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IRAN Bis zum Ende

Des wichtigste Mann des Ajatollah Chomeini ist sein Außenminister Ghotbsadeh -- ein Berufsrevolutionär.
aus DER SPIEGEL 53/1979

Vor dem Essen in Teheran war Sean MacBride, Gründungsmitglied von Amnesty International, Friedensnobelpreisträger und ehemaliger Außenminister der Republik Irland, noch guten Mutes. Nach dem Lunch mit Sadigh Ghotbsadeh, dem Außenminister des Ajatollah, war seine Stimmung gedämpft: »Es gibt keinerlei positive Entwicklung.«

Wieder war ein Versuch gescheitert, die Freilassung der seit dem 4. November von den iranischen Revoluzzern gefangengesetzten amerikanischen Botschaftsangehörigen zu erwirken. Der Nervenkrieg ging weiter.

Während US-Präsident Carter sich anschickte, einen Wirtschaftsboykott der Uno gegen den Iran zu beantragen, nahmen der atomgetriebene Flugzeugträger »Nimitz«, das größte Kriegsschiff der Welt, und ebenso die beiden Kreuzer »Texas« und »California« Kurs auf den Persischen Golf.

Gespannt starrte die größte Macht der Welt auf den Iran, begierig, endlich einmal Wirkung von Druck und Drohgebärden zu registrieren.

Doch die Reaktion aus Teheran bestand zumeist aus verbalen Kunststucken eines politischen Jongleurs: Sadigh Ghotbsadeh, 41, Außenminister des Iran, Ratgeber und Sprachrohr des Ajatollah, flimmerte fast täglich zur besten Sendezeit über die Mattscheiben Amerikas, erweckte Hoffnungen, zerstörte sie wieder, gab sich menschlich und zynisch fast in einem Atemzug.

So etwa kündigte er noch vor Weihnachten an, wenigstens einige der Geiseln würden zum Fest freigelassen. Amerika atmete fast hörbar auf.

Doch keine Geisel kam frei, und Ghotbsadeh, wieder groß im Bild, hatte keine Mühe, zungenfertig zu erläutern, daß »letztlich« jene Geiseln freigelassen würden, die keine Spione seien. Auf einen Zeitpunkt wollte sich der Minister nicht mehr festlegen.

Er hat es, will er glauben machen, auch nicht nötig. »Je mehr sich die Position der amerikanischen Regierung verhärtet, desto härter wird die Lage sein«, sagte er in einem Interview, »wir jedenfalls werden bis zum bitteren Ende Widerstand leisten.«

Derlei Sprüche beweisen, wie sehr die Revolution des Ajatollah, einst auch von Persiens Intellektuellen als Sieg von Vernunft, Redlichkeit und Moral über Unvernunft, Bösartigkeit und Verderbtheit des Schah-Regimes gepriesen, in einen zum Selbstzweck gewordenen Fanatismus steuert.

Mit Sachverstand und Frömmigkeit zugleich etwa hatte Mehdi Basargan, des Ajatollah erster Premier, noch eine islamische Demokratie aufrichten wollen. Der gelernte Wärmekraftingenieur hatte schließlich, entsetzt von den irrationalen Ausschreitungen des Chomeini-Klerus und entnervt von dem Hineinregieren des launischen Alten in Ghom, seinem Amt entsagt.

Im Rampenlicht stand dann Banisadr, ein Mann der jüngeren Revoluzzer-Garde. Im Gegensatz zu Basargan war er mehr darauf getrimmt, Sprachrohr seines Herrn zu sein. Einige Freiheiten aber erlaubte er sich doch. So wollte er die Tür zu Amerika, von dem der Iran wirtschaftlich weitgehend abhängt, nicht völlig zuschlagen.

Das wurde ihm zum Verhängnis. Als er Ende November, ohne den Ajatollah vorher gefragt zu haben, den iranischen Standpunkt in der Geiselaffäre vor der Uno vertreten wollte, war es für Sadigh Ghotbsadeh, damals Direktor für Rundfunk und Fernsehen, ein leichtes, die Position des Rivalen zu übernehmen.

Ghotbsadeh verkörpert einen neuen Typus unter den Apologeten des Ajatollah, einen Mann, der Revolution um der Revolution willen machen will.

So sah er sich selbst schon seit je. Als Berufsrevolutionär stellte sich der hochgewachsene, elegant gekleidete Iraner vor rund drei Jahren in der Auslandsredaktion des SPIEGEL vor. Damals schilderte er, wie ihn die Savak jagte, die berüchtigte Geheimpolizei des Schah. Heute jagt er selbst, rechnet gnadenlos mit denen ab, die ihn einst gedemütigt haben.

Dazu gehören auch die Amerikaner. 1959 hatte sich der Sohn eines Holzhändlers an der Georgetown University in Washington zum Studium der Diplomatie immatrikuliert. Seinen Kommilitonen fiel seine Vorliebe für große amerikanische Autos ebenso auf wie die Tatsache, daß Ghotbsadeh fünfmal des Tages gen Mekka gewandt seine Gebete verrichtete.

Zwei Jahre später, 1961, hielt er auf einem Gala-Empfang des iranischen Botschafters und Schah-Schwiegersohnes Sahedi eine Lobrede auf den Premier Mossadegh, der den Schah 1953 zur Flucht gezwungen hatte. Die Veranstaltung endete in einer Massenschlägerei.

Zweimal, 1963 und 1967, wurde er aus den Vereinigten Staaten ausgewiesen. Seitdem war Ghotbsadeh nicht mehr gut auf die USA zu sprechen. Statt dessen hielt er Kontakt zu arabischen Revolutionären in Libyen, Syrien und dem Irak.

Den Ruhm Chomeinis, mit dem Ghotbsadeh weitläufig verwandt ist, verkündete er schon, als der Ajatollah auch im Iran nur in Klerikerkreisen und bei der Savak bekannt war.

Die Treue zahlte sich aus. Als Direktor von Rundfunk und Fernsehen wurden Ghotbsadeh Ordnungsfunktionen auch für die Presse übertragen. Die Medien des Iran, für einige glückliche Momente nach der Flucht des Schah wieder frei, wurden völlig auf Chomeini-Kurs getrimmt.

Mit Sorge achtet der zum Außenminister aufgerückte Vasall auf jedes Abflauen in der revolutionären Stimmung. Notfalls, so Ghotbsadeh unlängst, müßten auch andere Botschaften besetzt werden, wenn die Revolution nur so am Leben erhalten werden könnte.

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