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LADENDIEBE Bis auf die Unterwäsche

Jagdszenen in Kaufhäusern: Die elektronische Warensicherung diskriminiert unschuldige Kunden. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Der Einkaufsbummel bei Karstadt endete abrupt. Kurz hinter der Rolltreppe hörte Kundin Ingrid Stempel einen »schrillen Piepston«, über ihr blinkte Rotlicht auf. Ein Verkäufer riß ihr die Einkaufstüte aus der Hand: »Sie haben unbezahlte Ware bei sich.« Mitten im Kaufhaus wurden ihre Taschen nach Diebesgut durchstöbert.

Die Hausfrau aus Duisburg-Homberg hatte nichts gestohlen, sie hatte - ohne eigenes Verschulden - einen Alarm des elektronischen Warensicherungssystems ausgelöst. Bei zwei Märchenkassetten, von Ingrid Stempel gekauft und ordnungsgemäß bezahlt, war an der Kasse das alarmauslösende Sicherungsetikett nicht entfernt worden - ein Versehen, das die Karstadt AG hinterher »außerordentlich« bedauerte.

Kein Einzelfall. Tag für Tag verfangen sich neben Ladendieben auch ehrliche Kunden in den elektronischen Fallen von Kaufhäusern, Boutiquen und Supermärkten. Eine Auswahl besonders spektakulärer Übergriffe präsentiert der Heilbronner Autor Rainer W. Wirsching in seinem Buch »Die unheimlichen Aufpasser«, das jetzt im Ingelheimer Peter-Hohl-Verlag erscheint - ein Gruselbuch über Jagdszenen in Kaufhausetagen und Fußgängerzonen.

Von »geradezu menschenunwürdiger Behandlung«, gepaart mit »Unverschämtheit und Zynismus«, weiß Professor Claus-Benedict von der Decken, Direktor des Instituts für Reaktorbauelemente der Kernforschungsanlage Jülich, zu berichten. Von der Deckens Ehefrau hatte Anfang Juni in einem Aachener Modehaus mit versehentlich nicht entsicherter Ware aus einem anderen Geschäft Alarm ausgelöst. Nach Darstellung des Professors wurde sie daraufhin von einem »rüpelhaften Angestellten« zwecks »Erpressung« unter »psychischen Druck gesetzt«, um sie »endlich in seinem Büro isolieren zu können«.

Das Unternehmen, das die Version des Professors bestritt, äußerte immerhin Bedauern über den Fehlalarm, einen, so wörtlich, »fast schon alltäglichen Vorfall (und zwar natürlich nicht nur bei uns, sondern in allen Geschäften Aachens und ganz Deutschlands)«.

Die auch für ehrliche Kunden so risikoreiche elektronische Warensicherung ist simpel. Vor Ausgängen, aber auch hinter Rolltreppen und in der Nähe von Aufzügen sind Apparate montiert, die nach dem Radarprinzip elektro-magnetische Wellen aussenden. Die innen mit Drahtspulen versehenen Sicherungsetiketten, die an den Waren befestigt sind, reflektieren die Impulse, wodurch akustische und optische Signale ausgelöst werden.

Die tückischen Signalgeber sprechen häufig nicht ausschließlich auf Sicherungsetiketten an. Rollstuhlfahrer, Mütter mit Kinderwagen, Besitzer von Taschenrechnern und Träger von Metallgürteln lösten beim Einkauf falschen Alarm aus und gerieten in Verdacht, Diebe zu sein.

Durch das Hörgerät einer betagten Rentnerin etwa wurde die Alarmanlage eines Mainzer Kaufhauses schrill in Gang gesetzt. Zu Unrecht als Ladenklau verdächtigt wurde auch ein Kaufhauskunde in Kempen. Sein Mißgeschick: Der von ihm gekaufte (und bezahlte)

Elektronikbaukasten hatte das Sicherungssystem in Schwingungen versetzt.

Häufiger als die Technik versagt jedoch das Personal. Die meisten Fehlalarme werden durch Kassiererinnen ausgelöst, die schlicht vergessen, die Sicherungsetiketten von bezahlter Ware abzuknipsen beziehungsweise zu entschärfen. Stichproben bei acht Bekleidungsgeschäften in Süddeutschland ergaben beispielsweise, daß in neun von 800 Fällen nicht entsichert wurde, mithin jeder 89. Kunde unverschuldet von einem Alarm bedroht war.

Karstadt-Kundin Ingrid Stempel, die durch ein solches Versehen in falschen Verdacht geraten war, suchte per Zeitungsinserat nach Leidensgenossen, denen »Ähnliches bei Karstadt passierte«. Allein im Raum Duisburg meldeten sich 25 Geschädigte.

Ingrid Stempel beschloß, gegen »diese Diebstahlsicherung« vor dem Bundesverfassungsgericht zu klagen, nachdem sie in den Vorinstanzen unterlegen war. Freiheit und Unverletzlichkeit der Person würden stets dann verletzt, so ihre Begründung, »sobald ein unschuldiger Kunde im Sicherungssystem hängenbleibt«.

Kunden, die einen Alarm auslösen, gelten bis zum Beweis des Gegenteils als überführte Diebe. Zwischen Wühltischen und Warenregalen wird das sonst gültige Rechtsprinzip, wonach Verdächtigen die Schuld nachgewiesen werden muß, geradezu auf den Kopf gestellt: Um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, müssen Verdächtige ihre Unschuld beweisen.

Wer sich nicht kooperativ verhält, bekommt Schwierigkeiten. Die Heilbronner Hausfrau Beate Schrott etwa wurde nach einem Besuch des Kaufhauses C & A Brenninkmeyer von zwei Verkäuferinnen zwanzig Meter hinter dem Ausgang, mitten auf einer belebten Einkaufsstraße, angehalten und des Diebstahls bezichtigt: »Unsere Anlage hat laut gepiept.«

Weil sie in ihrer Tasche »sehr persönliche Unterlagen« verwahrte und deshalb eine Nachschau verweigerte, versuchten die Verkäuferinnen, sie links und rechts unterzuhaken und ins Kaufhaus zu zerren. Ein hinzukommender C & A-Mitarbeiter, so Frau Schrott, »griff mich tätlich an und zerriß meine Bluse«.

Die Beschuldigte rettete sich in eine Buchhandlung und wurde später von vier Polizisten »wie eine Verbrecherin« (Schrott) abgeführt. Auf dem Revier mußte sie sich »bis auf die Unterwäsche« ausziehen. Gestohlene Ware wurde nicht gefunden.

Die Polizei rechtfertigte ihr Einschreiten generell mit dem Hinweis, daß das Auslösen eines Ladendiebstahl-Detektors »für sich allein den Verdacht einer Straftat« begründe, eine Rechtsauffassung, die von den Polizeibehörden der meisten Bundesländer geteilt wird. Die Unternehmen begründen den Einsatz der »unheimlichen Aufpasser« als Notwehrreaktion: Ladendiebstähle haben in den letzen 20 Jahren um 700 Prozent zugenommen. Während 1960 nur jede 40. Straftat als Ladendiebstahl in die Statistik einging, war es 1983 bereits jede zwölfte. 1984 wurden rund 340 000 Diebstähle in westdeutschen Warenhäusern und Einzelhandelsgeschäften angezeigt.

Das Branchenblatt »Rundschau für den deutschen Einzelhandel« bezifferte im November 1984 den alljährlich durch Ladendiebstähle angerichteten Schaden auf drei bis 3,5 Milliarden Mark. Nach Einbau der Elektronik, behaupten die Einzelhändler jedoch, sei die Zahl der Diebstähle um bis zu 60 Prozent zurückgegangen.

Zweifel an einer langfristigen Wirksamkeit sind dennoch angebracht. Auf Dauer lassen sich nur Gelegenheitsdiebe, die nicht über die genaue Wirkungsweise informiert sind, von einer Alarmanlage abschrecken. Profis haben dagegen wenig Mühe, die kostspieligen Systeme auszutricksen. Sie montieren die Sicherheitsetiketten von der Ware ab oder passieren in einem Pulk von Kunden die Sicherheitsschleuse des Kaufhauses - eine Identifizierung ist dann kaum möglich.

Diebe haben, wenn sie erwischt werden, mitunter verblüffende, wenn auch keineswegs stichhaltige Erklärungen. So machen Männer häufig Nägel in gebrochenen Beinen für das Piepsen verantwortlich, Frauen empfängnisverhütende Spiralen - Gegenstände, auf die Kaufhaus-Alarmanlagen nicht reagieren.

Getrickst wird auch auf der Gegenseite. Um Diebe abzuschrecken, unschuldige Kunden aber nicht zu verschrecken, hat Peek & Cloppenburg in Mainz eine besonders ausgefallene Alarmanlage installiert, vor deren Wirkungsweise auf Hinweisschildern ausdrücklich gewarnt wird.

Es handelt sich um eine Attrappe.

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