In Iran geborene Bundestagsabgeordnete im Interview "Das hat eine größere Dimension als die Tötung von Osama Bin Laden"

Die Bundestagsabgeordneten Bijan Djir-Sarai (FDP) und Omid Nouripour (Grüne) verbrachten ihre Kindheit in Teheran. Wie blicken sie auf die Lage in Iran?
Foto: Daniel Hofer / DER SPIEGEL

Politisch haben die Bundestagsabgeordneten Djir-Sarai, 43, und Nouripour, 44, wenig gemein. Doch ihre Biografien verbinden sie. Beide kamen nach der Islamischen Revolution als politische Flüchtlinge nach Deutschland. Als deutsche Staatsbürger ringen beide bis heute um Anerkennung. Und so sprachen sie im Doppelinterview nicht nur über die politische Situation in Iran, sondern auch über ihre persönliche Betroffenheit.

Was zum Zeitpunkt des Interviews niemand wissen konnte, war, wie schnell die Lage eskalieren würde. Die dem Interview hier vorangestellte Frage zur Tötung des iranischen Generals Soleimani und den möglichen Folgen haben Djir-Sarai und Nouripour nachträglich beantwortet. 

SPIEGEL: Herr Djir-Sarai, Herr Nouripour, in der Nacht zu Freitag töteten die USA den iranischen Topgeneral Qasem Soleimani, Iran droht mit Vergeltung. Sollte Deutschland an der Seite der Amerikaner stehen, wenn jetzt ein Krieg ausbricht?

Djir-Sarai: Im Konflikt zwischen den USA und Iran beginnt eine neue Eskalationsphase. Der Angriff auf den iranischen Kommandeur Soleimani hat eine größere Dimension als die Tötung von Osama Bin Laden. Das iranische Regime wird zeitnah reagieren. Ein Krieg wäre eine große Katastrophe für die gesamte Region und muss daher verhindert werden. Das wäre eine echte Aufgabe für Deutschland und die EU.

Nouripour: Das stimmt. Nur rächt sich nun leider die europäische Mutlosigkeit à la Heiko Maas. Wer anderthalb Jahre lang seit dem Rückzug der Amerikaner aus dem Atom-Abkommen nichts liefert, der wird es schwer haben, glaubhaft wirksame Krisendiplomatie zu betreiben. Diese braucht es aber dringend, denn eine militärische Auseinandersetzung zwischen den USA und Iran würde unsere Nachbarschaftsregion nicht nur destabilisieren. Der Nahe Osten würde explodieren.

SPIEGEL: Herr Djir-Sarai, Herr Nouripour, Sie sind beide in Iran geboren und kamen als Kinder nach Deutschland. Was ist für Sie Heimat?

Nouripour: Meine Heimat ist Frankfurt. Meine Heimat ist Hessen. Und selbstverständlich Deutschland. Aber auch Europa.

Djir-Sarai: Heimat ist Deutschland, Heimat ist das Rheinland. Heimat ist Grevenbroich, Rhein-Kreis Neuss.

Nouripour: Gibt's das wirklich?

Djir-Sarai: Ja, und man spricht es Grevenbroch aus und nicht -broich. Das ist das rheinische Dehnungs-i.

SPIEGEL: Und Iran? Teheran?

Nouripour: Ich komme aus Iran, da sind meine Wurzeln. Aber wenn ich in Teheran bin, fühlt sich das nicht wie Heimat an.

Djir-Sarai: Ich sehe es genauso: Teheran ist für mich nicht die Heimat. Wenn ich dort bin, habe ich nicht das Gefühl, zu Hause zu sein. Aber es ist auch nicht irgendeine Stadt, ich spüre eine innere Bindung, die ich selbst meiner Frau nicht richtig erklären kann. Wenn ich mein Elternhaus oder meine ehemalige Schule besuche, sind das nicht irgendwelche Gebäude.

Nouripour: Ich war einmal dort, wo mein Geburtshaus stand. Es ist inzwischen abgerissen worden. Trotzdem war es ergreifend dort zu sein. An jeder Straßenecke waren Erinnerungen. Hier haben wir Murmeln gespielt, da haben wir uns geprügelt, drüben haben wir gekickt.

SPIEGEL: Welche Gefühle verbinden Sie mit Teheran?

Djir-Sarai, Nouripour: (gleichzeitig) Schmerz.

Djir-Sarai: Es ist eine alte Wunde, die nicht richtig heilt. Ich dachte, ich hab das gut im Griff. Aber als ich selbst Vater wurde, kamen die Erinnerungen wieder hoch. Ich habe Iran vor 32 Jahren verlassen, aber es ist ein Schmerz, der niemals aufhören wird. Dabei bin ich kein sentimentaler Mensch, ganz anders als Omid.

Nouripour: Ich bin halt Hesse.

Djir-Sarai: Ich der lustige Rheinländer.

Nouripour: Mich schmerzt der Verlust von Heimat. Aber auch, was mit Iran passiert ist. Unsere Geschichte ist die einer ganzen Generation, die ihr Leben verloren hat, in Gefängnissen, an der Front.

Djir-Sarai: Wenn ich hier in Deutschland erzähle, dass ich 1987 ohne Eltern nach Deutschland kam – da war ich elf Jahre alt –, sind die Leute entsetzt und sagen: Das muss schlimm gewesen sein. Aber für Iraner ist es etwas völlig Normales.

SPIEGEL: Warum kamen Sie hierher?

Djir-Sarai: Damals tobte der Krieg gegen den Irak, und keiner wusste, wie lange er noch gehen würde. Ich zog zu meinem Onkel in Grevenbroich. Eigentlich wollten meine Eltern und meine Schwester nachkommen, aber das hat nicht funktioniert. Meine Eltern haben sich am Ende dafür entschieden, in Iran zu bleiben.

Nouripour: Meine Eltern hatten das Gefühl, dass es für ihre Kinder in Iran keine Perspektive gibt. Es gab die Regel, dass Jungs mit 14 nicht mehr ausreisen durften, damit sie sich nicht präventiv dem Wehrdienst entziehen. Und meine Schwester hatte zwar den Concours für die Uni mit einem Spitzenplatz bestanden, fiel aber durch die ideologische Überprüfung, weil sie nicht zum Freitagsgebet ging. Wir stimmten dann im Familienrat ab, ob wir Iran verlassen, und mein Vater wurde überstimmt. Für meine Eltern war das schwer. Sie hatten studiert, waren leitende Angestellte am Flughafen, sie haben gut verdient. Aber meine Mutter hat diesen Job relativ bald nach der Revolution geschmissen, nachdem ihre Bürgerrechte als Frau immer weiter ausgehöhlt worden sind. Sie spürte, dass das ihre Autorität untergräbt, sie hatte schließlich 80, 90 Männer unter sich, denen es nicht so erging.

SPIEGEL: 1980 griff Saddam Hussein Iran an, Sie haben einen Teil Ihrer Kindheit im Krieg erlebt. Wie hat Sie das geprägt?

Jetzt weiterlesen mit SPIEGEL+

Jetzt weiterlesen. Mit dem passenden SPIEGEL-Abo.

Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen – von Reportern aus aller Welt. Jetzt testen.

  • Alle Artikel auf SPIEGEL.de frei zugänglich.

  • DER SPIEGEL als E-Paper und in der App.

  • Einen Monat für 1,- € testen.

Einen Monat für 1,- €
Jetzt für 1,- € testen

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement? Hier anmelden

Weiterlesen mit SPIEGEL+

Mehr Perspektiven, mehr verstehen.

Freier Zugang zu allen Artikeln, Videos, Audioinhalten und Podcasts

  • Alle Artikel auf SPIEGEL.de frei zugänglich

  • DER SPIEGEL als E-Paper und in der App

  • DER SPIEGEL zum Anhören und der werktägliche Podcast SPIEGEL Daily

  • Nur € 19,99 pro Monat, jederzeit kündbar

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement?

SPIEGEL+ wird über Ihren iTunes-Account abgewickelt und mit Kaufbestätigung bezahlt. 24 Stunden vor Ablauf verlängert sich das Abo automatisch um einen Monat zum Preis von zurzeit 19,99€. In den Einstellungen Ihres iTunes-Accounts können Sie das Abo jederzeit kündigen. Um SPIEGEL+ außerhalb dieser App zu nutzen, müssen Sie das Abo direkt nach dem Kauf mit einem SPIEGEL-ID-Konto verknüpfen. Mit dem Kauf akzeptieren Sie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzerklärung.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.