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»Domino«. Spielfilm von Thomas Brasch. Bundesrepublik Deutschland, 1982. 115 Minuten; schwarzweiß.
aus DER SPIEGEL 25/1982

Ein Mensch, der eine ganze Weile oder sogar ziemlich lange den geltenden Normen gemäß funktioniert und sich darin durchaus glücklich gefühlt hat, immer auf Zack, gerät plötzlich ins Stolpern, ins Trudeln und kippt aus seiner Bahn. Das kommt vor, immer öfter sogar, angeblich, zumindest in Romanen, Stücken, Filmen: Wahnsinn hat Konjunktur.

Und immer hat der, der da plötzlich nicht mehr richtig tickt und durchdreht und querschlägt, alle Sympathie auf seiner Seite; er ist ein Opfer, er hat die Krusten gesprengt, er ist endlich er selbst. Nachdem - in der Kunst - alle argumentierende Vernünftelei sich erschöpft hat, erscheint der Wahnsinn als letztes Passepartout, das privates Bauchweh und die Schlagzeilen des Tages auf einen Sinn-Nenner bringt. Wahnsinn ist die wiedergewonnene Unschuld. Augen und Zunge des Wahnsinns fällen ein Urteil über die Welt, die Gesellschaft, die Zustände, die Wirklichkeit oder wie das heißt, gegen das es keine Berufung gibt. Zwischen dem unerträglichen falschen Leben und dem unmöglichen richtigen verheißt der Wahnsinn einen dritten Weg, in die Poesie, in die Anarchie - in Glücksfällen soll das ja eins sein.

Auch Thomas Braschs neuer Film »Domino«, sein zweiter, erzählt eine solche Wahnsinns-Geschichte, und er ist dabei niemals weinerlich, weil er das S.170 Pathos seiner Figuren auskostet und zugleich einen flinken, genauen Blick für ihre Lächerlichkeit hat.

Braschs Heldin ist eine junge Schauspielerin, die der Erfolg selbstsicher, aber nie satt gemacht hat. Nicht der Kunst-Wahnsinn, den sie von Berufs wegen als Darstellerin der Lady Macbeth im Schiller-Theater zu pflegen hat, bringt Lisa ins Stolpern, eher der Alltags-Wahnsinn eines Spinners, der grimmig auf dem Ku'damm herumläuft und Arbeitslosenheere und Krieg prophezeit. Brasch zeichnet die Normal-Verrücktheit des Theaterbetriebs mit satirischer Schlagfertigkeit und setzt dagegen das weihnachtlich-winterliche Berlin expressiv als Szenerie der erfrorenen Seelen.

Plötzlich läuft alles schief: Lisa kriegt die eigene Wohnungstür nicht mehr auf; Lisa gibt einem großmäuligen Jungdichter aus der Provinz Quartier, und später auch noch zwei Nutten; Lisa läßt sich auf ein abwegiges Theater-Experiment ein, oder auch nicht, und auf eine verquerte Liebesaffäre, aber nur kurz; Lisa läuft schutzlos in alles hinein und erschrocken vor allem davon ...

Lisa ist Katharina Thalbach: Ihre Wärme, ihre Lebendigkeit, ihr so scheues, so offenes, so erfahrungsgieriges und verletzliches Kindergesicht gibt der episodisch lockeren Geschichte Halt. Doch diese zarte, spontane Lisa-Figur wird mehr und mehr erdrückt durch literarisch-bedeutungssüchtige Alpträume, die das Dominospiel zur Schicksals-Chiffre überhöhen, und zuletzt wird sie unter dem banal-pompösen Ungefähr einer Endzeit-Vision begraben.

Vor ein paar Jahren hätte Brasch diesen Film schwer machen können, weil jeder begriffen hätte, daß seine Heldin sich nur in einem terroristischen Amoklauf finden und um sich selbst bringen kann. Jetzt machte er ihn, dunkel von »Vorkriegszeit« unkend, und läßt seine Heldin, eine Art Soldatenmütze auf dem Kopf ("Jetzt siehste aus, als wenn du in den Krieg gehst") und einen letzten symbolschweren Dominostein in der Hand, in einer traumhaften Schnee-Einsamkeit entschwinden - mag sie auch sterben, so Brasch, sie ist doch in ihrem »glückseligen Wahnsinn ... absolut bei sich«.

Ach wäre Brasch bloß ein redlicher Murkser wie der oder jener, der hierzulande ein Buch publiziert, einen Film auf die Beine stellt - dann wäre die Chuzpe, diesen Domino-Wahn zur apokalyptischen Metapher hochzudichten, vielleicht erfrischend. Aber was immer Brasch kann und macht, strotzt von Talent, von Phantasie und sogar dem Mut, aufs Ganze zu gehen; deshalb enttäuscht, jedes Mal wieder, wie er sich - in genau dem Augenblick, wo es knallen müßte - mit hasenhafter Brillanz in die Büsche schlägt und in bedeutungsträchtigem Gewölk entschwindet: es war doch wieder nur ein Kunstfeuerwerk.

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