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JUNGSOZIALISTEN Bizeps Maximus

Auf ihrem Strategie-Kongreß am nächsten Wochenende in Hannover wollen die Jungsozialisten ein antikapitalistisches Konzept entwickeln.
aus DER SPIEGEL 50/1971

SPD-Parteirat und Jungsozialist Norbert Gansel, 30, drängt zur Eile: »Wir müssen uns jetzt entscheiden, ob der Sozialismus noch in dieser Generation verwirklicht werden soll.«

Was geschehen müßte, damit der Sozialismus noch zu Lebzeiten Gansels siegt, will der sozialdemokratische Nachwuchs am kommenden Wochenende beraten. 205 Juso-Delegierte -- Höchstalter 35 Jahre -- wollen in Hannover ihren gemeinsamen theoretischen Standpunkt Orten und eine Strategie entwickeln, mit der »antikapitalistische Strukturreformen« eingeleitet werden sollen. Juso-Chef Karsten Voigt: »Die Linke muß beweisen, daß ihre Strategie auch von der Wirkung und nicht nur von der Absicht her links ist.«

Getreu ihrem Anspruch, die »SPD der achtziger Jahre« zu sein, scheuen die Jungsozialisten auch diesmal nicht den begrenzten Konflikt mit der Partei. Doch anders als noch im vergangenen Jahr fühlen sie sich zu sozialdemokratischer Solidarität verpflichtet, »in der Form verbindlich, in der Sache glaubwürdig« (Voigt).

Dieser Marschorder beugen sich selbst die Linken unter den Linken. So möchte der Juso-Bezirk Hannover seine Kritik an »reformistischer Strategie« nicht »als die generelle Ablehnung von »Reformen als einem Mittel des politischen Kampfes« mißverstanden wissen. Und Voigt-Vize Wolfgang Roth hält nichts davon, daß die 220 000 Mitglieder starke Organisation als »Bizeps Maximus« der Partei agiert.

Was bislang gedacht und zu Papier gebracht wurde, um in der Niedersachsenhalle von Hannover zwei Tage lang diskutiert zu werden, soll laut Juso-Sprecher Eberhard Schmidt den Genossen »Anstöße geben, damit sie die Praxis stärker reflektieren«.

Vorstand und andere Juso-Ideologen haben das Ergebnis ihrer Reflexion vorgelegt. In ihrer 51 Seiten starken »Diskussionsgrundlage« analysierten sie die ökonomischen Verhältnisse in der Bundesrepublik und fanden heraus, »daß der derzeitige sozio-ökonomische Zustand des Kapitalismus einem höchst labilen Gleichgewicht gleichzusetzen ist«.

Besonders gefährdet erscheinen den Systemprüfern vor allem die Gewerkschafter« die durch das Konzept des Juso-Erzfeindes und Wirtschaftsministers Karl Schiller »zu einem schwierigen Balance-Akt« gezwungen werden.

Akzeptieren sie die Lohnleitlinien des liberalen Professors und bescheiden sie sich mit geringen Zuschlägen, so gefährden sie den Kontakt zu ihrer Basis. Widersetzen sie sich jedoch der marktwirtschaftlichen Einsicht des Konjunkturlenkers, wird ihnen jede mögliche Inflation und Krise angelastet.

Noch immer uneingeschränkte Privilegien genießt nach Juso-Meinung das Kapital. Denn den Unternehmern könne niemand in der Bundesrepublik Machtpositionen und Gewinnspannen streitig machen. Folgerichtig verlangen die Kapitalismus-Kritiker deshalb die »Verstaatlichung der Schlüsselindustrien (Stahl, Chemie, Energie, Kohle, Luftfahrt)« sowie der Großbanken.

Gelegentlich stimmen Juso-Vorstand und Bonner Koalition sogar überein -- wenn auch aus entgegengesetzten Motiven. Nachdem die Sozialliberalen -- insbesondere nach dem Einspruch des Kabinettsrechten Karl Schiller -- letzten Monat die Vermögensbildungspläne der Regierung vorerst zu den Akten gelegt hatten, befanden auch die Jungsozialisten, »keiner der Pläne vermag ... die Konzentration der Verfügungsmacht bei wenigen Multimillionären abzubauen«.

So gediegen und differenziert die Ökonomie-Analyse ausfiel, so ratlos blieben die Jungsozialisten, wie die Verhältnisse in der Republik zu ändern seien. Zwar geißelten sie in ihren Vorarbeiten zum Kongreß krasse Widersprüche des Systems, etwa die Bodenspekulation, den Mietwucher, die Verkehrsmisere oder den Bildungsnotstand. Doch zu einem systemüberwindenden Polit-Konzept reichte es noch nicht. Laut Jungsozialist Roth war das »theoretische Defizit zu groß, als daß wir schon den Sprung zur Strategie geschafft hätten«.

Ob die Kapitalismus-Gegner am nächsten Wochenende in Hannover, wo sie in der Luxus-Herberge »Intercontinental« absteigen, den Sprung zu einer für alle verbindlichen Strategie schaffen werden, hängt freilich nicht nur von ihnen ab. Damit es für die Mutterpartei kein Seitensprung wird, ordnete die SPD acht altgediente Sozialdemokraten zum Juso-Kongreß ab, die den Delegierten Nachhilfe in politischem Pragmatismus erteilen sollen.

Während der Staatssekretär im Bonner Arbeitsministerium, Herbert Ehrenberg, neben Bremens Bürgermeister Hans Koschnick und Schillers früherem Staatssekretär Klaus Dieter Arndt prominentester Juso-Gast, sich nun auf ein »amüsantes Wochenende« unter Jungsozialisten freut, sagte Münchens Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel ab.

Juso-Schreck Vogel begründete seine Absage mit »zwingenden Umständen«.

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