokoll«, in dem die Anwendung chemischer und biologischer Waffen geächtet wurde.

Iran und Irak gehören zu den Unterzeichnern. Als letzte ratifizierten die Amerikaner 1975 das völkerrechtlich bindende Abkommen. Vorher hatte die US-Luftwaffe 40 000 Tonnen Herbizide in Vietnam abgesprüht.

Im Zweiten Weltkrieg setzten Japan (gegen China) und Italien (in Abessinien) Gas als Massenvernichtungsmittel ein. Viele der Unterzeichner-Länder haben Kampfgas-Depots, allen voran die UdSSR.

Die Bundesrepublik verzichtete 1954 ausdrücklich auf Herstellung, Besitz und Anwendung chemischer Waffen. Gedeckt vom alliierten Truppenstatut lagern jedoch die Amerikaner größere Mengen der Nervengifte GB und VX in bundesdeutschen Depots (SPIEGEL-Titel 8/1982).

Immer wieder wird von den Nachkriegs-Kampfplätzen der Welt über den Einsatz von C-Waffen berichtet. Das Gerücht, Sowjets und Vietnamesen versprühten in Afghanistan, Laos und Kambodscha giftigen »gelben Regen«, hat sich trotz heftiger Bemühungen des State Departments in Washington nicht verifizieren lassen.

Mit einer gewissen Skepsis sind auch die Irak-Erkenntnisse des amerikanischen Außenministeriums einzuordnen.

Der Irak, so die Amerikaner, besitze Fabriken, die Senfgas produzierten, eine davon liege etwa 220 Kilometer südlich von Bagdad. Seit Juli vorigen Jahres hätten irakische Militärs das Gift mehrfach eingesetzt, eine »dramatische Eskalation« habe es in den letzten vier Wochen gegen die »massiv anbrandende Menschenwoge« der iranischen Gotteskrieger gegeben. Ein irakisches Regierungsmitglied, das den Einsatz des chemischen Kampfstoffes nicht zugeben wollte, sagte gegenüber dem SPIEGEL, Bagdad habe Giftgase vor zwei Jahren von England gekauft. London streitet dies ab - England habe 1957 sämtliche Senfgasbestände vernichtet.

Eine Delegation des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), die in Teheran 160 Verwundete untersuchen konnte, hat Mitte letzter Woche erklärt, im iranischirakischen Krieg würden »vom Kriegsrecht verbotene Stoffe« eingesetzt, an den verletzten iranischen Soldaten hätte sie »beunruhigende Symptome« festgestellt.

Die Symptome sind identisch mit denen, die auch den behandelnden Ärzten in Wien und Stockholm an ihren aus dem Iran eingeflogenen Patienten auffielen:

Das Knochenmark der Verwundeten scheint geschädigt, alle Schleimhäute vom Mund über die Luftröhre bis in die Lungenbläschen seien schwer angegriffen, die Zahl der weißen Blutkörperchen verringere sich, das körpereigene Immunsystem breche zusammen.

Der Mediziner Herbert Benzer von der Anästhesieklinik des Allgemeinen Krankenhauses Wien führt das Krankheitsbild auf »irgendeinen Giftstoff zurück, der wesentliche Gewebestrukturen zerstört hat«. Man wisse, »daß Patienten bei Senfgas auf vergleichbare Weise sterben«. Das Gift, dem die Iraner offensichtlich ausgesetzt waren, sei ähnlich aggressiv wie Zytostatika - in ihrer chemischen Zusammensetzung dem Senfgas verwandt -, die bei Krebskranken als Medikament verwendet würden.

Daß die Verletzungen ihrer Patienten »von chemischen Stoffen« herrühren, darüber haben auch die schwedischen Mediziner in Stockholm und Uppsala »zu 98 Prozent Gewißheit«, so der Arzt Johan Santesson, Experte für chemische Kampfstoffe an der Forschungsanstalt der schwedischen Streitkräfte.

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