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»Bibeln, Kugeln, Wundverbände«

aus DER SPIEGEL 17/1995

Der trübe und rauhe Alltag scheint die Männer früh zermürbt zu haben. Sie tragen Holzfällerhemden und dunkelblaue Baseballkappen; Schmerbäuche wippen über den Gürteln. Sie kommen aus Orten im US-Staat Michigan, die ihre äußere Verwahrlosung offenbar auf die Bewohner übertragen haben.

Andere der Umstehenden stechen dagegen scharf ab. Es sind Männer in Tarnuniformen, die auf einer verschneiten Wiese Krieg spielen - den Bürgerkrieg.

Sie treffen sich nach Feierabend oder am Wochenende, verkleidet in den gefleckten Kampfanzügen, die Gesichter furchterregend mit Tarnfarbe beschmiert. Bis an die Zähne bewaffnet und den Kopf randvoll mit abenteuerlichen Verschwörungstheorien, rüsten sie sich für einen vermeintlichen Überlebenskampf gegen die eigene Regierung.

Hier übt die Guerrilla der »Michigan Militia«, ein paramilitärischer Haufen von selbsternannten Patrioten und politischen Paranoikern, angeführt von Norman Olson, 48, Baptistenprediger und Waffenhändler in einem.

Olson führt in der Gemeinde Alanson eine Brigade der größten Miliz des Landes an; insgesamt habe die Miliz, behauptet er, 12 000 Mitstreiter.

Von Florida bis zum Staat Washington an der Pazifikküste wachsen rechtsradikale Verbände seit einigen Jahren aus dem dumpfen Sumpf eines frustrierten amerikanischen Kleinbürgertums. Ihr Glaubensbekenntnis: »Wir haben die Kontrolle verloren über unser Leben, unsere Kinder, unser Heim.« Das jedenfalls behauptet Ray Southwell, Sprecher der Michigan-Miliz.

Die Michigan-Miliz unterhält Unterorganisationen in 66 Regierungsbezirken des Bundesstaats an den Ufern des Michigansees. Ihre Gruppentreffen werden durchschnittlich von 50 bis 100 Mitgliedern besucht. Sie ist die auffälligste und wohl auch einflußreichste der amerikanischen Bürgerwehren.

Von den Behörden lange unterschätzt und bis heute nicht zentral überwacht, haben sich ähnliche paramilitärische Gruppen seit dem vorigen Jahr bereits in rund 30 Bundesstaaten gebildet. Das schätzt zumindest die Bürgerrechtsgruppe Klanwatch, die rechtsradikale Umtriebe in ganz Amerika beobachtet. Hauptziel der schießfreudigen Vigilanten ist die Verhinderung einer wirksamen Waffenkontrolle durch den Staat.

Das Brady-Gesetz, ein erster zaghafter Schritt, die Waffenflut in den USA durch strengere Kontrollen ein wenig einzudämmen, trieb den Bürgerwehren neue Mitglieder in Scharen zu. Zugleich machte es Präsident Bill Clinton zum Hauptfeind der Waffennarren: Er hatte die Bestimmungen im Herbst 1993 gegen heftigen Widerstand im Kongreß durchgesetzt.

In ihren Bars hetzen die rechten Ultras mit fiesen Sprüchen auf Plakaten. Beispiel: »Stoppt Clinton und ihren Ehemann.«

Formal stützen sich die Freizeitsoldaten auf den zweiten Zusatz der amerikanischen Verfassung. Eine »gutausgebildete Miliz«, heißt es dort, sei »notwendig zum Schutz eines freien Staates; das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, soll nicht verletzt werden«.

Ernst zu nehmende Verfassungsrechtler sind sich einig, daß damit keineswegs das uneingeschränkte Recht auf Waffen jeder Art garantiert wird. Gesetzliche Einschränkungen werden von den Anhängern der Bürgerwehren jedoch als erster Schritt zur völligen Entwaffnung und Entmündigung des Volkes abgelehnt.

Hunderte enttäuschter Waffen-Fans strömten nach Verabschiedung des Brady-Gesetzes in die Gründungsversammlungen der Bürgerwehr eines landesweit bekannten Rechtsradikalen in Montana. »95 Prozent von ihnen sind gute, brave, hartarbeitende Menschen«, versichert Sheriff Jim Dupont aus Montanas Flathead County.

Viele Experten halten die abwiegelnde Einschätzung der Behörden für gefährlich. »Das Ziel der Milizen ist schlicht und einfach die Beseitigung unserer Demokratie«, warnt Abraham Foxman, nationaler Direktor der jüdischen Antiverleumdungsliga. Seine Organisation hat im Oktober vorigen Jahres erstmals in einem umfangreichen Bericht auf die schnell wachsende Gefahr am rechten Rand der amerikanischen Gesellschaft hingewiesen.

»Für Tausende Extremisten ist Amerikas Regierung der Feind«, heißt es darin; die Milizen bereiteten den »massiven Widerstand gegen die Bundesregierung und die Polizeibehörden« vor.

Die Vigilanten haben dabei längst mehr als nur ihre private Aufrüstung im Sinn. »Sie versuchen, die Uhr in vielen Bereichen staatlichen Handelns zurückzustellen - bei der Erziehung etwa, bei der Abtreibung, beim Schutz der Umwelt«, fürchtet die Antiverleumdungsliga.

Besonders bizarr: Die Wirrköpfe wollen einer vorgeblichen Verschwörung Einhalt gebieten, die sie in globalem Maßstab am Werk wähnen. Die Herrscher in Washington, meinen sie, wollten das freie Amerika einer ominösen Weltregierung unter Leitung von Uno oder Nato unterwerfen.

Hinweise auf die vermeintliche Konspiration werden in den Pamphleten der Gruppen und in ihren elektronischen Netzwerken zu Dutzenden verbreitet: *___Pechschwarze Hubschrauber ohne Hoheitszeichen würden ____überall im Land arglose Bürger mit Lasern blenden. *___Gurkha-Truppen und Polizisten aus Hongkong trainierten ____in den Rocky Mountains schon für ihren Einsatz in den ____USA. *___Eisenbahnzüge mit bis zu hundert Waggons ____transportierten Uno-Ausrüstung durchs Land; ____Frachtschiffe mit russischen und ehemals ostdeutschen ____Militärlastwagen sowie Schützenpanzern seien auf dem ____Atlantik unterwegs. *___Gefürchtete Jugendgangs wie die Crips und Bloods aus ____Los Angeles würden von den Agenten der Neuen ____Weltordnung zu »Schocktruppen« und als »Kanonenfutter« ____ausgebildet. *___Die Regierung habe bereits Internierungslager angelegt, ____und das Verkehrsministerium von Michigan befestige ____Aufkleber an den Rückseiten von Verkehrsschildern, um ____Truppenbewegungen zu lenken.

Gegen die von ihnen ersonnenen finsteren Pläne wollen sich die Milizen mit allen Mitteln wehren. »Viele tausend Menschen sind bereit, uniformiert und bewaffnet nach Washington zu marschieren, um Präsident und Kongreß ein Ultimatum zustellen«, tönte Norman Olson.

Sein Sprecher Southwell setzte nach: »Wir bereiten die Verteidigung unserer Freiheit vor; so wie es aussieht, werden Patronen bald genauso wertvoll sein wie Gold oder Silber.« Und der Führer einer Bürgerwehr in North Carolina forderte seine Mitkämpfer bereits auf, die »vier Bs« zu horten: »bibles, bullets, beans and bandages« - Bibeln, Kugeln, Bohnen und Wundverbände.

Im vergangenen September sollten drei Mitglieder der Bürgerwehr von Michigan, die nachts in Tarnanzügen mit geschwärzten Gesichtern und schwerbewaffnet aufgegriffen worden waren, vor Gericht aussagen. Da sammelten sich auf der Straße zwei Dutzend uniformierte Gesinnungsgenossen der Militanten; die Vorgeladenen hingegen tauchten unter und sind seither flüchtig.

»Es ist beunruhigend, wenn Menschen meinen, Abhilfe könne nur der bewaffnete Kampf gegen die Regierung schaffen«, meinte danach ein Offizier der Staatspolizei von Michigan. Der Chef des Detroiter Büros der Behörde für Alkohol, Tabak und Schußwaffen (BATF), einer Spezialeinheit, die auch für den mörderischen Sturm auf das Sektenhauptquartier der Davidianer im texanischen Waco vor genau zwei Jahren verantwortlich war, fand dagegen immer noch Anlaß zur Hoffnung. »Die Milizen werden sich eher der Macht ihrer Stimmzettel bedienen, als eine bewaffnete Konfrontation zur Durchsetzung ihrer Ziele anzusteuern«, glaubte er.

Der Anschlag auf das Bürogebäude in Oklahoma City, in dem sich auch die lokale Dienststelle des BATF befand, hat diese Illusion wohl endgültig zerstört. Womöglich war das Attentat von Oklahoma City als Probelauf für einen noch größeren Anschlag gedacht.

Die Milizionäre schwören nämlich auf ein Kultbuch, in dem eine massive Bombe aus Kunstdünger und Dieselöl beschrieben wird. Die Bombe geht hoch - und zerstört das Hauptquartier des FBI.

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