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Bibel und Büchse

Reumütige Umkehr zur Rechtschaffenheit verlangen burische Intellektuelle nach dem Mulder-Skandal. Junge Buren hingegen greifen zu Foltern.
aus DER SPIEGEL 15/1979

Meine Nasenlöcher füllten sich mit Teer«, berichtete der Gefolterte, »vor den Brillengläsern wurde es schwarz, in kurzer Zeit war ich geteert und gefedert.«

Historiker Floors van Jaarsveld von der University of South Africa ist das jüngste Opfer zorniger Jung-Buren, die mit brutalen Methoden vermeintliche Abweichler aus den eigenen Reihen bestrafen.

Mit einer Rinderpeitsche im Stiefelschaft, »wie ein Buren-General im letzten Jahrhundert«, so die »Pretoria News«, hatte der Anführer des Rachekommandos verkündet: »Wir jungen Afrikaaner sind der Entwürdigung und Zerstörung unseres geheiligten geistigen Erbes durch liberalistische Politiker, unnütze Akademiker und falsche Propheten überdrüssig.«

Der Professor hatte es gewagt, den höchsten burischen Feiertag in Frage zu stellen, den »Schwurtag« Jedes Jahr am 16. Dezember gedenken die Nachfahren der meist niederländischen Siedler der Schlacht am Blutfluß von 1838, in der mindestens 4000 Zulu-Krieger von den Buren getötet wurden.

Die Weißen gelobten damals, den Tag, »an dem die christliche Zivilisation über die Kräfte der Dunkelheit siegte«. immer heilig zu halten. Den schwarzen Südafrikanern hingegen, und vor allen Dingen dem Zulu-Stamm, gilt das Datum als bitterste Niederlage durch räuberische weiße Kolonisten in ihrer Geschichte.

Vorsichtig fragte van Jaarsveld: »Können wir es uns heute noch leisten, alljährlich einen nationalen Feiertag zu begehen, der dem größten Teil unserer Bevölkerung als große Schmach erinnerlich ist?« Gerade jetzt jedoch, so glaubt die Mehrheit der Buren, gelte es die Tradition zu pflegen. Sie sind verunsichert durch ständig neue Enthüllungen im Skandal um den lnformationschef Cornelius Mulder, der mit staatlichen Geldern ausländische Zeitungen aufkaufen und in ihnen Propaganda für das Apartheidregime machen wollte (SPIEGEL 13/1979).

Angeblich sind auch Staatspräsident Balthazar Johannes Vorster und Finanzminister Owen Horwood in die Affäre verwickelt, und selbst der Name von Premier Pieter Willem Botha wird in diesem Zusammenhang genannt. Die Reaktion der Buren: Sie klammern sich an die Vergangenheit.

Bibel und Büchse, so die alte Buren-Losung, sollen die weißen Söhne Afrikas auch heute noch stählen. Schon die Altvorderen, so predigen die Pfarrer in überfüllten Kirchen, hätten schwere Prüfungen durchstehen müssen.

In frommen Bibelkreisen wird sogar gemunkelt, daß fremde, finstere Mächte hinter den Enthüllungen um das Informationsministerium steckten. Die Tatsache, daß Journalisten, zudem von der progressiven englischsprachigen Oppositionspresse, den Skandal um die Mächtigen und ihre Millionen aufdeckten, erscheint etlichen Buren suspekt.

»Kommunisten, Liberale und Gottlose«, vermutet Premier Botha, hätten der Buren-Republik den »totalen Krieg« erklärt. Deshalb gilt auch heute noch die Devise des geschaßten Informationsminister Cornelius Mulder: »Wenn das Überleben auf dem Spiel steht, gelten keine Spielregeln mehr.«

Unerschütterlich, wie es die staatsnahen Calvinisten-Kirchen und das regierungskontrollierte Radio und Fernsehen predigen, ist der Glaube der Buren an sich selbst.

Um so mehr kränkt sie das Urteil der Außenwelt über ihre Regierenden, die sieh gern als die Saubermänner Afrikas darstellen.

»Die Vorstellung, die Buren seien ein Volk, das an seine Regierung strenge ethische Maßstäbe anlege, ist nunmehr als Mythos entlarvt«, schrieb beispielsweise das amerikanische Nachrichtenmagazin »Newsweek«. Selbst den dickhäutigen Buren dämmerte es wohl, meinte die Johannesburger »Rand Daily Mail«, daß ihre »Position heute gefährdeter ist denn je«.

Der angesehene Kolumnist Willem de Klerk forderte in der afrikaanssprachigen Sonntagszeitung »Rapport« die reumütige Umkehr zu »Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit und Nüchternheit ... der harte, gute Kern des Afrikaaners muß wieder zum Vorschein kommen Noch sieht es nicht so aus. Nach dem flüchtigen früheren Staatssekretär Eschel Rhoodie, der kürzlich im britischen Fernsehen mit seiner ehemaligen Regierung abrechnete, hat nun auch Ex-Minister Mulder seiner Verbitterung Luft gemacht.

In »Rapport« beschuldigte er den früheren Kabinettschef und heutigen Präsidenten Vorster, von Anfang an über die geheimen Propagandaprojekte informiert gewesen zu sein. Vorster, der als Staatsoberhaupt jedweder politischen Tätigkeit abschwören mußte, ließ sofort dementieren.

Nun soll Mulder aus der regierenden Nationalen Partei verstoßen werden, die wohl schlimmste Strafe, die einem Buren-Politiker widerfahren kann. Prompt mobilisierte der geschaßte Minister seine noch immer mächtigen Freunde in der Partei, die Vorster zum Rücktritt und Botha zu Neuwahlen zwingen sollen.

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