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SCHWEDEN / STROM-MANGEL Bitte verdunkeln

aus DER SPIEGEL 12/1970

Ihr Beefsteak sollen die Schweden möglichst nicht mehr gegrillt, sondern roh à la Tatar essen. Ihr Fernsehgerät sollen sie möglichst nur noch einschalten, wenn sie sich das Programm auch wirklich ansehen wollen. Und im Bett sollen sie möglichst nicht mehr lesen, sondern nur noch schlafen -»in Erwartung der Frühjahrsflut«.

So lautet der Titel einer Fibel, die Anfang dieses Monats als Postwurfsendung an Schwedens drei Millionen Haushalte verteilt wurde.

Die Fibel weckt Hoffnung -- auf die Frühjahrsflut, die große Schneeschmelze -, ruft das Wohlstandsland aber zugleich zum Sparen auf: Die große Flut wird frühestens Ende April einsetzen, und bis dahin herrscht in Schweden der Elektro-Notstand.

Denn die Energieversorgung des Königreichs ist auf Wasser gebaut. Und nie zuvor hatten die Schweden, deren Flüsse in normalen Zeiten 87 Prozent des Stroms liefern, so wenig Wasser wie jetzt.

Der Grund: Die beiden letzten schwedischen Sommer waren die trockensten dieses Jahrhunderts. Im Juli vorigen Jahres waren die Stauseen der schwedischen Wasserkraftwerke nur noch zu zwei Dritteln gefüllt.

Einen Monat später, nach einer Messung der Stausee-Inhalte, kalkulierten die »Staatlichen Wasserfall-Betriebe« denn auch »die eventuelle Möglichkeit einer Mangellage« ein (Betriebsdirektor Sven Lalander).

Doch Lalanders Chef, Generaldirektor Erik Grafström, gab keineswegs Strom-Spar-Alarm. Der folgte erst ein halbes Jahr später, am 3. Februar.

Mindestens fünf, besser noch zehn Prozent Strom müßten eingespart werden, mahnten nun die Wasser-Planer ihre überraschten Landsleute. Sonst drohe die »allerdings nur kleiner Gefahr einer Strom-Rationierung.

Den verspäteten Alarm begründete Grafström, von Schwedens Presse zum Strom-Sündenbock gestempelt, jetzt so: »Die Lage wurde ja erst im November prekär. Am 22. Januar setzten wir uns zusammen, stellten den Wassermangel fest und gaben am 3. Februar Alarm.« Für das Zögern von November bis Februar hatte Grafström ein plausibles Motiv: In der Zwischenzeit mußte Weihnachten gefeiert werden.

Nach dem Alarm setzten die Wasserfall-Direktoren selbst gute Beispiele. Grafström: »Ich habe meinen Kühlschrank und eine meiner Tiefkühltruhen stillgelegt.« Lalander: »Ich habe meine Schlafzimmertemperatur auf 15 Grad gedrosselt.«

Bevölkerung und Behörden eiferten den Bewässerern mehr oder minder willig nach. Entgegen sonstiger Übung schalteten die Schweden nicht mehr alle Leuchtkörper in ihren Häusern an, sondern illuminierten nur noch, was erforderlich war.

In den Straßen Stockholms leuchtet kein Schaufenster und nur noch jede dritte Straßenlaterne, andere Ortschaften knipsten das Nacht-Licht völlig aus.

In der Hauptstadt fahndeten motorisierte »Kilowatt-Jäger« nachts mit nach Leuchtreklamen. Sie sprachen die Namen der Licht-Werber auf Band -- und tags darauf klingelte bei den Sündern das Telephon: »Bitte verdunkeln.«

Das vereinte Strom-Sparen hatte Erfolg. Innerhalb kurzer Zeit sank der Verbrauch um sechs Prozent. Doch der Februar war in Schweden so kalt wie schon seit Jahren nicht mehr. Die Temperaturen sanken bis auf 42 Grad unter Null. Statt Spargewinn hatte Schweden wieder ein Minus von einer Milliarde Kilowattstunden.

Nun wußte sich die Stromspar-Behörde nur noch mit Zwangsmaßnahmen gegen die Großverbraucher in der Industrie zu helfen. Seit Donnerstag voriger Woche müssen Schwedens Fabriken -- zunächst für 14 Tage -- ihren Normalkonsum um mindestens sieben Prozent senken. Haushalte, Handel und Handwerk dürfen einstweilen noch frei schalten, sind aber gehalten, freiwillig noch eiserner zu sparen als bisher.

Um den Schweden ein wenig Licht in die Dunkelheit zu bringen, wurde die Spar-Order zum Spar-Wettbewerb erhoben. Der Sieger erhält einen Rabatt in Höhe seines November-Verbrauchs, maximal jedoch eine Million Kronen.

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