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ITALIEN Bitterer Kaffee

Zwei Tage nach seiner Verurteilung wurde der Vatikan- und Mafia-Bankier Michele Sindona vergiftet im Hochsicherheitsgefängnis von Voghera gefunden. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Der phantastische Thriller, den sich Alfred Hitchcock nicht besser hätte ausdenken können, begann am Donnerstagmorgen vergangener Woche um 8.30 Uhr: Auf dem Überwachungsmonitor des Frauen-Hochsicherheitsgefängnisses von Voghera, in dem vor allem Terroristinnen einsitzen, beobachten Carabinieri und Schließer, wie der einzige männliche Gefangene, Michele Sindona, 65, in seiner Zelle wie gewöhnlich nach der Rasur und der sorgfältigen Morgentoilette sein Frühstück verzehrt.

Brötchen, Marmelade und Kaffee waren vorschriftsmäßig von der Gefängnisleitung kontrolliert worden - so hofft jedenfalls jetzt der Justizminister.

Doch nach einem Schluck aus der Papptasse bricht der einstige Vatikan- und Mafia-Bankier Sindona zusammen, ringt nach Luft. Bevor er ins Koma fällt, flüstert er noch: »Sie haben mich vergiftet.«

Eine kleine Platzwunde auf der Lippe des Häftlings, der bis Mitte der 70er Jahre für den Chef der Vatikanbank, Erzbischof Paul Marcinkus, das Vatikanvermögen verwaltet hatte, können die Ärzte des städtischen Krankenhauses von Voghera nicht sofort erklären: Rührt sie von einer zerbissenen Kapsel her oder vom Aufprall des fallenden Sindona auf den Boden?

Sicher ist die Diagnose jedoch in einem Punkt: Der Gefangene hat Zyankali geschluckt. Die Indizien deuten eher auf einen Giftanschlag als auf Selbstmord.

Der Bankier aus Sizilien, den Außenminister Andreotti auf einem Bankett 1974 in New York als »Retter der Lira« gepriesen hatte, war am vergangenen Dienstag in Mailand zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das Schwurgericht hatte Sindona für schuldig befunden, Auftraggeber des Mordes an dem Mailänder Treuhänder Giorgio Ambrosoli zu sein.

Der hatte im Auftrag der Notenbank »Banca d'Italia« Ende der 70er Jahre den Zusammenbruch von Sindonas Bankenimperium untersucht. Der Bankrott war betrügerisch, wie sich rasch erwies. Im Juli 1979 wurde Ambrosoli von einem aus den USA angereisten Killer erschossen. Der Mörder, William Joseph Arico, ist inzwischen tot. Er stürzte angeblich bei einem Fluchtversuch aus einem New Yorker Gefängnis aus dem sechsten Stock.

Als Bankier hatte Sindona, wie die Ermittler herausfanden, große Mengen an Schwarzgeld - von der Mafia mit ihrer Verbrechensindustrie erwirtschaftetes Kapital - verwaltet und weltweit angelegt.

Zudem gehörte er zur konspirativen Freimaurerloge »P 2«, die Ende der 70er Jahre über ein Netz hoher Staatsbeamer, Militärs, Geheimdienstler und Journalisten die Kontrolle über den italienischen Staatsapparat an sich bringen wollte.

Die Loge war 1982 verboten worden, aber die Namen von 1500 italienischen »P 2«-Mitgliedern und ihren internationalen Freunden wurden nie bekannt, so die Präsidentin der parlamentarischen Untersuchungskommission, Tina Anselmi.

Einen Monat nach dem Mord an Ambrosoli war Sindona, eine Entführung vortäuschend, aus dem New Yorker Luxushotel »Pierre« verschwunden. Er schwor damals Rache an seinen 500 prominenten Kunden aus Italiens politischer Halbwelt, die mit ihm an »der Börse wie in einer Spielhölle operiert hatten«, so der linke Abgeordnete Gustavo Minervini.

Über Griechenland und Jugoslawien reiste er mit falschem Paß nach Palermo. Bei seinen Mafia-Freunden lebte er wochenlang unbehelligt und versuchte, das politische Establishment in Rom, das er kräftig mitfinanziert hatte, zu erpressen.

Nach dem Mailänder Urteil hatte er noch in einem Fernsehinterview erklärt: »Ich will einen neuen Prozeß, weil sie die Dokumente versteckt haben, die ich nun wiedergefunden habe« Aus dieser Andeutung lasen die Italiener, daß »Don Michele« nun auspacken, »seine Karten spielen« ("La Repubblica") wolle.

Daß Sindona daraufhin ein ähnlich obskures Ende fand wie der Bankier des Mailander »Banco Ambrosiano«, Roberto Calvi, der 1982 erhängt unter der Londoner Blackfriars Bridge aufgefunden worden war, entlockte italienischen Politikern die bange Vermutung, daß in diesen Fall »ein Stück Staat verwickelt ist« (so der kommunistische Abgeordnete Giorgio Napolitano).

Der Krimi, sagt der liberale Parteisekretär Alfredo Biondi voraus, geht daher weiter. Die kommunistische Zeitung »L'Unita« resümierte: »Die Umgebung, in der die Handlung spielt, ist die Verschwörung der geheimen Freimaurerloge »P 2«, sind die gepanzerten Banktresore der halben Welt... die Ministerkabinette von sehr vielen Regierungen, die wattierten Salons des Vatikan, die Flure des Geheimdienstes.«

Vor einer Vergiftung - eine der klassischen Mafia-Mordarten für Verräter - hatte Sindona sich immer gefürchtet: 'Wenn er in einem italienischen Gefängnis lande, werde ihm irgendwann der bittere Kaffee« gereicht.

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