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»...bis die anderen abschlaffen«

Heiner Geißler liebt die Extreme *
aus DER SPIEGEL 40/1986

Unter all den Nachfahren und vermeintlichen Enkeln Konrad Adenauers hat allein Heiner Geißler eine wirkliche Bindung an Rhöndorf, die Heimstatt des »Alten«. Wenn es zeitlich einzurichten ist, zieht es ihn zweimal wöchentlich in die Weinberge am Fuß des Drachenfelsens. Zuweilen schon um sechs in der Früh, manchmal auch mittags rennt der heute 56jährige - und immer bergauf.

Leicht nach vorne gebeugt, die Arme scharf angewinkelt, in kurzen Stößen atmend, legt er noch einen Schritt dazu, wenn es besonders steil wird. Die Stationen seiner Via dolorosa, die ihn sechs Kilometer weit und etwa 400 Meter hoch durch das Siebengebirge zur Margarethenhöhe führt: Wolkenburg, Zinnhöckchen, Löwenburg, Lohrberg.

Für die Heimkehr nutzt der verschwitzte Jogger in der alten, blauen Fußballhose und dem verwaschenen CDU-Leibchen seinen Dienst-Mercedes, denn bergab laufen, das ist nichts für den Heiner. Sein Arzt, Professor Paul-Gerhard Schneider von der Kölner Universität, hat dem passionierten Bergsteiger zur Schonung der lädierten Knie und als Konditionstraining für Dreitausender in den Alpen oder Fünftausender in den Anden die unbequeme Richtung angeraten.

Nur zu gerne hält er sich an den ärztlichen Rat. Auch im Sport macht ihm nur das Extreme Spaß. Er fährt nur dort mit seinen Söhnen Ski, wo es genügend schwarze Abfahrten gibt, Pisten des höchsten Schwierigkeitsgrades. Am liebsten klettert er als Senior in einer Gruppe junger Männer, die meisten Freunde seiner Söhne. Vor zwei Jahren haben sie zusammen von Chamonix aus die Haute Route gemacht, im Januar kraxelten und biwakierten sie fünf lange Tage und Nächte im Eis des Monte-Rosa-Massivs bei Temperaturen bis zu 40 Grad minus. Geißler gibt zu, daß Werner und Mike, zwei Pharma-Studenten mit Erfahrung als Skilehrer auf Brettern und daß sein Sohn Dominik, Jahrgang 1964, im Klettern nicht zu schlagen sind. Doch den Alten hängt keiner ab, er hatte »die beste Kondition von allen« (Geißler). Hart gegen sich selber ist er sowieso. Im Sommer - wegen des Wahlkampfs gönnte er sich nur vier Tage in den Dolomiten - kraxelte er mit seinen Söhnen Dominik und Michael auf die 2724 Meter hohe Murfreit-Spitze im Grödnertal. Die drei hingen am Seil, als sich eine Salve Steine löste und ein Brocken den Bergfreund Heiner traf. Er spuckte Blut und ein Stück Schneidezahn. Umkehren? »Nicht wegen eines halben Zahnes.«

Warum verordnet sich jemand solche Strapazen? Als Manager der CDU hat er Herausforderungen genug; fast 36 Monate war er obendrein als Gesundheitsminister im Regierungsamt. In Wahlkämpfen rast er per Auto, Hubschrauber und Privatjet durch die Provinzen der Republik. Auf einer Blitzreise rund um die Welt machte er im Juli als Vizepräsident der christdemokratischen Internationale, aber auch als Wahlkämpfer für die CDU Stimmung gegen die Diktaturen in Südkorea und Chile, warb für Corazon Aquino auf den Philippinen.

Er sucht seine schweißtreibenden Leidenschaften mit hehren Tugenden zu deuten: Von Liebe zum Hochleistungssport ist die Rede, es geht um »Prüfung der Einsatzbereitschaft für den anderen« - aber auch für sich; es braucht »Mut, eine Bergtour abzubrechen, umzukehren«. Er spricht von der Übung für »den Instinkt des naturverbundenen Menschen, Gefahren zu ahnen«, und für »den unbeugsamen Willen, in kritischen Situationen durchzuhalten und sich nicht selber aufzugeben«.

Bergsteigerei als Droge: »Glück stellt sich nicht ein, wenn es leicht und bequem war. Das Gefühl des Glücks ist die Antwort auf eine bestandene Herausforderung und das Ergebnis von Selbstüberwindung.«

Bei 40 Grad im Schatten rennt Geißler dafür mittags 20 Runden im Stadion von Kairo. Er joggt, wenige Stunden vor der Amtseinführung des argentinischen Staatspräsidenten Raul Alfonsin, durch die Parks der Hauptstadt Buenos Aires. Er bringt sich beim Lauf durch Rom so ins Schwitzen, daß er fast eine Audienz beim Papst verpaßt. Erst nach der dritten Dusche bleibt das Hemd trocken.

Beim Besuch auf den Philippinen besteigt er in Turnschuhen eine 20 Meter hohe Mauer, die Ex-Diktator Ferdinand Marcos hatte errichten lassen.

Zwischen Terminen im Konrad-Adenauer-Haus erfrischt sich der Generalsekretär mit Serien zu 50 Liegestützen. Ist das Besucherzimmer frei, macht er 15 Klimmzüge an einer dafür eingedübelten Stange über der Eingangstüre. »Das stärkt die Finger fürs Klettern.«

In seinem pfälzischen Wahlkreis rannte er bei einem Zehn-Kilometer-Lauf in 43 Minuten auf den zweiten Platz seiner Altersklasse - und eroberte mal wieder die Spalten der Heimatpresse.

Wozu das alles? Warum hat er sich die Ruhepulsfrequenz eines geübten Marathonläufers (50 Schläge pro Minute) antrainiert?

Die Kondition am Berg verschafft ihm »das Gefühl der Sicherheit in politischen Kämpfen«. Wenn andere in nächtlichen Sitzungen ermüden, sieht Geißler sich mit seinen körperlichen Reserven präsent und kampfbereit. »Ich kann warten, bis die anderen abschlaffen.«

Natürlich registriert auch er Meldungen von plötzlichen Todesfällen angeblich kerngesunder Prominenter seines Alters. Er bestand im Dezember 1983 darauf, nur einen Tag nach Ankunft in der fast 4000 Meter hoch gelegenen bolivianischen Hauptstadt La Paz, den 6224 Meter hohen Huaynapotosi anzugehen. Sein österreichischer Bergführer hatte vergeblich vor dem Abenteuer gewarnt. Bei Höhe 5800 mußte Geißler aufgeben, die Luft war weg.

Gelegentlich geraten auf seinen Touren auch andere in Gefahr. Auf dem Monte-Rosa-Gletscher ist Sohn Dominik in eine Gletscherspalte gerutscht, »doch bei fünf Leuten kann nichts passieren, wir hatten ihn am Seil«. Wie kalt es kurz nach Neujahr oben war, will er nur gespürt haben, als er ein Steigeisen barhändig reparieren mußte. Nachts in der Hütte sei man einfach näher zusammengerückt, »dann konnten wir es aushalten bei minus 20 Grad«.

Einmal wollte er Schluß machen mit der extremen Kletterei. Ein japanischer Bergsteiger stürzte unmittelbar hinter ihm auf dem Monte-Rosa-Gletscher vierhundert Meter tief. Geißler: »Nachdem die Leiche geborgen war, wollte ich mit der Bergsteigerei ganz aufhören. Es blieb beim kurzen Vorsatz.«

In den Alpen gibt es kaum eine Spitze, von der er nicht herabgeschaut hat. Selbst mit Reinhold Messner ist er geklettert. Den kraxelnden CDU-General reizen noch zwei Touren: die Besteigung des 6958 Meter hohen Aconcagua, des höchsten Berges auf dem amerikanischen Kontinent. Ihn will er mit Hilfe seiner christdemokratischen Freunde in Chile besteigen - wenn Diktator Augusto Pinochet geschaßt sein sollte.

Die zweite Herausforderung liegt näher: mit Seil und Haken in der Direttissima die Außenwand des Bonner Konrad-Adenauer-Hauses. Höhe: 40 Meter.

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