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»Bis acht am Pool«

aus DER SPIEGEL 21/1995

Bei der Hausparty am 28. Mai werden sie jetzt auf jeden Fall fehlen, die »Italiener«. So nannten Mitbewohner die Mieter des großen De-Luxe-Apartments am Ocean Drive in Hallandale, 24 Kilometer nördlich von Miami. Den Eintrittspreis von fünf Dollar - »für den DJ« - hätten sie sicher zahlen können.

Aber die Eheleute, die in Hörweite anderer Italienisch sprachen oder zumindest so taten, hätten vermutlich in keinem Fall dem albernen Spektakel mit Baströckchen und Hulatanz beigewohnt. Die Gesellschaft der anderen Hausbewohner schien sie zu stören. »Sie lebten sehr zurückgezogen, mieden jeden Kontakt«, berichtete Kelly J. Kossow, Managerin des Vermietungsbüros.

Doch selbst wenn sie gewollt hätten, die »Italiener« sind seit vorigem Donnerstag aus wichtigem Grund verhindert: Sie sitzen - unter ihren richtigen Namen Utz Jürgen und Claudia Schneider - in Abschiebehaft.

Nach einer aufwendigen Schlußaktion, »bei der wir viele Beamte überall in der Stadt im Einsatz hatten« (FBI-Sprecher Paul Miller), schnappte die Falle zu, die Zielfahnder des Bundeskriminalamtes dem flüchtigen Milliardenbankrotteur in Miami gestellt haben.

»Kein Widerstand«, meldete der Polizeibericht über die Festnahme der beiden, die sich in Florida unter anderem Meier genannt haben sollen.

Ende April 1994 sei das Paar erstmals vor den Alexander-Towers vorgefahren, erinnerte sich Managerin Kelly Kossow. Sie fragten nach einem schönen Apartment, daß sie für zunächst vier Wochen mieten könnten.

Da sie sofort bezahlt und sich als Italiener ausgegeben hätten, habe die sonst so strenge Verwaltung auf die Überprüfung der Identität verzichtet. Buchhalter Daniel Almeida weiß noch genau, daß er »die Anzahlung am 29. April verbucht hat«.

Jürgen und Claudia Schneider »haben stets nach dem Besten verlangt«, berichteten die Hausverwalter. Nach einem kleineren Apartment »mit dem schönsten Schlafzimmer« seien die beiden bald schon in eine größere Wohnung umgezogen.

Insgesamt viermal haben die Eheleute seit ihrem Einzug das Quartier gewechselt. »Da sie nur von Monat zu Monat verlängert haben, war manchmal das Apartment, in dem sie gerade wohnten, schon vorgebucht«, erläuterte Managerin Kossow die häufigen Umzüge.

Gleichwohl hätten die Schneiders nie protestiert. »Sie waren ausgesprochen angenehme Mieter«, trauert die Mietmanagerin ihren guten Kunden nach. Auch Buchhalter Almeida lobt: »Sie haben stets gezahlt.« Nur für die letzte Monatsmiete sieht er schwarz: »Sie hatten eigentlich heute zahlen wollen.«

Die De-Luxe-Suite (zwei Schlafzimmer, zwei Vollbäder), die sie vor vier Monaten bezogen hatten, ist »die größte und schönste, die wir anzubieten haben«, so Kelly Kossow. Sie liegt im obersten Geschoß des 15stöckigen Gebäudes und hatte, wie alle zuvor von den Schneiders bezogenen Quartiere, einen traumhaften Panorama-Blick über den Atlantik.

In der Hochsaison im Winter mußte das Ehepaar 3700 Dollar Monatsmiete zahlen. Zur sommerlichen Nebensaison sinkt die Rate für die großzügig geschnittene und luxuriös eingerichtete Wohnung auf rund 2000 Dollar.

Einen Großteil davon kassieren die Wohnungseigentümer - in der Mehrzahl Exil-Kubaner aus Miami. Sie haben bis zu 300 000 Dollar für die Apartments gezahlt, die speziell bei reiferen Gästen beliebt sind.

»Das ist eine Gegend, in der sie besonders langsam fahren müssen«, warnt Almeida vor den Gefahren der ortsüblichen Vergreisung. »Hier kann ihnen jederzeit eine 91jährige vor das Auto stolpern.«

Jürgen und Claudia fühlten sich in der Senioren-City offensichtlich geborgen. »Die waren den ganzen Tag am Pool«, wundert sich die Managerin über die deutsche Ausdauer, »oft sogar bis sieben oder acht Uhr am Abend.«

Kontakt zu den übrigen Bewohnern der Anlage hatten die Flüchtlinge praktisch nicht. »Sie haben den von uns angebotenen Reinigungsservice abgelehnt«, weiß Kelly Kossow, die gleichwohl die Schneider-Apartments »stets in tadellosem Zustand vorgefunden hat«. Solange allerdings das Paar ein Quartier belegt hatte, »durfte niemand ihre Wohnung betreten«.

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