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NIEDERLANDE Bizarre Entdeckung

Ein politischer Aussteiger ist neuer Verteidigungsminister.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Hendrikus Antonius Franciscus Maria Oliva van Mierlo, 50, bekannte sich zu seinem früheren Studienkollegen Andries van Agt: »Wir haben uns immer gern gemocht.«

Die jahrzehntelange Zuneigung hat sich nun bezahlt gemacht: Van Agt, Ministerpräsident der Niederlande, holte seinen Freund als Verteidigungsminister in die Regierung - die »bemerkenswerteste Exzellenz« im neuen Haager Kabinett, wie die Zeitung »Het Parool« anmerkte.

Ein bemerkenswerter Minister ist van Mierlo in der Tat: Als zorniger junger Mann war er vor fünfzehn Jahren kometenhaft aufgestiegen, hatte sich zehn Jahre später schon freiwillig in den verfrühten Ruhestand abgemeldet und kehrt nun überraschend ins Zentrum der Macht zurück. Und dabei ist er nie seinem Ruf untreu geworden, ein »Krug-Tiger«, ein passionierter Kneipengänger, zu sein.

Mit einer Bierflasche als Siegeszeichen in der Hand feierte van Mierlo 1967 seinen Einstieg in die Politik. Sogar die »New York Times« brachte auf Seite eins in Bild und Text den »Sieg der Jugend": Auf Anhieb hatte van Mierlos Partei »D(emokratie) 66« bei den Wahlen im Februar sieben Parlamentssitze erobert - und das mit einem abenteuerlich anmutenden Programm.

Erklärtes Ziel der Avantgarde, wie van Mierlo die D 66 gern nannte, war es, das verkrustete, in ihren Augen verrottete holländische Parteiensystem zu sprengen und danach ein gleiches mit der eigenen Partei zu tun. Van Mierlo auf die Frage, wo seine wegen ihres unkonventionellen Wahlkampfstils oft als »dee Sex Sex« geschmähte Partei politisch stehe: »Nirgends, in diesem politischen System wollen wir überhaupt nicht stehen.«

Ausgeheckt hatte den explosiven Plan eine Gruppe von Krug-Tigern im Intellektuellen-Cafe Scheltema in Amsterdam - der trinkfreudige Journalist van Mierlo, damals Redakteur bei der liberalen Zeitung »Handelsblad«, der brillante, aber von seiner Partei abgeschobene liberale Politiker Hans Gruyters, der in Amerika geschulte Werbefachmann Martin Veltman.

Van Mierlo wurde auf den Schild gehoben, wegen »seiner zündenden Reden und seines Charisma« (Gruyters), »weil er der junge Kennedy für Holland war« S.185 (Veltman). Doch nach dem spektakulären Wahlsieg lösten die Neulinge nicht die politische Explosion aus, die van Mierlo angekündigt hatte, sondern führten sich lediglich als sympathische Chaotenriege auf. Es kam sogar einmal vor, daß van Mierlo im Fraktions-Geschäftszimmer in Unterhosen einen Gast empfing, während die Sekretärin gerade die Hose flickte.

Damals sorgte sich das konservative Blatt »Elseviers": »Wird dieser liebenswerte Klub dem Verschleiß im Parlament widerstehen?«

Das schien langfristig kaum möglich. Da hatte der »schöpferische Amateurpolitiker« van Mierlo ("Het Parool") eine neue Idee: Seine Gruppe sollte treibende Kraft in einer großen progressiven Volkspartei werden. Ein Wahlbündnis mit den Sozialisten der »Partei der Arbeit« wertete er 1972 als ersten Schritt in diese Richtung.

Beim Parteitag 1974 stimmte die Mehrheit der Delegierten tatsächlich für eine Auflösung der D 66 - doch gerade das liebenswerte Chaos rettete die Partei: Der Parteitagsbeschluß wurde nie vollzogen.

Van Mierlo aber, der die »D 66 an die sozialistische 'Partei der Arbeit' verkaufte«, wie das Parteimitglied Anneke Goudsmit meint, wurde als Chef ausgebootet. Der Atomphysiker und Kinderbuchautor Jan Terlouw übernahm das Ruder. Der Pfarrersohn, Nichtraucher und Nichttrinker, funktionierte die D 66 zu einer Sammelbewegung der Grünen um und hatte damit Erfolg: Bei den Parlamentswahlen im Mai dieses Jahres errang die D 66 überraschend 17 Mandate, und ihre Popularität steigt weiter. Wären jetzt wieder Wahlen, könnte die D 66 mit mehr als 20 Parlamentssitzen rechnen.

Der einstmals als aggressiver Alleskönner ins Haager Parlament gesprungene van Mierlo hingegen resignierte. Er vermeinte, überall einen gefährlichen »Raubtier-Geruch« zu wittern und schied im März 1977 freiwillig aus dem Parlament aus. Fortan wolle er »nur noch über sich selbst nachdenken«, sagte van Mierlo - und zog übers Jahr nach Frankreich, Holz zu hacken für ein Nonnenkloster.

Denn mit damals 45 Jahren kam der Sohn aus wohlhabender, großbürgerlicher Familie zu der »bizarren Entdeckung, daß ich noch nie im Leben eine echte Entscheidung getroffen habe. Das Jura-Studium war ein Aufschub, weil man danach noch alles machen kann. Dann rollte ich in den Journalismus, dann in die Politik ...«

Fünf Jahre später rollte er nun ins Verteidigungsministerium, für ihn selbst überraschend: Er wurde aus seinem Spanien-Urlaub telephonisch zurückbeordert.

Die »Partei der Arbeit« hatte ihm sein Treue-Angebot von 72 nicht vergessen; Premier van Agt schätzte seinen alten Studienfreund immer noch, zumal der sich mittlerweile wieder vom Aussteiger zum Amsterdamer Krug-Tiger zurückentwickelte.

Und die D 66 lobte die militärpolitische Disziplin ihres schon fast verlorenen Sohnes: Denn obgleich ohne Mandat und Parteiamt, galt van Mierlo der D 66 immer noch als moralische Instanz. In einer flammenden Rede verhinderte van Mierlo die »Kernspaltung« seiner Partei und trieb den Atom-Pazifisten ihre Flausen aus nach der Devise: »Wäre das nukleare Schreckensbild nicht so stark gewesen, dann wäre in Europa längst ein Weltkrieg ausgebrochen.«

Seither sagt die D 66 zum Nato-Doppelbeschluß, nach dem auf holländischem Boden 48 Marschflugkörper stationiert werden sollen, offiziell ein Jein: Man wolle prinzipiell keine Atomwaffen in Holland, könne aber noch einmal darüber verhandeln.

Hendrikus van Mierlo aber hat in den vergangenen Jahren so viele nuancierte, voneinander aber abweichende Positionen zu Nato und Nachrüstung bezogen, daß er die ersten Tage nach seiner Vereidigung als Verteidigungsminister vollauf damit beschäftigt war, darzulegen, was er denn eigentlich meine.

Alle Erklärungen gab der Krug-Tiger nicht in seinen Amtsräumen, er hätte wohl mit seinen Ex-Kollegen auch am liebsten nur in seinem Stammcafe beim Bier geplaudert. Denn am Schreibtisch hält es der Verteidigungsminister auf Dauer schwer aus. Selbst seine Freunde sagen, daß er »zu einem Bürotag von neun bis fünf Uhr nicht fähig ist und daß er ein Milliardenunternehmen wie das Verteidigungsministerium nicht zu managen versteht«.

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