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»Bis zur Endkonsequenz«

Wie Edmund Stoiber einst für seinen Mentor Franz Josef Strauß den Kanzlerwahlkampf führte - und verlor.
Von Hartmut Palmer
aus DER SPIEGEL 5/2002

Manchmal gelingen Edmund Stoiber Sätze fürs Leben. »Auch ohne die Ereignisse in Afghanistan ist die grundlegende politische Wende im Herbst dieses Jahres überfällig«, schrieb er im CSU-Organ »Bayernkurier« - vor 22 Jahren.

Damals tummelten sich noch keine al-Qaida-Kämpfer am Hindukusch, die Russen waren ins Land eingefallen. Und die Sozialdemokraten regierten zusammen mit den Liberalen, in Bonn, nicht in Berlin.

Doch die Schlussfolgerung, die der Oberbayer seinerzeit aus der weltpolitischen Lage zog, gilt aus seiner Sicht noch heute: Zur Lösung der innen- und außenpolitischen Probleme »bieten die Unionsparteien von ihrem politischen Programm und von der Person ihres Spitzenkandidaten her die Gewähr«.

Einziger Unterschied: Heute will Stoiber selbst Kanzler werden, damals trommelte er als CSU-Generalsekretär für den Kandidaten Franz Josef Strauß, den er kompromisslos bewunderte: »Der weit schauende, nüchtern analysierende und schlüssig wertende Realitätspolitiker Strauß wird Tag für Tag bestätigt.« Die Wähler sahen das bekanntlich anders.

Seit der heftigen Wahlschlacht von 1979/1980 haftet Stoiber neben einem Beinamen ("Das blonde Fallbeil") der Ruch des Scharfmachers und Polarisierers an, den er als Unions-Kanzlerkandidat jetzt möglichst schnell loswerden will.

Aber das ist nicht so einfach. Selbst manchem CSU-Anhänger ist Stoiber wegen seiner damals 150-prozentigen Gefolgstreue zu Strauß noch heute unheimlich. »Wenn ich einmal überzeugt bin«, äußerte er einst, »dann gehe ich bis zur Endkonsequenz.«

Für Strauß ließ sich der »Pitbull mit Sachkompetenz« ("Welt") sogar selbst anpöbeln. Zum höheren Ruhm seines Mentors und Meisters nahm Stoiber es in Kauf, in den eigenen Reihen angefeindet zu werden. »Strauß mag es, wenn einer forsch nach vorn geht«, sagte er dann. »Von den noblen Ratgebern im Hintergrund gibt's ohnehin genug.«

Getreu der Linie »Freiheit oder Sozialismus« traktierte Stoiber das Publikum beharrlich mit seinen Tiraden gegen die »liberalistisch-sozialistische« Regierung und deren angeblich »kommunistisch gesteuerten« Hilfstruppen. Unvergessen die wüsten Beschimpfungen gegen Linke und Intellektuelle ("Ratten und Schmeißfliegen"), die der CSU-General Anfang 1980 wieder aus der Mottenkiste holte, wo sein Mentor sie zwei Jahre zuvor abgelegt hatte. Grotesk sein Geschrei, die »Hetze gegen Strauß gleicht der Hetze gegen die Juden im Dritten Reich«.

Obwohl Strauß versprochen hatte, keinen »Konfrontationswahlkampf« zu führen, hatte er die Rolle des Kreidefressers schnell abgelegt. Als der CSU-Chef im Herbst 1979 beim Kommunalwahlkampf in Nordrhein-Westfalen mit Eiern beworfen und ausgebuht wurde, empörte er sich über seine Widersacher - die benähmen sich »wie die schlimmsten Nazi-Typen in der Endzeit der Weimarer Republik«.

Seither hat auch Stoiber immer wieder in diese Kerbe gehauen. Den CSU-Parteitag Ende September 1979 heizte er vorab mit der Bemerkung auf, »Nationalsozialisten waren in erster Linie Sozialisten« - so anfällig für Planwirtschaft und Kollektivismus wie die Kommunisten im Osten. Dann ließ er einen Film produzieren, der Szenen aus dem Volksgerichtshof des Nazi-Richters Roland Freisler absichtsvoll und hinterhältig mit Auftritten des SPD-Kanzlers Helmut Schmidt verschnitt.

Alles Notwehr, behauptete der Strauß-Adlatus später. Er habe damit nur die SPD ruhig stellen wollen, die immer den CSU- Kandidaten in die ultrarechte NS-Ecke stelle. Stoiber: »Die Leute wissen gar nicht, dass Helmut Schmidt Zuschauer bei den Freisler-Prozessen war.«

Doch die Polemiken verfingen nicht - sie bewirkten das Gegenteil. Auch Stoibers Versuch, die Sozialdemokraten als Inflationstreiber zu diffamieren ("Ein Weiterregieren der SPD bedeutet Währungsreform und Geldvernichtung. Eine Regierung der Union mit Strauß dagegen bedeutet Stabilität"), stieß ins Leere.

Als im Sommer 1980 die Meinungsumfragen beständig nach unten zeigten, trommelte General Stoiber noch einmal zur Geschlossenheit. »Ohne leidenschaftliches Eintreten unserer Parteimitglieder, ohne engagierte Darstellung unserer politischen Überzeugung ist der Bürger von der Richtigkeit unserer Politik nicht zu überzeugen.« Vorsorglich nannte er bereits im Juni die Gründe eines möglichen Scheiterns am Wahltag im Oktober: »Uns fehlen die millionenschweren Hilfstruppen, die der SPD im Wahlkampf helfen.«

Nach dieser Melodie könnte es auch diesmal wieder laufen. Stoibers neue Partnerin, Angela Merkel, hat das Klagelied schon im Repertoire. Es sei ein »Skandal«, dass die SPD immer noch »zweistellige Millionenbeträge« aus ihren Zeitungsbeteiligungen ziehen dürfe, während »wir auf Spenden angewiesen sind«, klagte die CDU-Vorsitzende gleich nach Stoibers Kür zum Kandidaten. HARTMUT PALMER

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