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DRITTE WELT Billig und häßlich

Ein englischer Tüftler hat für die Afrikaner ein Holzauto konstruiert. Doch niemand mag das Gefährt.
aus DER SPIEGEL 43/1984

Es sieht aus wie eine Kreuzung eines teuren Sportwagens mit dem feuerroten Spielmobil aus der Kinder-Fernsehsendung. Doch wenn das seltsame Gefährt in einem kenianischen Dorf oder an einer Verkehrsampel in Nairobi hält und Neugierige mit dem Finger vorsichtig auf den Kühler klopfen, fühlen sie gleich den Stoff, aus dem das Traumauto ist: aus Holz.

Ginge es nach seinem Konstrukteur Tony Howarth, 46, dann würde sein Holzwagen »Africar« alle Transportsorgen der Dritten Welt lösen. »Ich mag es nicht Holzauto nennen«, sagt der britische Bastler selbstbewußt. »Schließlich ist es kein rückständiges Modell, im Gegenteil, es läßt Autos wie Mercedes, Porsche und Volvo wie Vehikel aus dem vorigen Jahrhundert erscheinen.«

Die Idee zu seinem Fahrzeug aus Sperrholz, Leim und Kunstharz kam dem Ingenieur, der Photograph, Filmer und »Träumer von Beruf« ist, auf einer abenteuerlichen Nachtfahrt durch Sambia vor zwanzig Jahren. Die Wolkenbrüche waren so heftig, daß sein Land-Rover trotz gerader Strecke von der Asphaltpiste schoß und die Fahrer sich im Matsch wiederfanden.

»Irgend jemand muß doch mal ein Auto für die Dritte Welt konstruieren«, beschloß Howarth damals: ein Fahrzeug, das durch Busch und Wüste pflügt und dennoch auf Asphalt mit 120 Kilometer in der Stunde bei Tropengewittern geradeaus fährt. Billig und praktisch sollte es sein, nicht rosten. Vor allem sollte es die Entwicklungsländer von devisenverschlingenden Autoeinfuhren und Ersatzteilimporten weitgehend unabhängig machen.

Die drei Prototypen, die Howarth in englischen Hinterhofwerkstätten zusammenleimte - einen sechsrädrigen Kleinbus für 17 Fahrgäste, einen offenen Pritschenwagen und ein Geländefahrzeug mit Allradantrieb -, haben ihren ersten Härtetest schon bestanden. In 80 Tagen reiner Fahrzeit - Filmpausen und Wartezeiten an den Grenzen abgezogen - fuhren die Sperrholzmobile, die vorläufig mit einem Citroen-Motor laufen, ohne größere Panne vom Polarkreis bis nach Zentralafrika. »Unser größtes Problem waren selbstmörderisch veranlagte Rentiere in Schweden und Kamele in der Sahara«, sagt Carolyn Hicks, 39, Filmemacherin aus Hawaii, Koproduzentin und Kopilotin für Howarths Holzautos.

»So einmalig schlau waren wir bei der Konstruktion dieser Autos natürlich auch nicht«, sagt Howarth, »aber wir haben die Erfahrungen von alten Afrika-Freaks und Weltenbummlern so eingearbeitet, wie man das noch nie vorher bei einem Auto gesehen hat.«

Für genial hält Howarth zum Beispiel die gegenüber dem Land-Rover um einen Viertelmeter verbreiterte Spur, damit das Gefährt mühelos in den tiefen Rillen läuft, die Lastwagen auf afrikanischen Pisten eingraben. Außerdem flitzt das »Africar« über jeden mittelgroßen Stein oder Termitenhaufen, denn es

hat eine Bodenfreiheit von 42 Zentimetern.

Besonders stolz ist das Howarth-Team auf die Holzkarrosserie, die so wetterfest, haltbar und elastisch wie ein Schiffsrumpf sein soll. Und bei einem Unfall? »Da muß man nur eine Sperrholzplatte abnehmen und eine neue ankleben«, sagt der Meister.

Nur mit den Kosten hapert's noch. Denn vorläufig wäre das »Africar« ja noch immer auf einen fremden Motor, auf Federn und Kugellager und Differentiale von gängigen Markenautos angewiesen, so daß der Geländewagen für den kleinen Mann in Afrika auf 8000 Mark Herstellungskosten käme. Ein importierter Land-Rover, so tröstet Howarth, würde allerdings in Kenia das Vier- bis Achtfache kosten.

Ökologen glauben, Howarth fahre auf einem Holzweg. Sie sind besorgt, weil das Drittweltauto ausgerechnet aus dem immer teurer, kostbarer und knapper werdenden Rohstoff Holz hergestellt werden soll. Bis zum Jahr 2000 werden die afrikanischen Urwälder ohnehin bis auf kleine Inseln geschrumpft sein. »Die plündern ihre Wälder ja jetzt schon genug«, sagt ein deutscher Forstwirt.

»Es gibt immer wieder Leute, die denken, sie wissen, was für die Dritte Welt gut ist«, sagt Paddy Cliff, Direktor einer Autoimportfirma, abschätzig über das englische Tüftlerteam, »aber die Afrikaner mögen keine häßliche und billige Ware. Für die ist das Beste gerade gut genug.« Sie träumten nämlich in Wahrheit, meint er, von einem schweren Mercedes.

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