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FREIE DEMOKRATEN BH-Größe 4

Nach SPD und CDU wollen nun auch die FDP-Junioren ihre Schüler-Arbeit verstärken: Eine »Liberale Schüler-Aktion« (LISA) soll vom kommenden Wochenende an bundesweit das »Erbe der 68er Bewegung« antreten.
aus DER SPIEGEL 19/1976

Ellen Blaesing-Matthäus, emanzipatorisch engagierte Freidemokratin in Nordrhein-Westfalen, eröffnete dem Landesvorstand der FDP-Jungdemokraten schriftlich, sie habe sich »ziemlich geärgert": Die Parteijunioren hätten sich nicht gescheut. »mit attraktiven Mädchen« zu werben.

Dabei seien es doch, schrieb das FDP-Mitglied, gerade die Jungliberalen gewesen, die noch vor wenigen Jahren die Verwendung »nackter Damen« in der kapitalistischen Werbung mit Formulierungen gerügt hätten wie: »Die Frau soll Männer durch sexuelle Stimulierung zum Kauf verschiedenartiger Produkte anregen.«

Die Empörung der Emanzipierten galt einer hüftenschwingenden, busenstarken Zeichen-Figur, die auf Flugblättern und in Schülerzeitungen LISA personifiziert, die »Liberale Schüler-Aktion«, die von der nächsten Woche an bundesweit gegen starke Konkurrenz antreten soll:

die Jungsozialisten der SPD, denen rund 42 000 Schüler angehören und die seit Anfang 1975 in Bonn einen hauptamtlichen Schülerreferenten beschäftigen und ein Zweimonatsblatt namens »Schüler-Express« herausgeben;

die Schüler-Union der CDU/CSU, die sich gleichfalls einiger Unterstützung durch die Partei sowie durch den CDU-Wirtschaftsrat erfreut und die seit ihrem Senkrechtstart vor drei Jahren 32 000 Mitglieder geworben hat;

die DKP-nahe Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ), die es, obwohl vergleichsweise schülerschwach, durch geschickte Kaderpolitik verstanden hat, in manchen Schülervertretungen ein Drittel der Mitglieder zu stellen.

Vor allem der Vormarsch der Schüler-Union CSU) hat den linksliberalen FDP-Nachwuchs veranlaßt, sich mehr als bisher der Schul-Arbeit zuzuwenden. Am kommenden Wochenende treffen im Freizeitzentrum »Jugendpark« zu Köln-Deutz erstmals 200 Delegierte diverser FDP-Schülerzirkel zusammen, um eine Bundes-LISA ins Leben zu rufen und, so Jungdemokraten-Bildungsreferent Gerhard Schorr, 20, zu beraten, »wie eventuelle weitere Einbrüche der Schüler-Union verhindert werden können«.

Einschlägige Erfahrungen haben die Jungdemokraten bereits in Nordrhein-Westfalen gesammelt, wo LISA seit Oktober vergangenen Jahres landesweit getestet wurde. Dort sind während der letzten Monate vierzig LISA-Gruppen entstanden, die, wie Jungdemokraten-Landeschef Thilo Schelling meldet, die Region an Rhein und Ruhr mit einem »Netz liberaler Schülerzeitungen überzogen« haben; seither werben dort Blättchen mit Titeln wie »Lipo« und »Libero«, » Liberix« und »Libido« für die Linksliberalen.

Ihre flaue Finanzlage -- Schorr: »Die FDP hält sich vorerst zurück« -- versuchen nordrhein-westfälischen LISA-, Anhänger durch Einfallsreichtum wettzumachen: In ihren Zeitungen behelfen sie sich oft mit raubgedruckten Comics und Cartoons; dazu gibt es selbstgemachte Kreuzworträtsel ("CDU-Ideologie« mit neun Buchstaben: »Nostalgie") --

Die Düsseldorfer FDP-Fraktion beeindruckten die LISA-Schüler jüngst mit dem Entwurf eines »Schulmitwirkungsgesetzes«, ihre Mitschüler mit Informationskampagnen zur Berufswahl und mit Studienberatungsangeboten -- Aktionen, die der Landes-LISA auf Anhieb 1500 Verehrer in die Arme trieben.

Obwohl Jungdemokraten-Chef Schelling sicher ist, daß der »durchschlagende Name« LISA ebenso wie die »gewaltigen Körpermaße« der Symbol-Figur dazu beigetragen haben' den Schülerbund populär zu machen, geriet just die offizielle LISA-Personifizierung zum »brennenden Problem« (Schelling): Überall im Lande produzierten Schüler, die Werbung mit Sex als politisch anstößig empfanden, eigene, entschärfte LISA-Gestalten -- mal pummelig (Gruppe Köln), mal pickelig (Gruppe Bonn), mal nur mit Durchschnitts-Oberweite, aber dafür mit leichtem Mona-LISA-Lächeln (Gruppe Aachen).

Auf stärkere Reize glaubten die FDP-Pennäler womöglich auch deshalb verzichten zu können, weil ihre wichtigsten Konkurrenten reichlich angeschlagen wirken. Die Jusos haben im letzten Jahr zwar mehr als 500 Schülergruppen gegründet und Einfluß auf 500 Schülerzeitungen mit einer Gesamtauflage von 1,3 Millionen Exemplaren gewonnen -- doch die um sich greifende Neigung zu politischer Anpassung macht der SPD-Jugend, so scheint es' neuerdings mehr als anderen Gruppen zu schaffen.

Die Schüler-Union wiederum bekommt zu spüren, daß auch konservativen Jugendlichen bei wachsendem Leistungsdruck der Zensurendurchschnitt wichtiger ist als die CDU. »Seit einiger Zeit«, beobachtet Juso-Schülerreferent Joachim Hofmann, »geht das Interesse an der SU an den Schulen merklich zurück«.

Aktiv ist für die Schüler-Union vielerorts nur mehr ein harter Kern »ausgesprochen nationalistisch« auftretender Jugendlicher -- was für den Bundesgeschäftsführer der Jungen Union, Peter Helms, schon vor einiger Zeit Grund genug war, öffentlich auf das »echte Problem« einer Radikalisierung hinzuweisen.

Der Bundessprecher der Schüler-Union, Christoph von Bülow' räumte unlängst in einem Aufsatz über seinen Verband gar ein, trotz eines gelungenen Starts mit »breiter und intensiver Berichterstattung in Presse, Rundfunk und Fernsehen« leide die SU nun unter teils »lebensbedrohenden« Schwächen: Der politische Bildungsstand sei »erschreckend«, an »qualifizierten Sachbeiträgen« etwa zur Schulpolitik mangele es, und noch immer stelle die Schüler-Union keinen einzigen der bundesdeutschen Landesschülersprecher. Ob bei alledem der SU eine »dauerhafte Verankerung innerhalb der Schülerschaft« gelinge. sei »fraglich«.

Mit Freibier-Feten und Grill-Partys jedenfalls, zu denen die gutbetuchte SU häufig einlädt, lassen sich Schüler offenbar nicht auf Dauer an die Union binden. Derlei Angebote. bemerkten die Jungdemokraten, wecken bei politisch interessierten Jugendlichen oft eher Mißtrauen -- ein Umstand, den LISA sich geschickt zunutze macht. »Wir sind«, stellt sich beispielsweise die Aachener Gruppe vor, »keine durch Gratiswürstchen erkaufte Söldnertruppe der Politik«; die Jungliberalen beanspruchen vielmehr, »die Erben der 68er Bewegung« zu sein.

Das Apo-Erbe wollen die LISA-Leute mit einem Kurs sicher, der -- radikaldemokratisch und Linksliberal -- weitgehend mit dem der Juso-Schülergruppen identisch ist, »ohne allerdings deren Fraktionskämpfe und die endzeitlichen Vorstellungen zu übernehmen (Jungdemokraten-Bundesgeschäftsführer Rolf Saligmann). Bei ihrer Bundeskonferenz werden den LISA-Delegierten denn auch Positionspapiere vorliegen, in denen die Jusos als »natürliche Bündnispartner« im Kampf gegen Schüler-Union und DKP-Jugend gelobt werden.

Eine neuerliche Debatte über die Oberweite des Symbol-Mädchens glauben die LISA-Initiatoren vermeiden zu können. Rechtzeitig zum Kölner Kongreß will Nordrhein-Westfalens Schelling den Schüler-Delegierten eine »Kompromiß-LISA« präsentieren -- »mit BH-Größe 4«. Schelling: »Das ist einerseits ansehnlich und andererseits mit dem emanzipatorischen Anspruch des Verbandes vereinbar.«

Nach dieser »kosmetischen Operation« werde LISA, ulkt Schelling, »die Oberstufenschüler weiterhin ansprechen, ohne die Unterstufe zu verwirren«.

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