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GENERALE Bitte würdigen

Kurz vor der Wahl hat Verteidigungsminister Manfred Wörner Ärger mit seinen Generalen: Einer kündigte, zwei andere gingen allzu sorglos mit der Waffe um. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Der Heeresinspekteur, Generalleutnant Hans-Henning von Sandrart, bat seinen Besucher: »Überschlafen Sie Ihre Entscheidung noch einmal, ich würde mich freuen, wenn Sie bleiben.«

24 Stunden später stand der Chef des Heeresamtes, Generalleutnant Gerhard Wachter, erneut vor seinem Vorgesetzten. »Meine Entscheidung«, so Wachter, »ist definitiv, ich möchte von meiner Aufgabe entbunden werden.«

Sandrart rief seinen Minister an. Aus Furcht, in eine neue Generalsaffäre zu schlittern, gab Wörner die Weisung, die Angelegenheit vertraulich zu behandeln, bis er mit Wachter gesprochen habe.

Die eineinhalbstündige Unterredung fand am vergangenen Dienstag statt. Danach formulierten Sandrart und Wachter eine gemeinsame Erklärung; sie sollte den Rücktritt des Drei-Sterne Generals zu einem schlichten Streit über die Heeresplanung herunterspielen.

Doch Wachter bestand auf Formulierungen, die für Kundige deutlich machten, daß er Wörners Personal- und Finanzplanungen für unrealistisch hält.

Zum ersten Mal hat damit einer der höchsten Offiziere offen ausgesprochen, was viele seiner Kameraden denken. So hatte der nach Brüssel zur Nato versetzte bisherige Generalinspekteur Wolfgang Altenburg vor wenigen Wochen »von Problemen in noch nie dagewesener Größenordnung« gesprochen.

Wachter hatte schon vor seinem Rücktrittsgesuch in mehreren Denkschriften seine Vorgesetzten darauf aufmerksam gemacht, daß nach seiner Meinung die von Wörner geforderte Bundeswehr-Stärke von 495000 Soldaten nicht zu halten ist; die Bundeswehr brauche eine völlig neue Struktur. Der General lehnte zudem die Verlängerung der Wehrdienstzeit von 15 auf 18 Monate ab. Die Motivation der Soldaten werde sich weiter verschlechtern, wenn die Wehrpflichtigen drei Monate länger dienen müßten.

Seine Einwände blieben, obwohl sie von vielen Militärs geteilt werden, unbeachtet. Altenburg und Sandrart versicherten ihm zwar mehrere Male, daß sie etliche seiner Bedenken teilten, aber die Verantwortung letztlich bei der politischen Führung liege. Wachter zog die Konsequenz.

Der spektakuläre Rücktritt brachte Wörner Kritik von den eigenen Leuten ein. In der Unionsfraktion hielten ihm Abgeordnete vor, sich nicht rechtzeitig von »Leuten mit SPD-Buch« getrennt zu haben; sein Langmut habe zu einem Eklat geführt, der die Diskussion mit den Soldaten erschweren werde. Nach der Wahl müsse das anders werden.

Daran hat Wörner schon selbst gedacht. In der Personalabteilung ist eine Liste mit den Namen aller hohen Offiziere angelegt worden, die der SPD nahestehen oder angehören. Sie sollen, wenn irgend möglich, im kommenden Jahr vorzeitig pensioniert oder auf unbedeutende Posten abgeschoben werden.

Auf der Liste steht auch, obwohl nicht SPD-Mitglied, Wachters Kollege von der Luftwaffe. Generalleutnant Paul Sommerhoff. Der ist zwar nicht durch ketzerische Reden und Eingaben aufgefallen, aber durch so merkwürdiges Benehmen, daß der Kanzler seinen Verteidigungsminister fragte: »Was ist eigentlich bei Ihnen auf der Hardthöhe los?«

Sommerhoff, Chef des Luftwaffenamtes. war am 16. Oktober bei Einfahrt ins Verteidigungsministerium zu einer »Sonderkontrolle« in eine Parkbucht gewinkt worden. Der Posten, der Fahnenjunker Jürgen Großmann, bat ihn, seine Aktentasche zu öffnen. Daraufhin habe, so die Aussage Großmanns, der General einen »Colt« aus der Tasche gezogen und ihm die Waffe mit den Worten an den Kopf gehalten: »Was würden Sie machen, wenn ich jetzt abdrücken würde?«

In diesem Augenblick zog auch, so Großmann, der diensttuende Stabsunteroffizier seine Pistole. Sommerhoff ließ seine Waffe fallen und drohte lautstark: »Sie werden noch von mir hören.«

Der Fahnenjunker erstattete schriftlich Meldung und wurde daraufhin, merkwürdig genug, zu einem »Vermittlungsgespräch« beim stellvertretenden Luftwaffeninspekteur Hans-Heinz Feldhoff gebeten. Sommerhoff, sagte Feldhoff, bestreite nämlich die Version des Fahnenjunkers.

Großmann wurde die Aussage nahegelegt, es habe sich um ein Mißverständnis gehandelt. Sommerhoff habe dem Wachtposten die Waffe »nur zeigen« wollen. Großmann überschlief das Angebot eine Nacht und erklärte dann, er lasse sich auf diese Fassung nicht ein.

Daraufhin schaltete Staatssekretär Günter Ermisch den Minister in die Affäre ein. Wörners Weisung: »Bitte prüfen, ob die Waffe geladen war und bitte disziplinarrechtlich würdigen.«

Am vergangenen Mittwoch mußte sich Wörner im Kabinett dann schon wieder die Frage stellen lassen, was denn wirklich mit seinen Generalen los sei. Der eine gehe, der andere bedrohe einen Posten, und der dritte »schieße sich selbst in den Hintern«.

Der Fall drei kann tatsächlich als eher harmlos gelten. Generalleutnant Hans-Peter Tandecki, deutscher Vertreter im Nato-Militärausschuß, wollte Mitte Oktober auf einem Schießstand üben. Als er den Revolver aus der hinteren Hosentasche ziehen wollte, kam er mit dem Finger an den Abzug. Ein Schuß löste sich und streifte sein Gesäß.

Während Wachter ging, kann Tandecki jetzt immerhin wieder sitzen.

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