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GESELLSCHAFT / HOWARD HUGHES BH und Jumbo

aus DER SPIEGEL 51/1970

»Wir wissen nicht einmal«, klagte die Polizei der Spieler-Stadt Las Vegas, »wie der Mann aussieht, den wir suchen.«

Vor 13 Jahren, als er bei seiner Hochzeit mit der Hollywood-Schauspielerin Jean Peters heimlich zum letztenmal photographiert wurde, trug er einen strengen Mittelscheitel und einen schmalen Oberlippenbart.

Einmal rief der Geheimnisvolle den Friseur Eddie Alexander zu sich. »Der Kerl«, berichtete der Barbier, »sah aus wie Moses.«

Ob der 1,90 Meter große amerikanische Dollar-Milliardär Howard Hughes, 64, derzeit streng gescheitelt oder im Moses-Look herumläuft, wissen nicht einmal seine engsten Mitarbeiter. Er gibt seine Anweisungen telephonisch oder schriftlich.

Sicher ist nur, daß Hughes -- Herr über Flugzeug- und Elektronik-Firmen, Fernsehsender und Spielkasinos mit insgesamt 67 400 Beschäftigten -- am Abend des 25. November aus seiner Luxus-Eremitage, dem Penthouse im neunten Stock des Hotels »Desert Inn« in Las Vegas, verschwunden ist.

Genau vier Jahre lang hatte Hughes (geschätztes Vermögen: sieben Milliarden Mark) das wie Fort Knox abgesicherte Penthouse nicht verlassen. Jetzt rätseln Polizei und Hughes-Manager, ob der fast taube Tycoon tot ist oder gekidnappt wurde; ob er nur ein neues Geschäft zur Mehrung seiner Milliarden aufreißt oder einfach mal auf den Bahamas Urlaub macht.

Daß Hughes verschwunden sei, kam erst Anfang dieses Monats an die Öffentlichkeit. Sogleich reisten aus Houston (Texas) die Hughes-Gehilfen Frank W. Gay und Chester C. Davis in Las Vegas an. Sie erklärten den Ch £ der Hughes-Unternehmen in Nevada, Robert A. Maheu, für entlassen und versuchten, die Kassen von sieben Hughes-Spielkasinos zu besetzen.

»Hughes würde das nie tun«, meinte der ehemalige FBI-Agent Maheu zu seiner Entlassung und ließ die Gay-Davis-Kommandos aus den Spielhallen feuern.

Gay und Davis antworteten mit einer Polizeiaktion: Unter-Sheriff Lloyd Beil und Hilfspolizisten durchsuchten die Hughes-Kommandozentrale im Desert Inn. Auch sie konnten keinen Hinweis auf das Verbleiben des Multi-Milliardärs finden.

Hughes »ist ein Teil der großen amerikanischen Legende«, wie der Londoner »Daily Telegraph« schrieb. Mit 18 Jahren erbte Hughes von seinem Vater die Hughes Tool Company (Wert: 600 000 Dollar), die Ölfirmen mit Bohrmaschinen belieferte.

Vier Jahre später produzierte er in Hollywood drei Erfolgsfilme und managte etwa ein Dutzend Stars. Jean Barlow, Lana Turner und Ava Gardner verdanken Hughes ihre Karrieren. Für den Busen-Star Jane Russell konstruierte er einen Spezial-BH.

Er stellte mehrere Flug-Weltrekorde auf und wurde 1938 in New York mit einer Konfetti-Parade gefeiert. Während des Zweiten Weltkriegs konstruierte Hughes den ersten Jumbo der Welt, ein Wasserflugzeug für 750 Passagiere.

Bis 1966 erwarb Hughes 77 Prozent der Aktien bei der Fluggesellschaft TWA, dann verkaufte er sie für 546 549 771 Dollar und beschloß, sein Glück in Las Vegas zu wagen -- freilich nicht als Spieler, sondern als Kasino-Unternehmer.

Für 1000 Mark pro Nacht mietete er das Penthouse auf dem Desert Inn und ließ es von Experten gründlich desinfizieren, weil er eine hypochondrische Angst vor Bakterien hat.

Nach vier Monaten wollte die Hotelleitung den spleenigen Gast loswerden. Dem unsichtbaren und unerreichbaren Hughes wurde der Räumungsbefehl auf einem Zettel unter der Tür zugeschoben. »Was kostet das Hotel?«, fragte Hughes -- per Zettel -- zurück. Es sollte 13,2 Millionen Dollar wert sein.« Gekauft«, malte Hughes auf einen Schnippel.

Zug um Zug drängte Hughes die Mafia aus ihren Spielhöllen und besetzte das Management mit Mormonen. Er kaufte nicht nur fünf andere Hotel-Spielkasinos am »Strip« von Las Vegas auf, sondern auch die Umgebung der Stadt, den lokalen Fernsehsender, den Spieler-Zubringer Air West und einen Flugplatz. Las Vegas sollte Hughes-Town werden,

»Es gibt keinen Grund«, verkündete Hughes 1967, »warum Las Vegas in einigen Jahren nicht so groß wie Houston (950 000 Einwohner) werden kann.«

Las Vegas aber blieb bislang nur ein Spieler-Nest mit 65 000 ständigen Bewohnern. Hughes könnte, so fürchteten die Nevada-Amerikaner, das Interesse für Investitionen in dem Wüsten-Staat verloren haben, und sie vermuten einen Zusammenhang mit seinem Verschwinden.

Hughes sei möglicherweise auf die Bahamas gereist, so spekulierte selbst die »New York Times«, um dort neue Kasino-Konzessionen einzuhandeln.

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