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BAUMSTERBEN Birne ins Museum

Nach Tanne und Fichte, Eiche und Buche sterben in Mitteleuropa zunehmend auch Obstbäume. Mutmaßliche Todesursachen: saurer Regen und Ozon. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Ausgerechnet zum Erntedankfest erreichte den Stuttgarter Umweltminister Gerhard Weiser (CDU) eine Hiobsbotschaft: Günter Nufer, Bürgermeister der Hochrhein-Kommune Bad Säckingen, berichtete, »in erschreckend zunehmendem Maße« würden in seiner Region Obstbäume sterben. Verantwortlich könnten dafür nur »Umweltbelastungen« sein.

Ähnliche Schreckensmeldungen erreichen den Minister seit etwa drei Jahren. Mittlerweile hat der Christdemokrat kaum noch Zweifel daran, daß die Obstbäume ebenso bedroht sind wie der deutsche Wald, der - wie die Bundesregierung am Mittwoch letzter Woche verlautbarte - nun bereits zu 54 Prozent geschädigt ist.

Daß auch »Obstbäume als grundsätzlich gefährdet gelten müssen« (Weiser), zeichnet sich bislang am deutlichsten im Südwesten der Republik ab, wo Anfang dieses Jahrzehnts auch die ersten Fälle von Tannensterben registriert worden waren. Vor allem am Hochrhein zwischen Waldshut und Lörrach, wo, wie in Rheinfelden, große Chemie- und Metallwerke die Luft über Städten und Landschaft verpesten, ebenso im industriellen Ballungsraum Mittlerer Neckar rings um Stuttgart weisen Streuobstanlagen Vegetationslücken auf wie der Schwarzwald.

Kirschen- und Zwetschgenbäume, Apfel- und Birnbäume kümmern dahin. Verdorrte Äste und abgestorbene Stämme erwecken bisweilen den Anschein. als habe ein Buschfeuer gewütet.

Vor zwei Jahren hatte sich Weiser angesichts kranker Obstbäume am Neckar erstmals ein »gewisser Vergleich mit den bei Laubbäumen im Wald beobachteten Schäden aufgedrängt«. Inzwischen meint er, industrielle Immissionen wie der saure Regen könnten »durchaus Ursache dieser überdurchschnittlichen Schäden sein«. Es sei davon auszugehen, sagt Weiser, »daß Obstkulturen auf die Luftschadstoffe nicht anders reagieren« als Laub- oder Nadelwälder.

Die Obstanbauer haben ermittelt, daß weder Wühlmäuse noch Borkenkäfer, weder Trockenheit noch Pilzbefall, weder Schädlinge noch sonstige altbekannte Baumkrankheiten ihre Bestände drastisch dezimieren. Aufschluß über die Ursachen des Obstbaumsterbens lieferte ihnen eine Untersuchung der Kantonalen Zentralstelle für Obstbau (KZO) im schweizerischen Basel.

Drei Wochen lang waren Zweierteams der KZO unterwegs gewesen, um 26000 Obstbäume in sieben Kantonsgemeinden zu untersuchen und zu erfassen. Befund: 33 Prozent waren leicht bis mittel, neun Prozent stark geschädigt, fünf Prozent absterbend oder tot - knapp die Hälfte des geprüften Obstbaumbestandes ist nicht mehr »voll vital«.

Der KZO-Untersuchungsbericht weist aus, daß der »deutlich schlechte Gesundheitszustand« der Obstbäume vor allem in jenen Gemeinden »auffallend« sei, »die in der Nähe der Stadt Basel liegen« - also dort, wo die Belastung der Luft mit industriellen Schadstoffen, etwa von Chemie-, Fluor- und Pharmazie-Großunternehmen, am höchsten sei.

Die Zukunftsaussichten für den Obstbau bewertet die KZO als düster: »Nach

dieser Übersicht wird 1991 wahrscheinlich rund ein Drittel des Bestandes von 1981 nicht mehr vorhanden sein.

Mit zwei großangelegten Forschungsprogrammen wird in der Bundesrepublik und in der Schweiz zur Zeit untersucht welche Ursachen für das Obstbaumsterben in Frage kommen, ob Schwefel- und Stickoxide oder Ozon die schlimmsten Auswirkungen zeitigen.

Das Institut für Obst-, Gemüse- und Weinbau der Universität Hohenheim bei Stuttgart hat bereits an sechs Standorten in Baden-Württemberg Obstbauparzellen angelegt, jeweils mit einer Intensiv-Kultur und einer Streuobstanlage. Die Testgelände sind vor allem mit Apfelbäumen und den besonders empfindlichen Süßkirschen besetzt.

Bewertet werden von den Hohenheimer Wissenschaftlern vier Jahre lang Triebe und Wachstum, Blätter und Früchte. Als zweiter Indikator für Umwelteinflüsse wurden »krautige Pflanzen« in jede Parzelle gesetzt, beispielsweise Tabak und Buschbohnen, Rotklee und Ackerbohnen. Die beiden ersten Arten reagieren besonders auf Ozon und Photoxidantien, die beiden anderen auf Schwefeldioxid.

Mitarbeiter des Instituts für angewandte Pflanzenbiologie in Basel beobachten derweil in den Industriekantonen Basel und Solothurn ausgesuchte Obstbaumbestände. Die Plantagen waren bei Beginn des ebenfalls vierjährigen Programms, vor zwei Jahren, noch in bestem Zustand.

Der Biologe Walter Flückiger, Leiter des Basler Instituts, ist schon jetzt ziemlich sicher, daß sich etwa »Ozon-Einflüsse auf schädliche Pilzarten« auswirken. Blattläuse könnten sich unter bestimmten Lufteinflüssen »besonders stark vermehren« und ein verändertes Verhalten der Wirtspflanzen, der Obstbäume, auslösen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der als eine der ersten Naturschutzorganisationen auf das Obstbaumsterben hingewiesen hat, will dafür sorgen, daß wertvolle Obstsorten eines Tages nicht völlig verschwinden und nur noch aus Lehrbüchern bekannt sind. Auf einem drei Hektar großen Freigelände bei Friedrichshafen am Bodensee, in einer Obstbaugegend, hat der BUND das erste »Obstbaum-Museum« angelegt.

Dort stehen 114 bis zu 125 Jahre alte Apfel- und Birnbäume, die anderwärts vom Aussterben bedroht sind. Die rund vierzig Sorten werden intensiv gepflegt und geschützt. Saurem Regen und Ozon sollen möglichst wenige Angriffsflächen geboten werden.

Der Vorsitzende des BUND-Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben. Jürgen Resch, sieht das Obstbaum-Museum zugleich als Probe aufs Exempel: »Wenn sogar hier Schäden auftreten, dann wissen wir, daß gegen das Obstbaumsterben kein Kraut gewachsen ist.«

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