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Briefe

BITTERER JAHRREISS
aus DER SPIEGEL 1/1960

BITTERER JAHRREISS

Herr Professor Jahrreiß spricht davon, daß Universitätsprofessoren höchste Anforderungen an Studierende stellen sollen, um innerhalb unserer Massenuniversitäten eine »echte« Universität herauszubilden. Er übersieht aber, daß auch das Niveau der Universitätsprofessoren gesunken ist. Mancher Studierende wird nach dem 7. Semester das Gefühl nicht los, daß sein Lehrer in diesem oder jenem mehr vermissen läßt, als es ein Student im 8. Semester spüren dürfte, und zwar nicht im Hinblick auf den Stoff, sondern im Hinblick auf die Methode. Unter den beiden Weltkriegen und ihren politischen Einbrüchen hat das gesamte Geistesleben gelitten. Auch die Universitätsprofessoren haben eine Einbuße an Niveau erfahren.

München GERD FISCHER

Schon ein einziges Beispiel russischer Überlegenheit, über das der SPIEGEL kürzlich berichtete, könnte den exemplarischen Ansatzpunkt zur Erneuerung unserer Universitäten und Hochschulen geben. Der Erfinder der aufsehenerregenden, ebenso einfachen wie zuverlässigen Blutgefäß - Nähmaschine, der Sowjet-Chirurg Demichow, hat zunächst ein Handwerk (Schlosser) erlernen müssen, ehe er studieren durfte. Diese ganzheitliche Erziehung hat ihn zu seiner Erfindung befähigt.

Laubach (Oberhessen) HEINRICH DOLL

Das Problem der Überfüllung ist zweitrangig: Der Professor ist auch heute noch als Alleinherrscher im Bereich von Forschung und Lehre legitimiert. Aber nicht mehr das Prestige des forschenden Geistes liefert ihm die Legitimation. Stellung und Ansehen werden ausschließlich von einer überholten Tradition genährt. Gerade die Integrationsfunktion haben die Leute, die heute die Senatssäle unserer Hochschulen bevölkern, längst verloren. Niemand von ihnen unternimmt es, ein Weltbild zu schaffen; ja, nicht einmal auf ein einheitliches Bild einer Einzelwissenschaft können sich die beamteten Genies einigen. Bevor heute ein weiteres Stockwerk auf ein wissenschaftliches Gebäude gesetzt werden kann, entbrennt zunächst eine zähe Auseinandersetzung, ob es nun im Beton-Schüttverfahren oder mit Klinkersteinen aufgerichtet werden soll. Das nennen die Herren »Methodenstreit«, in dessen Verlauf sie sich mit hochgestochenen Verbalinjurien wechselseitig zu Narren machen. So sind nicht die Studenten-Legionen, die mit heißem Herzen die Festung Wissenschaft erstürmen wollen, die größte Gefahr für den Bestand der Hohen Schule. Gefahr droht vielmehr von den Leuten, deren geistiges Potential nicht ausreicht, die Studenten in die Hörsäle zu locken, und die ihre Hörer nur mit dem Hinweis auf die Sanktionsgewalt, die ihnen der Staat mit den Prüfungsordnungen verliehen hat, auf den hölzernen Sitzen des Auditorium maximum halten können. Helfen, meine ich, kann man den Universitäten nur damit, daß man die Papierseelen in den einzelnen Disziplinen ablöst durch Männer der Praxis, die die Methode und den Stoff beherrschen.

München 22 JOHANN KAUFMANN

Die Leserzuschrift des Herrn Georg Rademann, Berlin, ist sachlich unzutreffend: In der Zollverwaltung kann von einer »Akademisierung« keine Rede sein. Die Planstellen für Akademiker machen - bezogen auf den gesamten Zolldienst - nur etwa 0,6 vom Hundert aus. Dieser Vomhundertsatz ist seit vielen Jahren fast unverändert geblieben. Im höheren Dienst der Zollverwaltung sind - ebenfalls seit Jahren - etwa 56 vom Hundert der Stellen mit Akademikern, rund 44 vom Hundert mit Aufstiegsbeamten aus dem gehobenen Zolldienst besetzt.

Die Laufbahnvorschriften sind nicht in der geschilderten Weise abgeändert worden. Vielmehr führt die Laufbahn des gehobenen Zolldienstes - wie bisher - bis zum Zollrat. Voraussetzung für die gehobene Laufbahn im Zolldienst ist grundsätzlich das Abitur und nicht die mittlere Reife.

Die Stellen der Vorsteher der Hauptzollämter werden - wie bisher - grundsätzlich mit Beamten (Zollräten) besetzt, die in dieser Stellung aus dem gehobenen in den höheren Dienst (Regierungsrat) aufsteigen. Die akademisch vorgebildeten Regierungsräte werden - wie seit vielen Jahrzehnten - zum Zwecke ihrer Fortbildung und zur Erreichung einer praxisnahen Verwaltungstätigkeit lediglich für kürzere Zeit (ein bis zwei Jahre) mit der Leitung eines Hauptzollamts betraut.

Bonn DR. ESSER

Bundesministerium der Finanzen

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