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SCHULEN Beyde Sprachen

Ist die Reform der gymnasialen Oberstufe fehlgeschlagen? Kritiker beklagen eine verminderte Studierfähigkeit der Abiturienten.
aus DER SPIEGEL 38/1981

Die Vorlesung »Einführung in die Physik I mit Experimenten für Chemiker, Geographen und Biologen« an der Universität zu Freiburg war erst zwei Tage alt, als Professor Helmut Spehl »eine geradezu unglaubliche Katastrophe« erlebte.

Ein anonymer Test, der Aufschluß über die physikalischen Vorkenntnisse seiner Hörer geben sollte, machte dem Dozenten überdeutlich klar, daß er eine »Mehrheit von physikalisch-mathematischen Analphabeten« vor sich hatte -- durchweg Studenten der Naturwissenschaften.

Das Körpervolumen eines Erwachsenen hatten die meisten Studenten ebensowenig richtig bestimmen können wie den Strom in einer elektrischen Kochplatte. Den »Energiesatz in der einfachsten Form (kinetische Energie + potentielle Energie = konstant)« schrieb gerade einer von 80 Testteilnehmern korrekt nieder.

Mehr Testbögen mochte der konsternierte Professor gar nicht durchsehen. »Aus psycho-hygienischen Gründen«, wie er es selber nannte, stellte er die Auswertung nach 80 von 215 Testbögen ein. Und als die Schmalspur-Physiker auch noch hin und wieder seine Vorlesung vorzeitig verließen, sei es, weil sie nichts verstanden, oder auch nur, weil sie rechtzeitig zu einem der bis zu sieben Kilometer entfernten anderen Freiburger Uni-Institute aufbrechen wollten, da schmiß Spehl hin. Er stellte seine Vorlesung für die Nebenfächler, kaum begonnen, kurzerhand wieder ein.

Zu gleichsam »katastrophalen« Ergebnissen kam auch der Kölner Universitäts-Professor Hans K. Schneider, als er mathematische Kenntnisse von angehenden Wirtschaftswissenschaftlern testete. Nur 8,2 Prozent besaßen die für ihr Studium erforderlichen Schulkenntnisse, ermittelte der Hochschullehrer, 36,4 Prozent kamen mit ihren Rechenkünsten über das Niveau der Klasse 10 nicht hinaus.

»Erschreckend« fand das Mainzer Innenministerium im Frühjahr, was sich an Bewerbern für den Polizeidienst präsentierte: Von 78 Abiturienten scheiterten 38 an leichten Diktaten, 48,7 Prozent. In Hessen waren es immerhin noch 20 Prozent der Kandidaten mit Hochschulreife, die nach Rechtschreibübungen gleich wieder nach Hause gehen durften.

Das sind keine Ausnahmefälle. Von einem »Niveauverlust der Abiturienten« ist zunehmend die Rede, sogar von einer »verminderten Studierfähigkeit«, wie der Kieler Universitätspräsident Gerd Griesser meint.

Nach Beobachtungen von Rechts-Professor George Turner, dem Präsidenten der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK), haben sich die Durchfallquoten bei den ersten Studienprüfungen »beträchtlich erhöht« -in Mathematik zum Teil auf über 50 Prozent. Und schon scheint manchem, wie dem Kieler Griesser, das Abitur nicht mehr als Beleg allgemeiner Hochschulreife, sondern lediglich »als Nachweis für einen Gymnasialbesuch«, sind mancherorts spezielle Vorbereitungskurse für Erstsemester notwendig.

Nun hat »Kritik an der Studierfähigkeit« in Deutschland schon Tradition, wie Hermann Granzow, Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, erinnert. So beklagte schon 1787 der hallische Universitätskanzler von Hoffmann die Unwissenheit vieler Studenten »nicht allein in den beyden gelehrten Sprachen, sondern auch in den übrigen noch wichtigern Vorkenntnissen, die sie von den Schulen mitbringen sollten«.

Aber bagatellisieren lassen sich die Klagen der Hochschulen, die selber um ihr Ansehen ringen, deswegen nicht. Denn von einer umfassenden Umorganisation der Gymnasien hatten sich Bildungsexperten gerade das Gegenteil erhofft: individuelle Begabungsentfaltung durch die »reformierte Oberstufe« (RO).

Das Kürzel umschreibt die Neugestaltung des Unterrichts in den Gymnasialklassen 11 bis 13, die, schon 1972 von den westdeutschen Kultusministern beschlossen, erst seit rund vier Jahren allenthalben gängige Praxis ist. In dieser Schulphase ist der früher übliche Unterricht in Jahrgangsklassen -- nach festgelegten, verbindlichen Stundenplänen -- abgeschafft.

Die Absichten, die dieser Änderung zugrunde lagen, wurden von den Kultusministern präzise erläutert: eine »Konzentration der Bildungsstoffe« S.65 und »Vertiefung des Unterrichts« zu erreichen sowie die »Erziehung des Schülers zu geistiger Selbständigkeit und Verantwortung« zu fördern und ihn »schon auf der Schule an wirklich wissenschaftliche Arbeitsweisen heranzuführen«.

Die reformierte gymnasiale Oberstufe soll denn auch stärker nach Begabung und Leistung unterscheiden und teilt deshalb das Unterrichtsangebot, im Verhältnis zwei zu eins, in einen Pflicht- und Wahlbereich mit weitgehenden Gestaltungsmöglichkeiten für die Schüler auf.

Dem Freiraum werden Grenzen nur insoweit gesetzt, als, bei leichten Abweichungen in Einzelfällen, während der Schuljahre 12 und 13 mindestens zwei Halbjahreskurse in Deutsch, Literatur/Kunst/Musik, einer Fremdsprache und Mathematik sowie vier Kurse in einer Naturwissenschaft (Biologie, Physik oder Chemie) belegt werden müssen.

Die einzelnen Fächer werden nicht mehr in Klassen, sondern in Leistungskursen (zur Vertiefung wissenschaftlichen Verständnisses) und in Grundkursen (zur Vermittlung grundlegender Kenntnisse) unterrichtet.

Das Abitur wurde durch diese Neuerung auf vier Prüfungsfächer beschränkt, auf zwei Leistungs- und zwei Grundkurse, die von den Schülern zu Beginn des Kurssystems selbst bestimmt werden.

Einzige Einschränkung: Als Leistungsfach muß entweder eine Fremdsprache oder Mathematik oder eine Naturwissenschaft genommen werden. Die vier Abi-Fächer müssen zudem das sprachlich-literarisch-künstlerische Aufgabenfeld (etwa Deutsch, Fremdsprachen, Literatur, Kunst und Musik), das gesellschaftswissenschaftliche (Geschichte, Erdkunde, Gemeinschaftskunde, Philosophie) und das mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Aufgabenfeld (Mathematik, Physik, Biologie, Chemie) abdecken.

Die solchermaßen umgekrempelte Oberstufe erfordert enorme organisatorische Mehrarbeit für Lehrer und Schulleiter, etwa bei der Planung der frei wählbaren Kurse oder der komplizierten Berechnung der Schülernoten, die nicht länger nach Zensuren, sondern nach Punkten bemessen werden (im Abitur sind maximal 900 Punkte erreichbar).

Heraus kam freilich nicht nur ein Schulsystem mit individuell unterschiedlichen Lern- und Prüfungsschwerpunkten, sondern auch eine Bürokratisierung des Schulbetriebs mit »Bergen von Erlassen, Reformdekreten, vorläufigen Einführungs- und überarbeiteten Durchführungsverordnungen«, wie sie der Oldenburger Oberstudienrat Erhard Brüchert beschreibt (siehe Seite 68), vor allem aber ein verändertes Bildungsprofil vieler Abiturienten.

Hochspezialisiertes Fachwissen in manchen Fächern paarte sich mit mangelhaften Kenntnissen in anderen. Denn den Kampf um Zehntelnoten vor Augen, der unter den Bedingungen des Numerus clausus in der Bundesrepublik typisch geworden ist, nutzten viele Oberschüler die Wahlfreiheiten auf ihre Weise:

Sie ließen, nur scheinbar paradox, ihre Studienwünsche erst mal unberücksichtigt und wählten schwierige Fächer wie Physik und Mathematik zugunsten vermeintlich leichterer wie Biologie oder Gemeinschaftskunde einfach ab. Das Ergebnis waren vielfach, wie CDU-Kultusministerin Hanna-Renate Laurien bald herausfand, »Oberprimaner ohne Deutsch-, Mathematik- und Fremdsprachenunterricht«.

Die Wahlfreiheiten ermöglichen einem Gymnasiasten in Düsseldorf zum Beispiel, mit der Prüfung in Englisch, Sozialwissenschaften, Biologie und Musik das Abitur abzulegen -- keine Mathematik, kein Deutsch, keine Physik oder Chemie, und das ist so oder ähnlich auch in anderen Ländern möglich.

Mit Physik, ermittelte die Deutsche Physikalische Gesellschaft, beschäftigten sich nach der Reform gerade noch 10 bis 15 Prozent der Oberstufenschüler, vormals waren es immerhin noch rund 30 Prozent. Und daß bei solchen Entscheidungen mitnichten Neigungen und Vorlieben maßgebend sind, sondern oft taktisches Punktesammeln vorgeht, bestätigen in einer Untersuchung auch 88 Prozent von 1167 Hamburger Oberstufenlehrern mehr oder weniger uneingeschränkt.

Die Auswirkungen derartigen Schülerverhaltens liegen für die Kritiker der neuen Oberstufe auf der Hand. Da wird »ein solides Fundament«, zum Teil sogar das einfachste »Handwerkszeug« der neuen Studentengeneration vermißt. Die Bayerische Industrie- und Handelskammer etwa stellt eine extreme Verarmung des Wortschatzes bei Schülern »bis hinauf zum Abitur« fest -- so arg, wie die »Welt« in einem Kommentar sekundierte, daß sich »studentische Flugblätter in Stil und Rechtschreibung von Schwarze-Brett-Anschlägen in einem Gastarbeiterwohnheim kaum noch unterscheiden«.

Für die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände läßt sich sogar »nachweisen«, daß die reformierte Oberstufe mit ihren Wahl- und Abwahlmöglichkeiten »verantwortlich für den Mangel an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern« in der Bundesrepublik (SPIEGEL 27/1981) ist.

Kaum daß die Reform zehn Jahre alt ist, wollen manche Bildungspolitiker denn auch schon wieder darangehen, die Reform zu reformieren -- etwa der baden-württembergische CDU-Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder, der konservative Philologenverband oder auch die Westdeutsche Rektorenkonferenz, die einst maßgeblich zur Neugestaltung der Oberstufe beitrug.

Ein obligatorischer Fächerkanon mit Deutsch, Mathematik, Physik oder Chemie, Fremdsprachen, nach Möglichkeit auch Geschichte und Sozialwissenschaften für alle Abiturienten soll wieder her -- also das System von ehedem, das die Kultusminister 1972 einmütig an die »Anforderungen einer sich verändernden Gesellschaft« anpassen wollten.

Ob manch offenkundiger Ungereimtheit in der Ausbildung bundesdeutscher Pennäler freilich durch eine abermalige Änderung der Oberstufe abgeholfen werden kann, ist fraglich. Dem Unionspolitiker Werner Remmers etwa, Kultusminister in Niedersachsen, wird bei der Kritik an der gymnasialen Oberstufe S.68 viel »zu wenig« beachtet, daß die Schüler »in verstärktem Maß« aus der Mittelstufe »und sogar aus der Grundschule Defizite mitbringen, die erst in der Oberstufe voll durchschlagen«. Hier räche sich die Erweiterung der Schule »zu einem Supermarkt der aufgedrängten Inhalte und Probleme«.

Auch Staatssekretär Granzow vom Bundesbildungsministerium möchte trotz »einiger unangenehmer Begleiterscheinungen« nicht der Oberstufenreform die Hauptverantwortung für die Ausbildungsmängel der Abiturienten anlasten. Dabei scheint sein Beweismittel auf den ersten Blick gerade die Kritik an der Neuerung zu belegen.

Der Sozialdemokrat präsentierte unlängst den Schlußbericht eines von seinem Ministerium geförderten Hochschuleingangstests von rund 3800 Studienanfängern der Physik. Amtliches Ergebnis der Untersuchung, die zum Teil bereits an die Öffentlichkeit gelangt war (SPIEGEL 37/1979):

Nur 49 Prozent der Mathematik- und 42 Prozent der Physikaufgaben konnten von den Erstsemestern richtig gelöst werden, obschon mathematischnaturwissenschaftliche Fächer von 75 Prozent als Schwerpunkt ihrer Schulausbildung genannt worden waren und obschon, so Granzow, ganz »primitives Urwissen« abgefragt wurde. Etwa: Wie kommt eine Mondfinsternis zustande?

Bei näherem Hinsehen gereichte das Testergebnis der reformierten Oberstufe aber wenigstens partiell zur Entlastung. Denn dort, wo alte und neue Oberstufen zum Zeitpunkt der Untersuchung noch nebeneinander existierten, etwa in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, schnitten die Prüflinge der neugestalteten Form »signifikant besser« (Granzow) ab.

Das »eigentlich Erstaunliche« war für den Staatssekretär denn auch das Ausmaß der zu Tage getretenen Mängel, obwohl die Prüflinge Physik und Mathematik gerade nicht abgewählt hatten -- Indiz mithin für die Remmers-These, daß es Versäumnisse der Schulbildung insgesamt sind, die bei Studienbeginn durchschlagen. Die reformierte Oberstufe verstärkt Schwächen, die schon vorhanden sind.

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