Zur Ausgabe
Artikel 20 / 108
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Wohnungen Blanke Notwendigkeit

Unternehmen und Behörden finden wegen der Wohnungsnot in den Ballungsräumen kaum noch neues Personal. Werkswohnungsbau soll jetzt Abhilfe schaffen.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Der neue Mann, mittleres Management in der Hauptverwaltung der AEG, wurde sehnlichst erwartet. Der Vertrag war längst unterschrieben. Doch der Mitarbeiter trat den gutbezahlten Posten nicht an. »Die Wohnungspreise in Frankfurt«, schrieb er dem Personalchef, »verbieten einen Umzug.«

So wie dem Elektromulti am Main ergeht es derzeit vielen Unternehmen und Behörden in den Ballungsräumen im Westen Deutschlands: Sie finden, trotz hoher Arbeitslosenquote, kaum neue Beschäftigte von außerhalb.

Die Polizeichefs der Großstädte können, mangels bezahlbarem Wohnraum, nicht mehr genug Beamte anlocken. Bei der Philips GmbH in Hamburg häufen sich Absagen wegen des Wohnungsmangels, in München können Hunderte von Krankenhaus- und Altenheimbetten nicht belegt werden, weil »die horrenden Mieten«, so der Personaldezernent, potentielle Bewerber für Pflegejobs abschrecken.

Nach übereinstimmender Schätzung von Mieterbund und Wohnungswirtschaft wird sich die Lage in den kommenden Jahren weiter zuspitzen. Das Angebot an Wohnraum, meldeten Gutachter der Kienbaum-Unternehmensberatung und des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in einer Expertise über die Attraktivität des Hamburger Wirtschaftsraums, sei jetzt bereits ein »entscheidender Standortfaktor«.

Schon zweimal hat in Deutschland galoppierender Wohnraummangel das Wachstum der Wirtschaft bedroht: Mitte des 19. Jahrhunderts, als an der Ruhr die Kohle- und Stahlindustrie aus dem Boden gestampft wurde, und nach dem Zweiten Weltkrieg. Beide Male reagierten die Unternehmen auf die gleiche Weise: Sie schufen selber Wohnraum für ihre Beschäftigten.

Das alte Konzept ist in Vergessenheit geraten, Werkswohnungen wurden kaum mehr gebaut. Firmengelder flossen jahrelang in gewinnbringende Anlagen, zum Beispiel Gewerbebauten. »Viele Unternehmen«, konstatiert der Bundesverband der Deutschen Industrie, »haben spätestens in den siebziger Jahren ihre Werkswohnungen abgestoßen.«

Neuerdings gewinnt das alte Rezept wieder an Attraktivität. So will es das Bonner Justizministerium Unternehmen erleichtern, Firmenwohnungen an den Arbeitsvertrag zu koppeln. Bislang hatten Arbeitnehmer nach den Regeln des geltenden Mietrechts auch dann einen Anspruch auf Verlängerung des Mietvertrags für ihre alte Werkswohnung, wenn sie den Arbeitgeber wechselten.

Für derlei Wohnraum will die Bundesregierung künftig auch Zeitmietverträge zulassen. Auf diese Weise, so das Bonner Kalkül, lasse sich ein Anreiz zum Bau zusätzlicher Werkswohnungen schaffen.

Firmeneigener Wohnungsbau, urteilt Kienbaum-Gutachter Hans-Adam Graf, sei künftig eine »blanke Notwendigkeit«, wenn die Unternehmen an ihrem Standort überleben wollten - eine ähnliche Situation wie vor 150 Jahren, als in Oberhausen-Osterfeld die erste sogenannte Kolonie des Ruhrgebiets, Eisenheim, errichtet wurde.

Ohne die Arbeiterwohnungen der »Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen«, Vorläufer des heutigen Handels- und Transportmultis Haniel, für die neugewonnenen Arbeiter aus Schlesien und Polen hätte das Unternehmen seine Expansionspläne aufgeben müssen. Dem Beispiel Haniels folgte die gesamte Schwerindustrie an der Ruhr.

Noch heute verfügt die Krupp Wohnen und Dienstleistung GmbH über 20 000 Wohnungen, die Veba Wohnstätten AG gar über knapp 140 000 Einheiten. Etliche der Siedlungen stehen unter Denkmalschutz, so die Margarethenhöhe in Essen, die 1906 von Margarethe Krupp »für die minderbemittelten Klassen« gestiftet wurde.

Die unteren Lohngruppen sollen, so Gutachter Graf, nicht die einzigen Nutznießer des neuen Werkswohnungsbaus sein. Längst gehe es auch darum, Wohnraum für leitende Angestellte zu schaffen, die auf dem leergefegten Wohnungsmarkt der großen Städte selbst zu Höchstmieten kaum noch etwas Angemessenes finden.

Länder und Kommunen überall in Deutschland suchen derzeit nach Konzepten, mehr unternehmensfinanzierte Wohnungen entstehen zu lassen. »Viele Gemeinden überlegen sich, kommunale Grundstücke nur dann an Investoren zu verkaufen, wenn diese sich verpflichten, neben den Büros auch Wohnraum zu schaffen«, beobachtet das Münchner Ifo-Institut.

Berlin probiert das sogenannte Sony-Modell aus: Der japanische Elektronickonzern mußte sich, als Gegenleistung für die Überlassung erstklassigen Baugrunds zu einem günstigen Preis am Potsdamer Platz, verpflichten, 20 Prozent der 155 000 Quadratmeter Nutzfläche für den Wohnungsbau zu reservieren. Nordrhein-Westfalen bietet Unternehmen für Werkswohnungen günstige Kredite an.

Hamburgs Stadtentwicklungssenatorin Traute Müller (SPD) ist angesichts der Wohnungsnot und des Flächenmangels in der Hansestadt entschlossen, verstärkt vertikale »Nutzungsmischungen« zuzulassen: Wo immer es möglich ist, sollen »oben auf Gewerbegebäude Wohnungen draufgesetzt werden«.

Für den Fall, daß sich das Konzept »Unten arbeiten, oben wohnen« durchsetzt, sind positive Nebeneffekte zu erwarten: Der abendlichen Verödung der Innenstädte würde gegengesteuert, ebenso der umweltschädigenden Tendenz zu immer stärkeren Pendlerströmen.

Um ihrem eigenen Personal zu helfen, sind viele Länder und Kommunen bereits selber in den Wohnungsbau eingestiegen. Hamburg hat ein Programm mit 62 Wohnungen für den dringend benötigten Nachwuchs bei Polizei und Feuerwehr aufgelegt. Hessen bietet den Kommunen des Rhein-Main-Gebiets bis zu 80 000 Mark Zuschuß an, wenn sie bereit sind, erschwingliche Wohnungen für junge Polizeibeamte zu errichten.

Die Justizminister in nahezu allen Bundesländern setzen auf ähnliche Programme. Sie finden keine Justizvollzugsbeamten mehr, die, bei einem Anfangsgehalt von knapp über 2000 Mark brutto, ein Zimmer in der Großstadt bezahlen können.

In Frankfurt - zeitweise auch in Berlin - lebten wohnungslose Beamte sogar schon in umgebauten und karg möblierten Haftzellen im Gefängnis. Die Notaufnahme im Knast wurde mit rund 50 Mark monatlich berechnet. _(* 1989 in der Berliner ) _(Justizvollzugsanstalt Düppel. )

Demonstrierende Polizisten (in München): »Entscheidender Standortfaktor«

Möblierte Zelle, beamteter Bewohner*: Notaufnahme im Knast

Krupp-Werkswohnungen (in Essen): Altes Rezept

* 1989 in der Berliner Justizvollzugsanstalt Düppel.

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 108
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.