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Biedermänner und Brandstifter

Von Ulrich Beck
aus DER SPIEGEL 46/1992

Was ist die Lage (in Deutschland im Herbst 1992)? Die Ossis rufen: Wir sind ein Volk. Die Wessis rufen zurück: Wir auch.

»Warum haben wir uns nicht mit Kamerun vereinigt?« stand vor einiger Zeit in der taz. Viele Westdeutsche in allen Etagen und Parteien denken (aber keiner spricht es aus): Wir haben nicht 500 000 Asylsuchende, sondern 17 Millionen. Das ist eigentlich unser Problem. Die Ostdeutschen wissen, daß die Westdeutschen denken, daß sie die Asylanten sind. Man läßt es sie merken. Den einen rauben sie das Geld, den anderen ihre linken Überzeugungen, alle fühlen sich an die gut verdrängte Herkunft der fünfziger Jahre erinnert.

»Diese Parasiten«, heulen die Ossis in sich hinein, »erst müssen wir den Kommunismus ausbaden, während die da drüben sich sonnen konnten, dann werden wir wie die Zigeuner behandelt und mit verlogenen Versprechungen abgefertigt.« Wenn man im Gehirn ein Mikrophon installieren könnte, müßte es so oder so ähnlich die Gedanken aufzeichnen, die den Deutschen Ost und West allmählich den Schlaf rauben, aber noch tabuisiert werden. Und nun kommt die Pointe der Geschichte:

Beide schlagen auf »Asylanten« ein. Die einen werfen Brandsätze, die anderen sprechen Brandsätze, der Rest schaut schockiert oder genüßlich zu. Die Mordanschläge auf Fremde sind auch - es gibt viele Ursachen - ein stellvertretender, versetzter Bürgerkrieg im weniger denn je vereinigten Deutschland.

Dabei ist der semantisch-politische Gehalt des neuen Haßwortes »Asylant« aufschlußreich. Es »läuft, wenn man so will, Amok im gesellschaftlichen Diskurs« (Diana Wong). Der Begriff »Asylant« wird durch keinen Gegenbegriff - Christen-Heiden, Deutsche-Ausländer - eingegrenzt und präzisiert. Er bringt das eindringende, wegnehmende Fremde schlechthin zur Sprache. Alle werden in einen Topf geworfen: anerkannte oder nicht anerkannte Asylbewerber, die »echten« politisch Verfolgten, die Armutsflüchtlinge, die Wirtschaftsflüchtlinge, die Asyltouristen, die Scheinasylanten, die ausländischen Kriminellen, die schwarzen Drogenhändler.

Auch die Sprache macht kurzen Prozeß: Asylbewerber gleich Asylant, gleich Assi, gleich Asozialer. Gerade diese wolkige, widersprüchliche Staats- und Verwaltungskategorie, der im Alltag, wenn überhaupt, nur Ghettoerfahrungen entsprechen, wird zum öffentlichen Zündwort für erste Gemeinsamkeiten im mehr denn je zerstrittenen Deutschland.

Wenn an den Futtertrögen die Messer gezückt werden - das ist ein uraltes Gesetz -, kommen die Fremden wie gerufen, um der Wut und Angst eine Zielscheibe zu bieten. Weil die Deutschen sich wechselseitig an die Gurgel wollen, hetzen sie die Fremden und entdecken mit unverschämter Lust, daß Feindbilder entlasten, ermächtigen, Gemeinsamkeit stiften. Irgendwo hier hat die gar nicht mehr geheime Koalition zwischen Biedermännern und Brandstiftern ihren Grund.

Gottlieb Biedermann, die Hauptfigur in Max Frischs »Lehrstück ohne Lehre«, ist kein Brandstifter, nein, das kann wirklich niemand sagen, er fürchtet sich vor dem Feuer, hofft, wenn die Sirenen heulen, daß die Feuerwehr an seinem Haus vorbeifährt; er trifft Vorkehrungen, um keine Fremden einzulassen, aber als die Brandstifter in seinem Wohnzimmer stehen und ihm schmeicheln, lügt er sich in die Tasche, bietet ihnen Unterschlupf, versucht sie mit Freundschaft zu bestechen, lädt sie zum Gansessen ein und reicht ihnen am Ende die Streichhölzer, mit denen sie sein Haus anzünden: _____« BABETTE (seine Frau): Was hast du denen gegeben? Ich » _____« hab''s gesehen! - Streichhölzer? » _____« BIEDERMANN: Warum nicht. » _____« BABETTE: Streichhölzer? » _____« BIEDERMANN: Wenn die wirkliche Brandstifter wären, du » _____« meinst, die hätten keine Streichhölzer? . . . Babettchen, » _____« Babettchen! »

Wir befinden uns mitten im Drama »Biedermann und die Brandstifter«, nur daß kein Vorhang uns von dem Alptraum befreit. Biedermänner gibt es viele. Selbstverständlich will keiner, daß Asylbewerberheime brennen. Wie ist es nur möglich, daß Menschen Menschen anzünden - furchtbar! Aber viele haben die Brandstifter längst hineingelassen, beispielsweise in die gute Stube ihrer Sprache.

Da werden in mörderischer Absicht Molotowcocktails gebastelt, um sie gezielt in Wohnheime auf Menschen zu werfen, und am nächsten Morgen ist in den Nachrichten von »nächtlichen Randalierern« die Rede, von »jugendlichen Demonstranten«, die »Krawalle« anzetteln. Die Polizei, die aus Gründen, die ihrerseits dringend der polizeilichen Klärung bedürften, meistens zu spät kommt, verhindert hin und wieder das sogenannte Schlimmste, gemeint ist: Beim Abbrennen der Wohnheime sei »nur Sachschaden« zu beklagen. Dieses »nur« wird manchmal im Foto mit abgedruckt: eine schreiende, zusammengebrochene Frau, die Helfer stützen müssen.

Und die brennenden, geschändeten KZ-Gedenkstätten und jüdischen Friedhöfe? (Man kann schon gar nicht mehr mitzählen, und es ist wohl auch besser, darüber gar nicht mehr zu berichten; die britische Königin könnte indigniert sein und die ausländische Presse nutzt ja auch die kleinste Meldung so schamlos aus.) Schlimm genug, weiß Gott! Gott sei Dank aber auch nur Sachschaden, denn die Toten können ja nicht mehr sterben.

Selbst die Süddeutsche Zeitung, wahrlich eine unerschrockene Streiterin für Liberalität, berichtet: »In Greifswald ist es erneut zu Krawallen vor einem Wohnheim ausländischer Studenten gekommen.« Die Polizei habe »Ausschreitungen zwischen den teils alkoholisierten deutschen Jugendlichen und den ausländischen Studenten verhindert«. 1938 hätte die Nachricht geheißen: Die Polizei hat Ausschreitungen zwischen der SA und Juden verhindert. Die Opfer wehren sich gegen ihre Mörder, und in der biedermännischen Sprache heißt das: Die Polizei schlichtet »Krawalle«. Die Verwirrung der Begriffe ist der Unterschlupf, den die Sprachtäter überall den Menschenjägern bieten.

Als die Brandstifter Benzinfässer auf den Dachboden schaffen, hält Gottlieb Biedermann das für einen mißlungenen Scherz: »Andere Kreise, andere Witze! sag'' ich immer.« Das Basteln und Werfen von Brandflaschen scheint zum neuen deutschen Humor, zum Sturm und Drang zu gehören, den man den Jugendlichen der neunziger Jahre zugesteht.

Doch die knusprige Gans, mit der man sie bewirtet, ist der Erfolg, mit dem sie die Politik zum Tanzen bringen. Der Eindruck läßt sich nicht länger von der Hand weisen: Man muß in Deutschland nur kleine Vietnamesinnen anzünden, damit endlich das Grundrecht auf Asyl geändert wird.

Überhaupt dieser Streit um die Änderung des Grundgesetzes. Sicher kann, muß, soll man streiten in der Demokratie. Auch gibt es auf den Zustrom der mobilen Armen in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, keine einfache, schon gar nicht eine moralisch-kristalline Antwort. Aber was will man eigentlich in den berühmt-berüchtigten Griff kriegen mit einem anderen oder keinem Asylrechtsparagraphen? Die ganze Debatte ist doch längst akademisch geworden. Erstens wird es, wenn man so weitermacht, bald egal sein, was im Grundgesetz steht, weil die Menschenwürde in Deutschlands Straßen in Flammen steht.

Zweitens lassen sich - das müßte sich allmählich eigentlich herumgesprochen haben - mit Grundgesetzartikeln kaum Flüchtlingsströme beeinflussen. Das ist etwa so, als wolle man mit der Änderung der Bibel den Ladendiebstahl beenden. Drittens ist eines sonnenklar: Weder die Änderung des Grundgesetzes noch die Nichtänderung wird den Brandstiftern das Handwerk legen. Im Gegenteil: Man gibt dem Löwen Zucker. Das ist Gottlieb Biedermann, wie er leibt und lebt - füttert die Brandstifter, damit sie sein Haus nicht anzünden, und reicht ihnen die Streichhölzer.

In der Grundgesetzdebatte sind die Parteien längst Opfer ihrer symbolischen Politik geworden. Die CDU hat das Thema besetzt und das Unzusammengehörige verknotet: rechtsradikale Gewalt und Änderung des Asylrechts, um die SPD in den Schwitzkasten zu nehmen. Unter machiavellistischen Gesichtspunkten eine Glanzleistung - die SPD ist fast leergeschwitzt.

Aber dieser Erfolg tötet: Der Parteienkonsens, wenn er dann irgendwann irgendwie hervorgequetscht werden sollte, heizt - Absicht spielt da keine Rolle - Gesetzlosigkeit und Gewalt auf Deutschlands Straßen an. Niemand, und ich sage ausdrücklich: auch kein konservativer Demokrat, kann sich doch länger darüber hinwegtäuschen, daß die Brutalität, die in Deutschland aufgebrochen ist und sich normalisiert hat, dadurch zu beenden ist, daß man ihr das Objekt ihres Hasses nimmt. Selbst wenn Deutschland »ausländerfrei« werden sollte (und das ist doch, zugespitzt und zu Ende gedacht, das hinter der Asylbewerber-Abschreckungspolitik steckende Rezept), werden in Deutschland Menschen angezündet werden. Dann gibt es eben, in einem Land, das vom Welthandel lebt, Ausländerhaß ohne Ausländer, oder dran glauben müssen die Behinderten, die Juden - vielleicht auch die Politiker.

Die Frage, wie viele Ausländer dieses Land verkraftet, braucht, will, ist die eine; etwas völlig anderes ist die Menschenbrandstifterei, die sich vor unser aller Augen in unserer guten Stube, in unserem Recht, unserem Denken, unserer Sprache eingenistet hat. Wer diese zwei Fragen miteinander vermischt oder sogar die Grundgesetzänderung als Hebel zur Eindämmung der Gewalt einklagt, handelt entweder grenzenlos naiv oder grob fahrlässig (um das mindeste zu sagen).

Es ist dringend ein Pakt aller Demokraten nötig - nicht nur gegen die Brandstifter, sondern auch gegen die Biedermänner wo auch immer und das Biedermännische im Denken und Handeln, das diese Republik lähmt und sie schnell die Demokratie kosten kann. Dabei müssen Roß und Reiter genannt werden. Jetzt ist die Zeit, wo die zugewiesene, geschenkte Demokratie in Deutschland erworben, erstritten werden kann und muß!

Die Figurenpalette, die Max Frisch in seinem Stück auftreten läßt, kann durch die Wirklichkeit »aufgefrischt« werden. Da ist der Innensenator von Berlin, Dieter Heckelmann (CDU), der steht für Rechts- und Unordnung: »Was sich in den Zustimmungsbekundungen« in Rostock-Lichtenhagen geäußert hat, weiß er, »ist nicht Rechtsradikalismus, Ausländerfeindlichkeit oder gar Rassismus, sondern der vollauf berechtigte Unmut« über »den Massenmißbrauch des Asylrechts.«

Dieser Intimkenner von Motiven, die Brandstifter und ihr applaudierendes Publikum bewegen, hat sich etwas einfallen lassen, um das leidige Asylproblem zu illuminieren. Er befiehlt, die aus den Fugen geratene Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber von West- nach Ost-Berlin, vom Waterloo-Ufer nach Hohenschönhausen zu verlegen, zufälligerweise ein berüchtigtes Rechtsradikalenrevier. Der Mann muß Doktor der politischen Chemie sein, denn er tut dies, zur Rede gestellt, »aus Prinzip«. Dieses muß dann wohl lauten: Die Berliner Feuerwehr löscht mit Diesel!

Das ist kein Ausrutscher oder Einzelfall, sondern weitverbreitete Praxis. Vielleicht haben manche dabei eine kostengünstige Präventivlösung vor Augen: Ein paar Brandsätze, die bekanntlich nicht aus den öffentlichen Kassen finanziert werden müssen, massenmedial ausgeleuchtet, schrecken vom »Massenmißbrauch des Asylrechts« ab, stellen insofern Bürgerinitiativen dar, die dem Staat der leeren Kassen Scherereien und Kosten ersparen. Wie heißt das bei Max Frisch? Gottlieb Biedermann: »Du wirst lachen, Babette, heute vormittag haben wir zusammen sogar die Zündschnur gemessen.«

Nicht nur in Frischs Stück, auch in seiner Realinszenierung mit uns allen regiert das Gesetz der Fassungslosigkeit. Man murmelt dauernd vor sich hin: Das darf doch nicht wahr sein! Genau diese absolute Unglaubwürdigkeit der Wirklichkeit ist aber der Motor, der sie in gang hält. Man könnte dieses Uhrwerk, nach dem die Puppen tanzen, die Dialektik von Entschuldigung und Ermächtigung nennen. Biedermann ist vollständig perplex.

Die Dreistigkeit und Brutalität der Brandstifter, die sich noch nicht einmal verleugnen, nicht heimlich vorgehen, die ungeschminkte Tarnung der Wirklichkeit nehmen, Benzin, Zündschnur, alles offen herbeischleppen, das alles raubt ihm die Sinne, läßt ihm nur eine Möglichkeit: Entweder ich bin verrückt, oder es ist nicht wahr, was ich sehe. So erzwingt die Wiedergewinnung der Fassung Schritt für Schritt die Verharmlosung, die Entschuldigung. Diese wiederum spielt den Brandstiftern alle Macht zu: Das Opfer wird Hilfskraft seiner Opferung. _____« EISENRING (einer der Brandstifter): Wofür halten Sie » _____« uns, Herr Biedermann, offen gesprochen: wofür eigentlich? » _____« BIEDERMANN: Sie müssen nicht denken, mein Freund, daß ich » _____« keinen Humor habe, aber Ihr habt eine Art zu scherzen, » _____« ich muß schon sagen. - » _____« EISENRING: Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die » _____« zweitbeste: Sentimentalität. Was unser Sepp so erzählt: » _____« Kindheit bei Köhlern im Wald, Waisenhaus, Zirkus und so. » _____« Aber die beste und sicherste Tarnung (finde ich) ist » _____« immer noch die blanke und nackte Wahrheit. » _____« Komischerweise. Die glaubt niemand. »

Der Scherz ist allerdings ansteckend, zu scherzen belieben auch die Biedermänner. Der Präsident des Industrie- und Handelstages, Hans-Peter Stihl, ist beunruhigt. Er kann kein Gespräch mit ausländischen Investoren mehr führen, ohne Fragen nach der Ausländerfeindlichkeit der Deutschen zu beantworten. »Der Standort Deutschland ist zu inflexibel, zu teuer und zu ausländerfeindlich.«

Er empfiehlt den Politikern, endlich den Asylparagraphen so zu ändern, daß der Asylbewerberstrom gestoppt wird, und er fragt, pfiffig, ob jene, die für die Beibehaltung des Grundrechts votieren, nicht eine andere Republik wollen. Der Herr Präsident plädiert also dafür, die Ausländer rauszuhalten, um die ausländischen Investoren reinzulocken. Will er die deutsche Exportwirtschaft im Handel zwischen Niederschönhausen und Großkleckersdorf organisieren?

Die Bild-Zeitung meldet in Großbuchstaben: »Asyl: Kohl befürchtet Staats-Notstand«. Der vorbeieilende Zeitungstitel-Leser atmet durch: Will der Kanzler von jetzt an im Asylbewerberheim Rostock-Lichtenhagen nächtigen, um der Welt ein Beispiel zu geben? Nicht nur, weil auf diese Weise endlich die nötigen Zivilbeamten zum Einsatz kommen, auch um zum Fototermin mit Asylantenkindern zu bitten.

Doch nicht Gesetzlosigkeit und Menschenjagd motivieren den Kanzler, zur Großvokabel vom »Staats-Notstand« zu greifen. Er hält vielmehr den Zustrom von Ausländern für völlig unzumutbar. Nacht für Nacht werden Menschen gejagt, den Menschenjägern wird Beifall geklatscht, die Polizei wird systematisch daran gehindert, ihre Aufgabe wahrzunehmen, und der Lenker unserer politischen Geschicke sieht die Opfer, die Asylbewerber, an den Grundlagen dieser Republik rütteln. Sie haben die Unverschämtheit, sich dem Pöbel als Zielscheibe aufzudrängen.

Das Rezept ist klar: weniger Ausländer, keine brennenden Ausländer, keine Staatskrise. Ausländer raus, damit wir euch besser schützen können! »Noch nie in der Nachkriegsgeschichte«, schreibt Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung, »sind Nazis so unverschämt und gewalttätig aufgetreten. Und in keinem anderen Bereich von Straftaten waren und sind die Ermittlungen so beschämend erfolglos. Noch nie haben Politik und Polizei der gewalttätigen Mißachtung, Zerstörung und Verhöhnung der Elementarwerte des Rechtsstaates und der Demokratie so tatenlos zugesehen.

Der Generalbundesanwalt, der sich in Zeiten des linksradikalen Terrors dreimal täglich zu Wort gemeldet hat, weist achselzuckend darauf hin, daß er diesmal leider nicht zuständig sei. Ihm fehlt der Mut zur Zuständigkeit. Muß man ihn daran erinnern, bei wie vielen Straftaten sich sein Haus in den letzten Jahrzehnten für kompetent gehalten hat? Das war nicht nur beim Terror der RAF so. Auch beim Soldatenmord von Lebach im Jahre 1969 beispielsweise hat der oberste Ankläger nicht lange überlegt: Er zog die Ermittlungen an sich, um angesichts der öffentlichen Erregung ein Zeichen zu setzen. Damals, 1969, handelte es sich um ein Einzeldelikt; heute wird die Republik von einer Flut schwerer Straftaten überschwemmt. Ist das Zeichen aus Karlsruhe nur dann notwendig, wenn Soldaten ermordet werden?«

Es handelt sich um einen vagabundierenden Rechtsterrorismus der Straße, der nicht zuletzt seine permanente Ermutigung dadurch erfährt, daß höchste Würdenträger und Wortpräger direkt oder indirekt die Asylsuchenden für die Ausschreitungen gegen sie verantwortlich machen. Wer Gewalt hinnimmt, ermöglicht, indirekt mit erzeugt, wer Verständnis für brandschatzende Horden äußert, sie durch Wort oder Tat begünstigt, kriminalisiert sich selbst. Dies endlich öffentlich auszusprechen und einen Pakt der Demokraten zu schmieden, um die Grundbedingung aller Demokratie: Gewaltfreiheit wiederherzustellen, könnte, wenn es sonst niemand tut, der SPD und ihrem Vorsitzenden, Björn Engholm, neuen Glanz verleihen.

Um die Sache nicht im Schöngeistigen verenden zu lassen: Einer Grundgesetzänderung, welcher Art auch immer, kann nur zugestimmt werden, wenn diese mit einer umfassenden Initiative gegen die Brandstifter und Biedermänner verbunden wird. _(Ulrich Beck, 48, ist Professor für ) _(Soziologie in München und Autor ) _(zahlreicher Bücher ) _(("Risikogesellschaft"). )

»Die Mordanschläge auf Fremde sind ein versetzter Bürgerkrieg«

»Auf den Zustrom der Armen gibt es keine einfache Antwort«

Ulrich Beck, 48, ist Professor für Soziologie in München und Autorzahlreicher Bücher ("Risikogesellschaft").

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