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DDR Bißchen Remmidemmi

Motorsport im Sozialismus - offiziell verpönt, doch zu den Schleizer Renntagen kommen mehr Zuschauer als zum Fußball oder zur Spartakiade. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Die Wagen vom Typ Trabant 601 sind knallbunt bemalt. Anstelle der DDR-üblichen blassen Pastellfarben ziehen sich grell leuchtende Flammenmotive oder phantasievolle Ornamente über Dach und Seitenwände.

Dazwischen preisen Reklamesprüche die Produkte des Sozialismus an: Saatgut und Küchenmöbel, Florena-Kosmetik und den Trabant selbst - »Mehr als 200 Teile aus Plasten und Elasten, natürlich von Pneumant«.

25 Trabis warten auf ihren Start zum Lauf um die DDR-Meisterschaft. Ihr Lärm würde auch auf dem Nürburgring Ehre machen.

Die Geschwindigkeiten ebenfalls: Bis zu 180 Kilometer pro Stunde erreichen die frisierten »Volkswagen« der DDR, die sich sonst mit allenfalls 100 Sachen über die ostdeutschen Autobahnen quälen. Daß die Fahrer bei einem Unfall nicht verletzt werden und die Plastikbomber nicht auseinanderfliegen, verhindern mächtige Stahlrohrkonstruktionen im Innern der bis auf den Fahrersitz leergeräumten Mini-Renner.

Einmal im Jahr, jeweils am ersten Wochenende im August, versammeln sich in der Nähe der kleinen Stadt Schleiz (8000 Einwohner), tief im Süden der Republik nahe der Grenze zu Bayern, weit mehr als 100000 ostdeutsche Fans, um sich wenigstens als Zuschauer an Dingen zu erfreuen, von denen sie sonst nur träumen können - an schnellen Motorrädern und rasanten Automobilen.

350 Motorräder und 150 Autos, Tourenwagen vom Trabi bis zum Lada sowie Rennwagen der nur noch in sozialistischen Ländern gebräuchlichen »Formel 3«, sind beim »53. Internationalen Schleizer Dreieckrennen« am vorletzten Wochenende am Start.

»Das ist die absolut größte Sportveranstaltung der DDR«, sagt Jürgen Grimm, Pressesprecher der Rennleitung, stolz, »so viele Zuschauer an einem Tag bringen weder Fußball noch die Spartakiade auf die Beine.

120000 waren es am vorletzten Sonnabend, rund 230000 insgesamt während der drei Renntage, Mehrfach-Besucher mitgezählt. Der Zuschauerrekord allerdings stammt noch immer aus dem Jahr 1950. Damals kamen eine viertel Million Menschen zum 5. Gesamtdeutschen Motorrad-Meisterschaftslauf nach Schleiz.

Dabei fristet der Motorrennsport in der DDR von Staats wegen und aus ideologischen Gründen nur ein bescheidenes Dasein. Rund 300 Motorrad-Rennfahrer und 140 Automobil-Piloten sind im über 80000 Mitglieder starken Allgemeinen Deutschen Motorsport-Verband der DDR (ADMV) organisiert, der ähnlich breit gefächerte Funktionen hat wie der ADAC in der Bundesrepublik.

Die Rennfahrer werden vom Staat, der andere Sportler mit großem Geld unterstützt, mehr als stiefmütterlich behandelt. Zum einen sind mit ihnen beim technischen Rückstand der ostdeutschen Motorrad- und Autoindustrie weder Medaillen noch internationale Reputation zu gewinnen, zum anderen fürchtet die Gouvernante SED, durch eine Förderung des Rennsports könnte die ohnehin schon überbordende, aber mangels Masse weitgehend unbefriedigte Autobegeisterung der DDR-Bürger noch weiter angefacht werden.

Außer dem Schleizer Dreieck gibt es nur noch eine größere Rennstrecke, den Sachsenring bei Zwickau. Der einzige Motorradproduzent der DDR, die staatliche Firma MZ, hat längst vor der westlichen Konkurrenz kapituliert und sich für Wettbewerbe auf Motocross-Maschinen spezialisiert.

Die Straßenfahrer sind auf sich selbst gestellt und starten nur gegen Konkurrenz aus sozialistischen Bruderländern. Aber auch da fahren sie fast immer hinterher. An diesem Wochenende gewinnen die DDR-Starter von fünf Motorradrennen mit internationaler Beteiligung kein einziges.

Die Konkurrenz aus Ungarn, Kuba, der CSSR oder Jugoslawien fährt japanische

Maschinen und geht mit westlichen Spezialreifen auf den kurvenreichen Kurs, die DDR-Fahrer besitzen ausschließlich Maschinen aus sozialistischer Produktion, die meist im Eigenbau auf Renn-Niveau getrimmt worden sind.

»Außerdem haben unsere Fahrer zuwenig Praxis«, klagt Rennsekretär Hermann Kiss vom heimischen Motorsportclub Schleizer Dreieck. »Die meisten fahren nur zwei bis drei Rennen im Jahr. Da ist es schwer, nach oben zu kommen.«

Die Automobilisten müssen für ihr Hobby viel hinlegen. Sie finanzieren ihre teuren Renner aus eigener Tasche und suchen sich nach kapitalistischer Manier ihre Sponsoren selber.

Die gibt es sogar im Sozialismus, wenn auch in weitaus bescheidenerem Rahmen als im Westen. Der Ost-Berliner Manfred Kuhn etwa, der zu Hause eine Kfz-Werkstatt betreibt, erhält ein paar Tausender im Jahr, weil er auf seinem Rennwagen für die DDR-Rockgruppe »Puhdys« Reklame fährt.

Aus den Miesen kommt er damit so wenig wie seine Kollegen. Am besten dran sind noch die Fahrer, denen die volkseigenen Großfirmen wie die Glühlampenfabrik Narva oder der Filmhersteller Orwo unter die Arme greifen.

»Mehr als ein kleines Werbegeld ist aber selbst bei denen nicht drin«, beteuert Rennsekretär Kiss. Er bringt die Einstellung der Renn-Freaks in der DDR auf die Formel: »Wenn du den Motorrennsport liebst, dann gibst du viel dafür.«

Selbst die, die ganz vorn fahren - bei den Touren- und Rennwagen können die Ostdeutschen blockintern durchaus mithalten -, sind nicht besser dran. »Für einen Sieg«, sagt Manfred Kuhns, Mechaniker Jürgen Vogt, »bekommst du mal 100, mal 50 Mark.

Dazu gibt es von heimischen Firmen gestiftete Ehrenpreise - mal ein Kaffeeservice, mal eine Porzellanvase, wenn's hoch kommt einen monströsen Polstersessel.

Vogt sieht das Ganze positiv: »Das hier ist wenigstens noch Sport.«

Das glauben auch die Zuschauer. Deren Zahl ist seit Jahren konstant. Sie bekommen für bescheidene Eintrittspreise (zwischen sechs und neun Mark pro Tag) eine Menge geboten; insgesamt 13 Läufe an drei Tagen, sieben für Motorräder, sechs für Touren- und Rennwagen. Die Pausen zwischen den Starts sind kurz. Kiss: »Wir haben keine Stars hier wie euren Martin Wimmer, die Leute ziehen, deshalb müssen wir viel Sport bieten.«

Was die Zuschauer auf der Strecke nicht zu sehen kriegen, bieten ihnen findige Privathändler hinter den Tribünen. Dort können die Fans westlicher Stars und Maschinen ihre Idole kaufen - auf Hochglanz-Photopapier, je nach Vergrößerung für 2,50 bis 18 DDR-Mark.

Das Geschäft geht sehr gut. Ein Teil der Repros ist von West-Postkarten und West-Kalendern abgekupfert. Den Rest haben die Verkäufer selbst geknipst - im tschechischen Brünn, wo sich die internationale Elite der Motorrad-Rennfahrer zu Weltmeisterschaftsläufen trifft. Mehrere 10000 Ostdeutsche pilgern zu diesem Spektakel.

Doch die Attraktivität des Schleizer Dreiecks hat noch einen anderen, unsportlichen Grund: Hier bietet sich vor allem jungen Leuten einmal im Jahr die Gelegenheit, fernab von Partei und Propaganda und ohne die Animateure der FDJ im Nacken Urlaub zu machen.

Das Schleizer Dreieck ist während der Renntage eine Art SED-freier Raum: Während der Veranstaltung taucht keinerlei Parteiprominenz auf, über Lautsprecher dröhnen nur Motoren und die dramatischen Stimmen der Moderatoren, die von der Strecke den Rennstand durchsagen. Am Startturm und an den Tribünen hängen statt der üblichen Vorwärts-Parolen lediglich Reklametafeln für Orwo, Narva oder die Produkte des Chemiefaserkombinats Schwarza.

Nur ein paar Meter neben dem Siegerpodest ist verschämt ein einsames Polit-Transparent angebracht. Darauf steht: »Die DDR - unser Vaterland, Land der Freiheit, der Menschlichkeit und Menschenwürde!«

Doch das sehen allenfalls 500 der 120000 Besucher auf der Tribüne gegenüber.

Bereits fünf Tage vor Rennbeginn rücken in die fünf eigens für das Ereignis hergerichteten Zeltplätze die ersten Camper ein - meist Cliquen junger Leute, die sich eigene Zeltstädte bauen, mit Eingang, Wimpeln und Transparenten

wie »Nordhausen grüßt den Rest der Welt« oder »Lobensteiner Schluckspechte«.

Der »Fanclub Günter Glenner Sangerhausen« ist mit 50 Mann angerückt. Ein Günter Glenner steht nicht auf der Fahrerliste. »Das ist«, klärt ein Glenner-Fan bereitwillig auf, »der Stadtalkoholiker von Sangerhausen, den kennt doch jeder.«

Alkohol wird während der Renntage rund um den Kurs und in den meisten Schleizer Lokalen nicht ausgeschenkt. Und die Volkspolizei bemüht sich, durch weiträumige Kontrollen zu unterbinden, daß die Fans Bier herbeischaffen.

Es fließt auf den Zeltplätzen trotzdem reichlich. Allein eine neun Köpfe starke Gruppe aus der Nähe von Potsdam hat für den Eigenbedarf 250 Liter vom Faß in einem von der staatlichen Gesellschaft für Sport und Technik entliehenen Festzelt eingelagert.

Doch die jungen Leute toben den Frust über ihre langweilige DDR meist friedlich aus. »Wir fahren schon seit sechs Jahren hierher«, sagt der Anführer der Bier-Gruppe, »aber richtig ausgerastet ist hier noch keiner.«

Das äußerste sind ein paar bereits an Silvester fürs Schleizer Dreieck beiseite gelegte Raketen, die abends nach zehn in die Dunkelheit steigen. Oder »ab und zu ein bißchen Remmidemmi bei den jungen Leuten« (so ein örtlicher Rennfunktionär milde).

Vor zehn Jahren war das noch etwas anders. Damals traten an den Rennabenden Rockgruppen auf. »Das ging hundertprozentig schief«, erinnert sich Rennsekretär Kiss. Heute werden spätabends auf einer Riesenleinwand Spielfilme gezeigt.

Die örtlichen Organe der Staatssicherheit tun das ihre, die Stimmung moderat zu halten: Sie treten - entgegen ihren sonstigen Gepflogenheiten - überhaupt nicht in Erscheinung. Nicht einmal der Fanclub Günter Glenner bekommt Besuch.

Den Herren von der Rennleitung kann soviel Toleranz nur recht sein. Sie nämlich träumen davon, daß ihre Strecke wieder wird, was sie in den dreißiger und frühen fünfziger Jahren schon einmal war: ein Kurs für große internationale Rennen mit westlichen Startern.

Seit Jahren arbeiten die Schleizer zäh und unverdrossen an diesem Ziel. Knapp eine Million kostet sie jedes Rennen bislang. Doch die Einnahmen liegen um einiges darüber. Die Überschüsse investieren die Organisatoren Jahr für Jahr in ihr Dreieck.

Mit Erfolg. Rund um die Strecke gibt es bereits zahlreiche, gut ausgebaute Tribünen. Der Startturm und das Fahrerlager können sich sehen lassen.

Und die Organisation hat hohen Standard. Während der diesjährigen Rennen gab es trotz großer Hitze an allen Tagen sogar genug Limo und Selters für die Zuschauer - für DDR-Verhältnisse ein mittleres Wunder.

»Was uns noch fehlt«, sagt Pressechef Grimm, »ist eine Infrastruktur drum herum, die westlichen Ansprüchen genügt, Hotels, Lokale und so weiter. Außerdem habe die DDR nicht die nötigen Devisen, um die Starfahrer aus dem Westen zu bezahlen.

Grimm glaubt dennoch an die Zukunft. Am liebsten wäre ihm und seinen Genossen ein Weltmeisterschaftslauf für Motorräder wie im nächsten Jahr wieder im tschechischen Brünn. »Das peilen wir absolut an.«

Utopisch sind Grimms Träume nicht. Für die devisenhungrige DDR könnte sich eine internationale Rennstrecke in der Tat rentieren - allein schon durch die Bandenwerbung und lukrative Fernsehübertragungen in den Westen.

SED-Mann Alexander Schalck-Golodkowski, Staatssekretär im Außenhandelsministerium zu Ost-Berlin und oberster Devisenbeschaffer seiner Partei, sollte es mal durchrechnen lassen.

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