Zur Ausgabe
Artikel 24 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Wahlkampf Biste oder biste nicht

Mit einem massiven Einsatz von Spitzenpersonal an der Saar will die CDU dem möglichen SPD-Kanzlerkandidaten Lafontaine die Tour nach Bonn vermasseln.
aus DER SPIEGEL 47/1989

Oskar Lafontaine, 46, saarländischer Ministerpräsident und stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender, sprach plötzlich von sich selber in der dritten Person. »Derjenige, der den Oskar Lafontaine vom Saarland abnabeln will«, rief er den Delegierten auf dem SPD-Landesparteitag Anfang des Monats zu, »muß erst noch erfunden werden.«

Rund 850 000 Saarländer entscheiden am 28. Januar kommenden Jahres nicht nur über die Zusammensetzung des Landesparlaments. Im kleinsten Flächenstaat fällt auch die Vorentscheidung, wer wenige Monate später für die SPD als Kandidat gegen Bundeskanzler Helmut Kohl, 59, antreten wird: Lafontaine, SPD-Parteichef Hans-Jochen Vogel, 63, oder ein Dritter. Lafontaine: »Ich will erst einmal das Votum der Saarländer hören.«

Die Wahl, trichterte Kohl deshalb seinen Parteifreunden persönlich ein, sei »ein Augenblick, in dem viel entschieden wird«.

Sein Bonner Umweltminister Klaus Töpfer, 51, soll als CDU-Spitzenkandidat mit einem aufwendigen Wahlkampf dem Sozi »die Tour nach Bonn vermasseln«, wie der CDU-Landesvorsitzende Peter Jacoby, 38, hofft. Denn Oskar Lafontaine gilt in der Union als der gefährlichste unter den potentiellen Kohl-Herausforderern.

Die Rechnung der Christdemokraten ist einfach. Die Saar-Sozis regieren derzeit mit der denkbar dünnsten Mehrheit von nur einem Mandat (Landtagswahlergebnis 1985: SPD 49,2 Prozent, CDU 37,3 Prozent, FDP 10 Prozent). Gelingt es den Oppositionsparteien, die knappe Mehrheit der Sozialdemokraten zu brechen, dann, sagt Töpfer, »steht der Strahlemann der SPD mit ein paar Kratzern da«. Und ein »Verlierer«, kalkuliert Jacoby, »wird nicht gegen Helmut Kohl in Bonn antreten«.

Töpfers Wahlkampf wird denn auch nicht im Saarland, sondern im Bonner Konrad-Adenauer-Haus geplant. Mit beispiellosem Einsatz will die CDU gegen Lafontaine aufmarschieren: Der gesamte Bundesvorstand, das Parteipräsidium, der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth und die Spitzenpolitiker der CSU sind für den Wahlkampf eingeteilt; der Kanzler selbst kreuzt im Januar mindestens fünfmal im Saarland auf.

Töpfer hat die Hilfe der Polit-Prominenz bitter nötig. Zwar rühmt ihn der Kanzler unablässig als »fintenreich«, »kenntnisreich« und »prima Mann«. Doch diese Botschaft ist bei den Saarländern offenbar noch nicht angekommen.

Gern reichen die Sozialdemokraten eine Umfrage herum, die sie selbst in Auftrag gegeben haben. Danach traut die Mehrheit der Saarländer (70 Prozent) Lafontaine wesentlich eher eine Lösung drängender Probleme zu als seinem christdemokratischen Herausforderer. Zudem wird Töpfer, anders als Lafontaine, nur von wenigen Wahlberechtigten (15 Prozent) als »echter Saarländer« anerkannt - ein möglicherweise entscheidendes Minus.

Zwar hat Töpfer, bis 1987 Landesumweltminister im benachbarten Rheinland-Pfalz, einen Wahlkampf ohne »Sammetpfötchen« angekündigt. Doch sein Start war reichlich müde.

Bei der Vorstellung seines fünfköpfigen »Expertenteams«, dem keine Frau angehört, fiel vor allem auf, daß Jacoby, der sich mit Töpfer im Tandem wähnt, kein einziges Wort verlor. Und der bekannteste Fachmann, den Töpfer in seine Mannschaft holen konnte, ist der geschäftsführende Gesellschafter der Karlsberg-Brauerei, Biermogul Richard Weber. Sie alle ziehen mit dem betulichen Motto »Glückauf Saarland - Willkommen Europa« in die Wahlschlacht.

Mit der Suche nach Schwachstellen beim Gegner haben die Christdemokraten erst einmal »Lafontaines kleines L« (Töpfer) entdeckt. Gemeint ist der saarländische Umweltminister Jo Leinen, 41, den sich Lafontaine vor fünf Jahren aus dem Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) geholt hatte, um grüne Wähler an die SPD zu binden - mit Erfolg: Die Alternativen kamen bei der letzten Wahl nur auf 2,5 Prozent.

Es wäre doch ein »ausgesprochen gutes Beispiel für Recycling«, spottet Töpfer, Leinen zum BBU zurückzuschicken. Leinen allerdings hat andere Pläne: Einerseits würde er gern in seinem Amt bleiben, andererseits reizt ihn auch ein Bundestagsmandat. Töpfers saarländische Erkenntnis: »Hier biste oder biste nicht.«

Einige, jedenfalls bei den Christdemokraten, sind schon nicht mehr. Von der alten Riege einstiger Landesminister der CDU, die das Bundesland 29 Jahre lang regiert hatte, wurde nur die ehemalige Chefin im Familienressort, Rita Waschbüsch, 49, wieder für ein Landtagsmandat nominiert. Für sie sprach weniger der Frauenbonus als ihr Amt als Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Doch obwohl Töpfer mit knapper Personaldecke zurechtkommen muß, halten manche Sozialdemokraten es für möglich, daß die knappe SPD-Mehrheit geknackt wird.

Entscheidend könnte sein, wie die rechtsextremen Republikaner (Rep) abschneiden, von denen sich vor drei Wochen im Saarland eine neue Partei unter dem Namen »Liberale Republikaner« abgespalten hat. Dennoch verbreitet Rep-Chef Franz Schönhuber Optimismus, seine Partei habe im Saarland ein Wählerpotential von acht Prozent.

Die Grünen rechnen sich nach ihrer Wahlschlappe beim letzten Mal nun ebenfalls Chancen aus, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen. Sie kalkulieren, daß Lafontaine kaum ohne Koalitionspartner auskommt, falls tatsächlich fünf Parteien in den Landtag einziehen.

Aber auch die Liberalen, die bisher nur in Hamburg eine sozialliberale Koalition eingegangen sind, zeigen sich den Sozialdemokraten nicht abgeneigt. Die Altparteien sollten, schlug FDP-Chef Horst Rehberger vor, gegen Reps und Grüne einen »Heimatbund« schließen. f

Zur Ausgabe
Artikel 24 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.