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»Bhutto ist ausgebrannt«

Khan Abdul Wali Khan, Herrscher über das Kriegervolk der Pathanen, ist der schärfste Widersacher des pakistanischen Staatspräsidenten Sulfikar Ah Bhutto. Er führt die oppositionelle »National Awami Party«, die in zwei der vier Provinzen Restpakistans (North-West Frontier und Belutschistan) die Mehrheit hat. In beiden Provinzen gibt es separatistische Bewegungen, blutige Unruhen erschüttern eine dritte Provinz, Sind.
aus DER SPIEGEL 32/1972

SPIEGEL: Khan-Sahib, nach den bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Sind gärt es auch in den anderen Provinzen Restpakistans. Besonders Ihre Pathanen lehnen die Regierung Bhutto immer schärfer ab, warum?

WALI KHAN: Bhutto ist ausgebrannt, am Ende, erledigt. Seine Pakistan People's Party kam über Nacht an die Macht, ebenso schnell wird sie wieder verschwinden.

SPIEGEL: Immerhin hat sie noch die Mehrheit im Parlament.

WALI KHAN: In Wahrheit kann sich Bhutto auf keine demokratische Mehrheit stürzten, denn das Wahlergebnis vom vorletzten Jahr gab dem Bengalen-Führer Scheich Mudschib die Mehrheit. Bhutto regiert mit Ausnahmerecht. In der 25 jährigen Geschichte Pakistans ist noch keine Regierung demokratisch an die Macht gekommen und noch keine mit parlamentarischen Mitteln wieder von der Macht entfernt worden -- Bhutto ist keine Ausnahme.

SPIEGEL: Noch regiert er ...

WALI KHAN: ... ja, mit Terror und großen Sprüchen. Erst hetzt er die Armen auf, dann schickt er ihnen die Polizei auf den Hals und macht gemeinsame Sache mit den Reichen.

SPIEGEL: Was haben die Pathanen dem Präsidenten vorzuwerfen?

WALI KHAN: In unserem Provinzparlament hat Bhuttos PPP nur einen einzigen wackligen Sitz, der obendrein noch von einem PPP-Rebellen gewonnen wurde. Nun versucht Bhutto, durch die Hintertür reinzukommen. In zwei Wahlkreisen sollte es Nachwahlen geben. Dann merkte Bhutto, daß er keine Chancen hatte, und verschob die Wahlen drei Tage vor dem festgesetzten Termin. Offenbar will er hier Unruhe schüren, bis es soweit ist wie in Sind, damit er Gewalt gebrauchen kann.

SPIEGEL: Das klingt wie früher die Klage der Bengalen. Wird Ihre Provinz auch wirtschaftlich benachteiligt wie einst Ostpakistan?

WALI KHAN: All die Jahre wurden wir ausgebeutet. Das hat sich erst gebessert, seit wir über eine eigene autonome Provinzregierung verfügen. Von den Pandschabis haben wir jährlich nur 50 Millionen Rupien Entwicklungsgelder bekommen. In unserem ersten Haushalt wurde der Entwicklungsbedarf mit 310 Millionen festgelegt -- man hat uns also Milliarden vorenthalten.

SPIEGEL: Sie saßen unter den Briten und unter pakistanischen Präsidenten im Gefängnis, Bhutto hat Sie freigelassen. Jetzt beschuldigen Sie ihn, er trachte Ihnen nach dem Leben können Sie das beweisen?

WALI KHAN: Natürlich, meinen Sie, ich sage das so daher? Bhutto hat sich Ostpakistans entledigt, um die Mehrheitspartei loszuwerden. Dann hat er der Armee das Rückgrat gebrochen. Jetzt merkt er, daß er noch mich und meine Partei loswerden muß, um ungestört herrschen zu

können. Erst wollte er uns mit Ministerämtern kaufen, aber da er mich weder kaufen noch austricksen konnte, versucht er nun, mich physisch zu eliminieren.

SPIEGEL: Wie denn?

WALI KHAN: Neulich fuhr ich in die Berge von Dir. Wir wurden überall enthusiastisch begrüßt. Zehn Verräter aber ließen sich kaufen, in einer Schlucht schossen sie auf uns. Angeblich war es ein Racheakt am Khan von Dschandul, der im ersten Jeep saß. Aber im ersten Wagen schlug keine Kugel ein, meiner wurde hingegen von vier Geschossen getroffen. Hätten mich meine Freunde nicht blitzartig aus dem Jeep gezerrt, säße die fünfte Kugel in meiner Stirn,

SPIEGEL: Fürchten Sie, daß sich der Vorfall wiederholen wird?

WALI KHAN: Sicher. Käufliche finden sich immer. Dabei bedenken sie freilich nicht, wie teuer es sie zu stehen kommen wird, wenn wir uns das nicht mehr gefallen lassen.

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