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Artikel 82 / 85

Briefe

BIS INS VIERTE GLIED
aus DER SPIEGEL 46/1969

BIS INS VIERTE GLIED

(Nr. 45/1969, Indianer-Mord in Brasilien)

Was bedeutet die schönste Erklärung der Menschenrechte, wenn die Machthaber der Erde ungerührt zuschauen, wie in Brasilien die letzten Indianer, deren Vorfahren die ersten iberischen Eindringlinge ob ihres Edelmuts bestaunten, der Habsucht grausamer Unmenschen geopfert werden, und wie .in Nigeria die um ihr natürliches Recht kämpfenden christlichen Ibos und die ebenfalls christlichen Südsudaner von der mohammedanischen Übermacht ausgerottet werden.

Berlin ALFRED SCHWARZKOPFF

Jesus hat offensichtlich im Mato Grosso versagt, aber dem »Folge mir nach« eines auferstandenen Che, der statt eines Kreuzes eine geladene MP in der Faust hält, würde ich folgen! Nur so sind diese Skalpjäger und ihre Hintermänner zu bekehren und in die Gemeinschaft der Seligen zu überführen!

Berlin GERHARD RöLL

Worte fehlen -- doch Wünsche kommen auf: Ich möchte der liebe Gott sein, und ich schwöre, es würde eine arbeitsreiche Woche.

Sanda Gard (Schweden) MANFRED WULF

Reicht denn in unserer Welt nicht aus, was in Europa zwischen 1933 und 1945 geschehen ist? Die brasilianische Regierung steht -- in ihrem eigenen Staate! -- der grauenvollen Vernichtung südamerikanischer Indianer tatenlos gegenüber. So leicht ist es, das Elend schwächerer Mitmenschen zu übersehen, wenn es um Geld und Macht geht. »Das Menschliche bedenke«, meinte vor Jahren ein Gelehrter; als ob es je »bedacht« werden könnte: In Wahrheit ist es gar nicht auszudenken ... Hoffentlich kommt die Regierung Brasiliens zu Einsicht und Vernunft!

Altenstieg (Bad.-Württ.) DIETER RESIN

Wie viele würden bereitwilligst Richter sein, das grauenvolle Verbrechen zu rächen. Sie vergessen, daß sie selbst schon Ansatzpunkte zu solchem Handeln gezeigt haben; indem sie nur zu schnell (zum Beispiel im Alltag), um eines persönlichen Vorteils, um nicht als schwach zu gelten, um nicht benachteiligt zu sein, vom Guten, das sie erkannten, abwichen. Solche Schritte summieren sich, präsentieren sich schließlich in einer Unempfindlichkeit des Gewissens. Wer weiß, was wir alle -- auch ich -- anrichten würden, wenn wir völlige Entscheidungsfreiheit erhielten bei zugesicherter Straffreiheit. Im Menschen steckt ein Ungeheuer.

Stuttgart THOMAS PFENDLER

Gerecht bleiben ist oft steinschwer. Nach dem Ausklang des Tausendjährigen Reiches war man innerhalb eines Pulks von Menschen unter teutschen »Menschen« der Meinung, daß bei Einschätzung aller Massengreueltaten seit der Antike bis einschließlich der Nazi-Epoche unser Volk der Dichter und Denker den Vogel alles Ekelhaften abgeschossen habe. Nachdem man nun aber im SPIEGEL von der Unmasse und den variablen Systemen der Morde an den Ureinwohnern Südamerikas durch eingewanderte »Christen« oder durch deren Nachkommen las, daß es selbst heutzutage noch infolge kaum glaubhaft zu machender Sozialzustände im Endeffekt immer noch zu lediglich langsamerem Massenmord kommt, dann muß man zugeben, daß auch hierfür eichmännische Eichstriche zu setzen sind. Rund 2000 Jahre christliche Kirche und Kreuz, derzeit, UN und Mondflüge, .. .aber?

Heidelberg KURT LASSEN

Es ist haarsträubend, was in Brasilien vorgeht, mal davon abgesehen, daß die Zeitungs- und Magazinberichte auch ein bißchen übertrieben sein könnten. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vernichtung von sechs Millionen Juden wurde jeder Deutsche im Ausland mit Verachtung bestraft. Dieses gebührt meines Erachtens jetzt auch den Brasilianern.

Marburg DIETER REIGBER

Wir sehen hier wieder einmal die Ergebnisse der jahrhundertelangen Fehlerziehung des Menschen im abendländischen Kulturbereich durch eine Gesellschaft, in deren herrschender Moral mehr Wert auf äußerlichen Formalismus als auf echte Humanität gelegt wird. Noch immer leben wir im Zeitalter der Kultur, zu der auch die Scheiterhaufen des Mittelalters gehören. Zu der Ausrottung der Indianer in Südamerika den entschlossenen Einspruch eines der Repräsentanten unseres Kulturbereiches wie zum Beispiel des gerade hier kompetenten Papstes in Rom zu erwarten, hieße den wahren Charakter der Spitzen unserer »christlichen« Gesellschaft zu verkennen.

Bonn BERND D. HAFENBERG

Wäre hier nicht eine Enzyklika fällig? Schon längst fällig gewesen? Aber vom religiösen Standpunkt aus ist jeder vor seinem Gewissen verantwortlich. Da findet sich stets eine Rechtfertigung, auch beim Verbrecher. Die ausschließliche Verantwortung vor den Nebenmenschen und vor allem der künftigen Menschen setzt sich erst ganz allmählich durch. Als es vor zirka 120 Jahren nur ein Fabrikarbeitergesindel und noch keine Gewerkschaften gab, wurden die Arbeiter zwar nicht abgeschlachtet, aber schändlich ausgebeutet. Die Fabrikherren waren angesehene Bürger wie in Brasilien die Großgrundbesitzer; sie waren Kirchgänger und machten Zuwendungen für die Kirchen. Das wäre alles anders gekommen -- auch in Brasilien -, wenn sich die Kirche rechtzeitig ihrer menschlichen Verpflichtung bewußt gewesen wäre, sich nach den Worten Jesu und nicht nach der opferheischenden, blutrünstigen, alttestamentlichen Weltanschauung eines Paulus gerichtet hätte.

Darmstadt CARL SEEBERGER

Wo bleibt das Erbarmen der Kirchen -- des unfehlbaren Oberchristen? -- aber Großgrundbesitz plus Kirche ergibt in all diesen Staaten die herrschende Gesellschaftsschicht -- in Europa wehklagen die Kirchen, weil in Lateinamerika niemand mehr Priester werden will -- und spenden Millionen, um diese Zustände aufrecht zu erhalten -- mit frommen mißbrauchten Bibelversen werden diese Völker (noch) niedergehalten -- eine endlose Kette der Ausbeutung und Verdummung -- auf sich selbst wenden die Superkirchen die Schrift nicht an -- warum sollen sie auch, man lebt gut so! Wen der Herr verderben will, schlägt er mit Blindheit! Letztes Beispiel Negerfrage -- USA! Es waren sehr fromme amerikanische Bürger, welche schwarze Mitbrüder als Vieh kauften und schlimmer als Vieh behandelten! Es steht geschrieben, ich will die Sünden der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied -- die Heimsuchung hat bereits begonnen. Es wird noch ein schreckliches Erwachen der Kirchen geben!

Pappenheim (Bayern)

KARL FRIEDRICH HÜFTLEIN

Vermag niemand, dem bestialischen Morden Einhalt zu gebieten? Hunswinkel (Nrdrh.-Westf.)

GUDRUN KIENEL GERD KIENEL

Der zutiefst bestürzende Bericht von Norman Lewis enthält eine Verfälschung historischer Tatsachen, wenn er von den Reservaten der Jesuiten als »religiösen Konzentrationslagern« spricht. Die geschlossenen Siedlungen, die eine auf dem Solidaritätsprinzip basierende Synthese von Privat- und Gemeinwirtschaft kennzeichnete, wurden zum Schutz der Indianer gegen brasilianische Sklavenjäger festungsartig von der Umwelt abgeschlossen. Die ersten, in den Jahren 1609/10 in Guaira (im heutigen brasilianischen Bundesstaat Paraná) gegründeten Reservate wurden aufgrund der wiederholten Überfälle der Sklavenjäger in das Gebiet des Rio Paraná und des Rio Uruguay verlegt. Es waren die Jesuiten, die sich radikal auf die Seite der Indianer stellten und sich dadurch die Verfolgungen und Verleumdungen der Sklavenjäger zuzogen. Einer der Hauptvorwürfe war, die Jesuiten würden sich zu sehr um das »irdische Wohl der Indianer kümmern. Trotz einer im Jahre 1743 durch König Philipp V. veranlaßten offiziellen Untersuchung. die eine durchschlagende Rechtfertigung der SJ brachte, wurde das Werk der Jesuiten 1767 durch König Karl III. von Spanien verboten, und 113 716 Indianer erneut ihrer unbarmherzigen Mitwelt preisgegeben. Wenn man sich die damalige Verfassung der Indianer und die Umweltschwierigkeiten vor Augen führt, ist der »Jesuitenstaat -- gerade im humanen Sinne -- ohne Übertreibung zu einer der bemerkenswertesten sozialen Leistungen der Geschichte zu zählen. Ein so unverdächtiger Zeuge wie Robert Liefmann spricht von einem der »eigenartigsten und erfolgreichsten Gemeinwesen«. Ein Entwicklungshelfer. der lange Jahre in Bolivien verbrachte, meinte mir gegenüber, er sehe in den Grundprinzipien des »Jesuitenstaates« heute noch -- nach dreihundert Jahren -- entscheidende Elemente zur Lösung der sozialen Frage in Südamerika.

Löwen (Belgien) HERWIG BUCHELE SJ

Stellen Sie sich einmal das Photo: »Greuel am Rio Xingú« mit dem Titel vor: »Greuel an einem jüdischen Mitbürger in ...« Die Weltpresse wäre Sturm gelaufen. Bei einem Zigeuner, Araber oder Indianer oder Neger liegen die Dinge anders. Sie stehen wegen ihrer »Fremdartigkeit außerhalb unseres Kulturkreises. Es klingt wie ein Hohn, daß (nur wenige Seitenweiler in Ihrem Magazin) Macks Ausstellung in der tunesischen Oase Kebili vom Saarländischen und Westdeutschen Rundfunk (inanziert wurde. Ich bin sicher, daß Macks Traum von den 13 Stationen in der Sahara (länger als jede Straße der Welt) mit einem Quecksilbersee und einem Himmel aus Silberballonen eher realisierbar ist als die moralische Mobilisierung gegen ein neues Völkermorden.

Hamburg GEORG SCHÄFER

Das Photo über die Hinschlachtung der Indianerin anschauen heißt wahrhaftig der Gorgo ins Auge sehen.

Großweil (Bayern) JÜRGEN KUPER

Mit diesem Verhalten dürfte nochmals der Beweis erbracht sein, daß der »nackte Affe« sich nur durch Äußerlichkeiten von anderen Tieren unterscheidet.

Trier (Rhld.-Pf.) ALBERT KOPF

In Südamerika offenbart sich der Kapilalismus, dessen ökonomisches Ziel der Profit ist und der prinzipiell die Interessen des einzelnen höher stellt als die der Gesellschaft, in seiner brutalsten Weise.

Sögel (Nrdrh.-Westf.) HANS WINDT

Es wäre illusionär von mir zu glauben, daß eine einzelne Person etwas gegen diese Verbrechen unternehmen könnte, aber wenn Sie als Redaktion an den Bundeskanzler oder (und) das Außenministerium schreiben würden und außerdem Ihre Leserschaft aufforderten, ebenfalls aktiv zu werden und zu schreiben, dann wäre noch immer nicht sicher, ob wirklich von seiten der Regierung etwas unternommen wird. aber es ist wohl der einzige Weg, der einem einzelnen bleibt, und deshalb werde ich sobald wie möglich Herrn Brandt oder Herrn Scheel schreiben. Ahrensburg (Schl.-Holst.)

REINHARD WOLTER

Ergänzend zu Ihrem Artikel »Sie werden alle ausgerottet« möchten wir Sie darauf hinweisen, daß dem Auftrag des Plenums der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde folgend am 22. Oktober 1969 im Völkerkundlichen Institut der Universität Tübingen, Schloß, eine Dokumentationsstelle zur Erfassung von Verbrechen an Indianerpopulationen eingerichtet worden ist.

Tübingen DR. W. MARSCHALL

Ich habe den Bericht über das Massaker an den brasilianischen Indianern gelesen. Ich bin entrüstet und schockiert über das Vorgehen der brasilianischen Kautschuksammler. Jedem Menschen steht das Recht auf Leben zu, und deshalb verstößt dieses Vorgehen gegen das allumfassende Gesetz des Lebens. Es sieht nicht so aus, als ob dem Völkermord -- der sich ja nicht nur auf Brasilien erstreckt -- Einhalt geboten werden kann.

Remscheid HORST ZIEGELASCH

Der schwedische Völkerkundler Lars Persson von der Universität Stockholm hat während eines halbjährigen Aufenthaltes in Nord- und Südamerika erfahren, daß Hunderttausende von Indianern in Brasilien durch Vergiftung ausgerottet wurden und noch in diesem Herbst weitere Massenmorde durch Napalmbomben erfolgen sollen, da die Indianer angeblich den Abbau von Uranvorkommen behindern. Wir fordern die brasilianische Botschaft auf, zu dieser Information glaubwürdig Stellung zu nehmen! Neuenbeken (Nrdrh.-Westf.)

WALBURGA BALLHAUSEN und 16 Klassenkameraden

Es ist nicht meine Aufgabe, die brasilianische Regierung zu verteidigen, aber es stört mich als Brasilianer, wenn man im Ausland den Eindruck gewinnt, daß auch heute noch solche Verbrechen gegen die einheimische Bevölkerung, die Indianer, von den Brasilianern begangen werden. Ich erlaube mir auf einige Punkte besonders einzugehen: Es stimmt, soweit ich weiß, daß von den Verbrechern bis heute noch keiner verurteilt wurde. Das Innenministerium mußte, soweit ich informiert bin, die Fahndungen dem Justizministerium übergeben, da dieses und nicht das Innenministerium für die gerichtliche Prozeßführung verantwortlich ist. Es ist bedauerlich, daß sich Prozesse in Brasilien lange hinziehen, aber ich habe vor einigen Monaten in Ihren Artikeln gelesen, wie schwer es ist, in Deutschland zum Beispiel Kriegsverbrecher zu verurteilen und mit welchen rechtlichen Schwierigkeiten man dort zu kämpfen hat. Ich freue mich, daß Sie über das brasilianische Mißverhältnis genauso empört sind wie über das deutsche, aber ich glaube, daß es doch wünschenswert wäre, wenn Sie sich auch über die brasilianischen Probleme so informieren würden wie über die deutschen, damit Ihre Leser wissen, warum im ersten Moment nur administrative Maßnahmen gegen die Verbrecher unternommen werden konnten.

Ich glaube, daß es auf Herrn Queiros Campos* zurückzuführen ist, daß die neue brasilianische Verfassung, welche am 30. Oktober 1969 in Kraft trat, im Artikel 198 Paragraph 1 und 2 das Problem der Ländereien der brasilianischen Indianer auf faire Art und Weise löst. Durch diesen neuen Verfassungsparagraphen ist nicht nur der Grundbesitz der von Indianern besetzten Gebiete garantiert, sondern es wurde auch festgelegt, daß das Land, welches den Indianern abgenommen wurde, wieder zurückgegeben werden

* Präsident der neugegründeten nationalen Indianer-Stiftung FUNAI (Fundacao Nacional aos Indios). Die FUNAI ist Nachfolgerin des »Indianerschutzdienstes«. -- Red.

muß, und daß diejenigen, welche es zurückgeben müssen, keine Abfindungen dafür bekommen werden. Mit diesem Verfassungsartikel hat zum erstenmal die Stiftung für die Indianer die rechtlichen Mittel, um den Indianern wirklich helfen zu können.

Genf Linz CARLOS WEIL

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