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VERLAGE / GRUNER+JAHR/BAUER Birne aus Vaduz

aus DER SPIEGEL 29/1970

Heinz Bauer, 30, Jungverleger aus Hamburg, kaufte zu vorgerückter Stunde einen Briefkasten in Vaduz, Liechtenstein, zum Preis von 4,5 Millionen Mark.

Der teure Kasten hängt in einer Anwaltspraxis des Steuerparadieses Vaduz. Er dient den Geschäften einer Firma, die in der letzten Woche bei Westdeutschlands Verlegern mit einem Schlag bekannt wurde: der Holding »Williams Financial Establishment«. Denn nach dem Kauf verkündete stolz der Junior des Viel-Blätter-Verlags Heinrich Bauer ("Quick«, »Neue Revue«, »Neues Blatt"), er habe mit der Holding zugleich deren Besitz, die Düsseldorfer Neue Börsenpresse GmbH, erworben, die das Börsen-Journal »Der Aktionär« verlegt. Mithin sei der »Aktionär« (verkaufte Auflage: 72 000 Exemplare) ab sofort Bauer-Eigentum.

Die Nachricht löste in der Branche Verblüffung aus. Denn erst im März hatte das Verlagshaus Gruner + Jahr über die Münchner Tochtergesellschaft Kindler & Schiermeyer mit dem »Aktionär«-Begründer und Herausgeber Hans Achim Bernecker, 32, einen Vorvertrag über den Erwerb des Börsianer-Journals geschlossen. Ausgehandelter Kaufpreis: 5,5 Millionen Mark (SPIEGEL 24/1970). Bernecker hatte die Transaktion damals als Beauftragter der Vaduzer Holding (Gruner + Jahr-Slogan: »Die Williams-Birne") abgewickelt. Obgleich er stets bestritt, Alleininhaber der Liechtensteiner Firma zu sein, will die Branche wissen, daß Williams nur den finanziellen Interessen des findigen Kleinanleger-Beraters diente.

Laut Vertrag wollten die Gruner + Jahr-Manager vom 1. Juli an den »Aktionär« In eigener Regie herausgeben. Doch am 29. Juni weigerten sie sich plötzlich, Bernecker den verabredeten 5,5-Millionen-Scheck zu übergeben. Ihr neues Angebot: 3,35 Millionen Mark. Sie begründeten den Schnitt mit der Erklärung, bei einer neuen Überprüfung der Geschäftsunterlagen des »Aktionär« hätten sie Verluste von rund 200 000 Mark für das Jahr 1969 aufgespürt. Auch die von Bernecker vertraglich zugesicherte Abonnentenzahl schrumpfte bei der Revision zusammen. Bernecker empört: »Die wollten mich abrasieren.«

Der Kleinverleger fühlte sich nicht mehr an seinen Vertrag gebunden und rief umgehend den Bauer-Verlag an. Bernecker zu Bauer-GeschäfLführer Manfred Hintze, 35: »Ich bin wieder frei, wollt ihr den 'Aktionär' haben?«

Der Bauer-Verlag wollte. Nach einer Blitzverhandlung am Samstag vorletzter Woche kauften Heinz Bauer und Manfred Hintze in Abwesenheit des Generalbevollmächtigten Siegfried Moenig Berneckers Journal unter »voller Kenntnis des Prozeßrisikos mit Gruner + Jahr« (Hintze). Bernecker hatte ihnen bei Whisky und Cola versichert, der Vertrag mit Gruner + Jahr sei im gegenseitigen Einvernehmen gelöst, eine gerichtliche Anfechtung der neuen Abmachungen daher ungefährlich.

Vier Redakteure des Gruner + Jahr-Wirtschaftsmagazins »Capital« in Köln, die zur Verstärkung der »Aktionär«-Mannschaft nach Düsseldorf entsandt worden waren, hatten gerade ihre Aktentaschen an der neuen Arbeitsstätte abgesetzt, da erhielten sie Hausverbot.

Doch Bauers Besitzerfreude währte nicht lange. Mit Einstweiligen Verfügungen schlugen die Gruner + Jahr-Verlagsmanager zurück. Am letzten Donnerstag ließen sie Bauer die Behauptung untersagen, daß ihm der »Aktionär« gehöre, und erwirkten die Ablösung von Berneckers Geschäftsführer Albert Padberg bei der Neuen Börsenpresse GmbH. Gruner + Jahr-Manager Ernst Naumann, der sich auf die Gültigkeit der alten Verträge beruft: »Die Rechtslage ist eindeutig.« Bernecker in Düsseldorf verwundert: »Die reinste Kriminalstory.«

Am letzten Freitag legte der Bauer-Verlag gegen die Einstweiligen Verfügungen Widerspruch ein. Noch am gleichen Tag indes schlug Naumann noch einmal zu. Auf seinen Antrag hin untersagte das Landgericht Düsseldorf Hans Achim Bernecker, die für die Börsenpresse neu bestellten Gruner + Jahr-Geschäftsführer am Betreten der Düsseldorfer Verlagsräume zu hindern. Bernecker und Padberg dürfen nach einer weiteren Verfügung nicht mehr behaupten, der »Aktionär« gehöre dem Bauer-Verlag.

Dennoch pochen die Bauer-Bosse auf die Rechte der von ihnen gekauften Briefkastenfirma Williams Financial Establishment. Daß der Vaduzer Postkasten beim Erwerb möglicherweise schon fast leer war, weil »Aktionär« und Börsenpresse GmbH nicht mehr zum Holding-Besitz zählten, vermögen sie sich nicht vorzustellen. Hintze: »Bernecker ist ein Ehrenmann, der so was nicht aus Daffke tut.«

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