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DDR / DEUTSCH LANDPOLITIK Bier unter Eichen

aus DER SPIEGEL 35/1967

Die Bürger der Hauptstadt suchen Kühlung am Müggelsee und schlucken dort täglich 20 Tonnen Bier und Brause. Die Prominenz bräunt sich am Schwarzen Meer und lustwandelt unter den tausendjährigen Eichen der Ostseeinsel Vilm.

Die Referenten des SED-Stabsquartiers am Werderschen Markt, bis vor kurzem mit dem Entwurf eines Antwortbriefes von DDR-Ministerpräsident Willi Stoph an Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger befaßt, tragen Badehosen in den Aktentaschen. Das Brief-Konzept liegt derweil im Tresor, die Deutschlandfrage für den Rest des Sommers auf Eis.

Doch nicht meteorologische Ursachen allein hemmen die Aktivität der DDR-Regenten. Mal Pause zu machen, empfahl sich für sie auch des politischen Klimas wegen. Denn niemand in Ost-Berlins Parteiführung scheint derzeit genau zu wissen, woher der Wind weht, und niemand möchte sich durch voreilige Aktionen festlegen.

Was die Genossen irritiert, ist ein für SED-Funktionäre in der Tat höchst verwirrendes Phänomen: Noch während Ost-Berlin mit allen diplomatischen Mitteln bei seinen Freunden in Prag und Bukarest die Verhandlungen mit Bonn zu hintertreiben und die arabischen Außenminister in Khartum -vergeblich -- zur DDR-Anerkennung zu bewegen suchte, zeichnete sich ausgerechnet bei den Feinden im Westen ein Wandel in der Haltung gegenüber dem SED-Staat ab:

SPD-Fraktionsvorsitzender Helmut Schmidt sprach im Deutschlandfunk von der DDR ungeniert und ohne Beiwort als DDR, SPD-Chef und Vizekanzler Brandt redete als erster westdeutscher Regierungspolitiker öffentlich von der »Realität« der »beiden politischen Ordnungen, die gegenwärtig auf deutschem Boden bestehen«. Und US-Bürgerin Eleanor Dulles, zu Lebzeiten ihres Außenminister-Bruders John Foster eine der eisigsten Walküren im Kalten Krieg, empfahl nach einer DDR-Rundreise einen Dialog zwischen Kanzler Kiesinger und SED-Chef Ulbricht als »sinnvoll, ja sogar sehr bedeutend«.

Noch aufmerksamer aber nahmen die Ost-Berliner Horchposten jene Anzeichen zur Kenntnis, die auf einen Wandel in der Ostpolitik des West-Berliner Senats schließen lassen: Während die DDR-Lesart, die West-Berlin als »besonderes politisches Territorium« definiert, im Schöneberger Rathaus bislang auf prinzipielle Ablehnung stieß, wächst nun angesichts der fatalen Wirtschaftslage der Halbstadt im Senat die Neigung, sich mit den Realitäten abzufinden. Die Folge ist, daß der alliierte Vorbehalt gegen die volle Integration West-Berlins in die Bundesrepublik von der Albertz-Mannschaft nicht mehr wie bisher nur als Last, sondern auch als Chance gewertet wird.

Erster Schritt vom Bonner Trampelpfad war die Berufung eines wissenschaftlichen Beraterstabes, der »ohne Rücksicht auf Tabus« (so ein Senatssprecher) unter anderem prüfen soll, ob hinter dem Schutzschild alliierter Oberhoheit das Verhältnis West-Berlins zu seiner DDR-Umwelt zunächst ökonomisch verbessert werden kann.

Der zweite Schritt galt der Aufnahme intensiver Wirtschaftsverhandlungen mit Ost-Berlin, die im Juli zum seit Jahren ersten Großauftrag der DDR an West-Berlins Industrie führten: Ost-Berlin bestellte im Westen der Stadt Waggons und Elektroausrüstungen im Wert von rund 100 Millionen Mark.

Der dritte Schritt schließlich war die Ankündigung des West-Berliner Wirtschaftssenators Dr. Karl König, der Senat beabsichtige direkte Wirtschaftskontakte zu den Ostländern einschließlich der DDR herzustellen. König, der Ende dieser Woche zum erstenmal nach Moskau reist, bot die Einrichtung östlicher Handelskontore in West-Berlin an und ermunterte die Industrie der Stadt zu Ostgeschäften.

Im SED-Politbüro war es Walter Ulbricht selber, der angesichts so unübersichtlicher Fronten zu außenpolitischer Enthaltsamkeit riet.

Er schlug vor, über Zeitpunkt und Inhalt der Antwort Willi Stophs auf den Kiesinger-Brief vom 14. Juni erst dann wieder zu beraten, wenn die Auswirkungen der ökonomischen Offensive Bonns im Ostblock überschaubar geworden seien und der Kontakt·-Kurs des West-Berliner Senats zu mehr als nur wirtschaftlichen Hoffnungen berechtige.

Mit diesem Ratschlag empfahl sich der Parteichef Anfang August für die nächsten vier Wochen seinen Führungsgenossen. Er ließ die Badehose einpacken und fuhr samt Ehefrau Lotte in die Ferien.

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