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STUDENTEN / LSD Blase vergessen

aus DER SPIEGEL 8/1968

Ein Bonner Amtsrichter und ein Hamburger Postbeamter haben die Bundesrepublik vor Terror, Brand und Ungehorsam bewahrt.

In gemeinsamer Anstrengung stoppten die Staatsdiener am Freitag vorletzter Woche die Verbreitung eines Cocktail-Rezepts, das liberale Studenten bei der Post aufgegeben hatten.

Aus Dreck, Seifenpulver und Benzin, so hatten die Studiker in ihrer Verbandszeitschrift »Liberale Studenten-Zeitung« ("LSZ") verraten, könne jedermann in einer alten Flasche bequem und mühelos eine bewährte Terror-Mixtur herstellen: den schon im spanischen Bürgerkrieg verwendeten Molotow-Cocktail.

Mit dieser Panzerfaust des kleinen Mannes, so riet »LSZ«-Leitartikler Xaver Niggeli ironisch, könnten die Kommilitonen Bundesdeutschlands Establishment preisgünstig erschüttern und außerdem erreichen, daß »die Terrorsprücheklopfer ... den richtigen Begriff bekommen von dem, was Terror ist«.

In Hamburgs Postzeitungsstelle nahm ein Beamter, dessen Name von den Justizbehörden streng geheimgehalten wird, an der staatsgefährdenden Bastel-Anleitung Anstoß. Er erstattete Anzeige, und der telephonisch alarmierte Bonner Staatsanwalt Clemens Potthoff bemühte den Amtsrichter Paul Krahforst.

Im sechsten Abschnitt des Strafgesetzbuchs ("Widerstand gegen die Staatsgewalt') wurde Richter Krahforst fündig. Die aufsässigen Studenten, so verfügte der Bonner Rechtshüter, seien der Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Obrigkeit und zu strafbaren Handlungen (Paragraphen 110 und 111 des Strafgesetzbuchs) verdächtig, ihr Druckwerk sei deshalb zu beschlagnahmen. Von 10 000 gedruckten Exemplaren asservierten zwei Beamte der Bonner Kripo, die auf Krahforst-Befehl die Geschäftsstelle des Liberalen Studentenbundes Deutschlands (LSD) aufsuchten, nur noch 500; das Gros der Auflage war schon verkauft.

LSD-Vorsitzender Klaus Allerbeck lobte in einem »vielleicht für einige Zeit letzten Rundbrief« an die Verbandskameraden die Courtoisie der Kripo: »Das Beschlagnahmeverfahren lief friedlich und ausgesucht höflich ab.«

Gegen den verantwortlichen »LSZ«-Redakteur Jörg-Uwe Post und seinen Kolumnisten Niggell läuft seither ein Ermittlungsverfahren. Beschlagnahmerichter Krahforst muß nun prüfen, ob der LSD-Cocktail ein Terrorinstrument war, wie die Staatsanwälte glauben, oder bloß ein politischer Scherzartikel, wie die Studenten sagen.

Des tatverdächtigen Niggeli konnte Richter Krahforst bisher nicht habhaft werden. Redakteur Post verweigert die Aussage darüber, wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt.

Vorsorglich ließen die liberalen Studenten in der vergangenen Woche wissen, ihr Cocktail, dessen Konstruktionszeichnung sie aus der amerikanischen Zeitschrift »New York Review of Books« abgemalt hatten, könne wegen eines technischen Mangels gar nicht explodieren.

LSD-Vorstandsmitglied F. W. Bergmann, ein Gefreiter der Reserve, der sich einer sorgfältigen pyrotechnischen Ausbildung bei den Panzergrenadieren der Bundeswehr rühmt: »In dem M-Cocktail fehlt eine Luftblase.«

Dieses Manko, so beschwerten sich die LSD-Studenten, hätten nicht einmal die Kriminalbeamten bemerkt. Bundesvorsitzender Allerbeck: »Wir werden unseren Parteifreund Willi Weyer, der ja Innenminister in Nordrhein-Westfalen ist, auf diesen Ausbildungsfehler hinweisen.«

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