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ÖSTERREICH / DENKMALSCHUTZ Bitt für uns

aus DER SPIEGEL 46/1969

Vor 576 Jahren, anna 1393, wurde der Generalvikar Johannes von Pomuk, später Böhmens Nationalheiliger »Nepomuk«, von der Prager Karlsbrücke in die Moldau gestürzt. 1969 sollte er noch einmal stürzen: vom Hochaltar der Pfarrkirche Timelkam in Oberösterreich.

Und das kam so: Als die 4500 Timelkamer Katholiken 1966 eine neue, große Kirche bezogen, plagte sie Sorge um die Zukunft des alten, zu eng gewordenen Gotteshauses. Denn Kirchen sind nun einmal -- so das Wiener Erzbischöfliche Ordinariat »die schwerstverkäuflichen Bauten der Welt«.

Doch die Katholiken von Timelkam -- einem Industrieort westlich der Stadt Vöcklabruck -- hatten Glück: Im Frühjahr 1969 bekundete die evangelische Konkurrenz Interesse am katholischen Gemäuer. Denn dank des Zustroms von Fabrikarbeitern war auch die evangelische Gemeinde gewachsen -- auf 400 Gläubige, die nicht länger zum Gottesdienst in die Nachbargemeinde fahren wollten.

Das Geschäft kam rasch zustande. Die Katholiken waren froh, ihre alte Kirche loszuwerden, die Protestanten glücklich darüber, für wenig Geld ein eigenes Gotteshaus zu bekommen. Für nur 200 000 Schilling (gut 28 000 Mark) sollte die ganze barocke Pracht aus dem Jahre 1734 ihr Glaubensbekenntnis wechseln.

Der Handel hatte aber einen Haken. Zur Kirche gehört auch ein monströses Altarbild von Martin Altomonte: der Heilige Nepomuk, Schutzpatron der böhmischen Katholiken, in Himmelfahrtspose zwischen knienden Erdenbürgern und flatternden Engeln. Und dieses kostbare Stück, zweifellos ein Spitzenwerk der Barockmalerei, sollten die Protestanten als Gratis-Leibgabe gleich mit übernehmen.

Denn aufgrund einer testamentarischen Bestimmung darf das Bild nicht in das Eigentum der Protestanten übergehen, aufgrund einer Entscheidung des österreichischen Bundesdenkmalamtes aber auch nicht aus der Kirche entfernt werden.

Das Amt, das allen Kirchenverkäufen zustimmen muß, untersagte jegliche Veränderung des Interieurs. Angesichts der Glaubensfrage, ob ein katholischer Heiliger (Inschrift am oberen Bildrand: »Heiliger Johann Nepomuk, bitt für uns!") über einem evangelischen Gottesdienst thronen solle, kommentierte ein Beamter der Denkmalbehörde lakonisch: »Schließlich kann doch unmöglich anders als glücklich sein, wer einen solchen Nepomuk bekommt.«

Doch Till Geist, der evangelische Pfarrer aus Vöcklabruck, war gar nicht glücklich. Geist im Fernsehen: »Die Darstellung eines Heiligen über dem Altar einer evangelischen Kirche ist unmöglich.«

Das fand auch ein Teil der Geist-Gemeinde. Für zahlreiche Protestanten gab es nur die Alternative: Sturz des Nepomuk oder Verzicht auf die eigene Kirche in Timelkam.

Erst ein kluges Machtwort des Linzer Superintendenten Dr. Leopold Temmel ("Die Zeit der Bilderstürmer ist vorbei") besänftigte die Nepomuk-Feinde. Temmel erinnerte daran, daß »Katholiken und Protestanten bis 1520 dieselben Heiligen hatten«, sich somit auch den sympathischen Böhmen brüderlich teilen könnten. Daß Nepomuk erst im 18. Jahrhundert zum »Märtyrer« hochgelobt wurde, weil die Jesuiten eine attraktive Gegenfigur zu Jan Hus suchten, überging Temmel großzügig.

Noch pragmatischer als der Superintendent beendete Pastor Josef Malkus, hauptberuflich Apotheker in Lenzing, den Kampf zwischen Geist und Zeitgeist. Für ihn ist Altomontes Nepomuk zunächst einmal ein Kunstwerk und dann erst ein Heiliger. Malkus hält daher getrost zu Nepomuks Füßen evangelischen Gottesdienst: »Nix gegen Nepomuk.«

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