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SOWJETZONE Blau muß er sein

aus DER SPIEGEL 27/1950

Länger als zehn Monate hat bisher niemand den Ostberliner Reichsbahnpräsidenten gemacht - auch letzter RBD-Chef Franz Schmidtke nicht, der zum 1. Juli gehen mußte. Er war der fünfte seit 46.

Als Willy Kreikemeyer (ostzonaler Eisenbahn-Generaldirektor, Rotspanien-Brigadier und Moskau-Fahrer) den altgedienten mecklenburgischen Linienkommunisten Schmidtke aus Schwerin holte, war dem noch nichts von der großen strategischen Verkehrs-Drehscheibe um Berlin bekannt, der noch nicht ganz vollendeten Umgehungsbahn, die auf Forderung der Sowjets rund um die Hauptstadt, unter Ausschluß der Insel Westberlin, gebaut werden mußte.

An dieser Drehscheibe gab es während Schmidtkes Amtsperiede mehrere Pannen, die ihn schließlich abschußreif machten. In diesen Tagen wurde Ostzonen-Verkehrsminister Prof. Hans Reingruber nach Moskau zitiert, um weitere Befehle über die Koordinierung des ostdeutschen, polnischen und sowjetischen Verkehrsnetzes entgegenzunehmen. »Zum Abschluß der Verhandlungen über das Verkehrswesen zwischen der UdSSR und der DDR«, meldete Gerhart Eislers Informationsamt lakonisch.

Der Drehscheibenbau begann schon 1947. Selbst Mädchen und Frauen aus der ostzonalen Umgebung Berlins mußten Dämme schippen, Rottenarbeiter und Stoppkolonnen, Schwellen und Schienen legen. Bis der Schienen-Zirkel um die Westberliner Insel gezogen war. Im Nord-Osten die neue Verbindungs-Linie Belzig-Brandenburg-Rathenow-Neustadt/Dosse-Neuruppin-Löwenberg zum Umschlaghafen Rostock Im Südosten die Ausfallstrecke nach Volkspolen über Jüterbog-Zossen-Königswusterhausen-Fürstenwalde.

Nun sieht kein Westberliner mehr, was deutsche Brigadefahrer mit Schwerlastzügen gen Osten fahren. Oder auch an Truppen heranbringen. Die solange mit der Abfertigung des Durchgangsverkehrs beschäftigten Westeisenbahner zupften zunächst Gras. Aber bald war diese Beschäftigungstheorie wegen des Einnahmeschwunds nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Entlassungswelle spülte auch sie vor die Stempelstellen.

Das sind aber nur Ranken der sowjetischen Verkehrsstrategie. Die Wurzeln liegen tiefer. Schon während des Krieges standen die Umgehungsstrecken auf der Dringlichkeitsliste. Zu oft wurden Durchgangsstrecken, die sich in der Hauptstadt kreuzen, durch die Teppichwürfe angloamerikanischer Bomber zerhackt.

Die Reichsbahnstrategen kamen nicht mehr dazu. Die Russen holten nach. Treibendes Motiv: Weniger die Luftempfindlichkeit des großen Verkehrskreuzes, als das unverrückbare Ziel, den Westberliner Brückenkopf eines Tages doch zu liquidieren. Bei einer solchen Auseinandersetzung darf der ostzonale Durchgang nicht von aufsässigen UGO-Leuten oder amerikanischer MP gestört werden.

Im Eiltempo wurde auch die Strecke Oranienburg-Karow gebaut. Damit waren die Querverbindungen Berlin-Neustrelitz und Berlin-Angermünde geschaffen. Daneben entstand die Teilstrecke Thyrow-Schönefeld als Ersatz für die den amerikanischen Sektor bei Lichtenrade berührende Route Teltow - Schönefeld. An der Stichbahn Oranienburg - Bernau wird noch geschippt. Sie soll die Ausfallstrecke zum Umschlaghafen Stettin vollenden.

Ueberzählige Abstellgleise wurden abgewrackt, um Material für den Bahnbau zu gewinnen. (Neue Eisenbahnschienen werden erst seit einem Dreivierteljahr in der volkseigenen Maxhütte. Unterwellenborn, in bescheidenem Umfang gewalzt.) Als für das strategische Schienenprojekt immer noch 80 km Schienen fehlten, wurden in der Sowjet-Union aus den Halden deutschen Demontagegutes die verrosteten Schienen herausgesucht und wieder rückgeführt. So wichtig ist den Sowjets diese Bahn.

Um so schlimmer für Schmidtke, daß er den sowjetischen Verkehrskontrolleuren im Wendenschloß, dem Sitz der russischen Generaltransport-Kommandantur, vor Monaten melden mußte. Erste Umgehungsbahn-Teilstrecke außer Betrieb. Der Oberbau war ins Rutschen gekommen.

Unter der Last der schweren Frachten nach dem Osten versuchte Schmidtke den sowjetischen Entrüstungssturm zu beschwichtigen. Monatelang hatten Schwerlastzüge im rollenden Einsatz Großmaschinen, Kali und Schwerchemikalien zu den Umschlaghäfen Rostock und Stettin oder via Frankfurt (Oder) über die Landbrücke Volkspolens in die Sowjet-Union schleppen müssen. Das hielten die Hennecke-Dämme nicht aus.

Es halfen keine Entschuldigungen. »Sabottasch«, fluchten Schmidtkes sowjetische Genossen und meldeten ihn der Kaderabteilung der SED Schmidtke lief aufgescheucht von Baustelle zu Baustelle. Abermals drückte er Spitzhacke und Schaufel in Tausende von Händen, um den defekten Oberbau zu erneuern. Aber bald genügten die Hauptumgehungsstrecken nicht mehr. Neue Stichbahnen werden gebraucht. »Für besondere Einsatztage, wenn große Massen nach Berlin befördert werden müssen«, sagte Volkseisenbahnchef Kreikemeyer intern. Der FDJ-Blauhemdenmarsch nach Berlin könne sich wiederholen.

Eine weitere neue Kurzstrecke wurde von Belzig nach Wildpark bei Potsdam durchgetrieben. Dort residiert im zernierten Sperrgebiet General Tschuikows Operationsabteilung. Bis zu den Kapitulationswehen und der Schlacht um Berlin war hier Hermann Görings Hauptquartier.

Wildpark ist heute Start- und Ziel-Bahnhof für den zwischen Moskau und der deutschen Befehlsfiliale pendelnden »Blauen Expreß«, früher »Rheingold-Expreß« zwischen Basel und Amsterdam. Den kassierte Transportgeneral Kwaschnin bereits 45 als Kriegstrophäe. Dazu zwei Stromlinien-Loks.

Im RAW Oberschöneweide wurde der Expreß überholt. Werkhelfer spritzten ihn mit neuer grauer Farbe. Die war den Abnahmekommissaren zu schlicht. Blaue sollte es sein, keine einfache, sondern Postkarten-Himmelblau. Also wurde der ganze Zug umgespritzt und aus dem »Rheingold«-der »Blaue Expreß«. Als auch noch Spitzendeckchen zur Garnierung der roten Plüschsitze aus dem Vogtland geliefert wurden, war Kwaschnin zufrieden.

Er selbst aber fuhr damit nicht gen Osten, als er sich im Frühjahr wegen der vielen Angriffe aus Moskau im Wendenschloß höchst unwchl fühlte. Sein Absetzauto wurde von klassenbewußten kleinen Dienstgraden auf der Autobahn nach Stettin gestoppt. Sie hinderten ihn daran, sich nach Schweden abzusetzen. Da machte Kwaschnin Schluß.

Nachfolger General Letjontschenko hat in Karlshorst auch einen schweren Stand. Er soll von einem Zivil-Experten abgelöst werden. Der übernimmt dann auch die peinliche Ueberwachung des »Blauen«, der stets von einem 25 Mann starken NKWD-Kommando begleitet wird. Nicht nur, um die gelegentlich nach Moskau zu bringenden deutschen Spezialisten zu bewachen, sondern vor allem, um die im »Blauen Expreß« reisenden hohen Offiziere vor Schaden zu bewahren.

Seit im vergangenen Jahr der Buchhändler Gerhard Schütt, Mitglied einer Widerstandsorganisation der Ostzone, bei der K5-Vernehmung zugab, ein Attentat auf den »Blauen Expreß« vorbereitet zu haben, wird jeder Kasten mit Butter, jede Molle Fleisch vor der Speisewagenküche nach Explosivkörpern durchsucht.

Sofort nach Verlassen Berlins rollen dem Expreß mit Steinen beladene Güterwagen voraus, um etwaigen Sprengstoff-Attentaten die Wirkung zu nehmen. Ab Frankfurt/Oder muß ein leerer FD-Zug im Fünf-Minuten-Abstand vorausfahren, um Strekkenschäden oder technische Schwierigkeiten sofort zu signalisieren.

Durch die Waldgebiete Mittelpolens fährt der Repräsentationszug aus Sicherheitsgründen langsam. Wenn er auf den Stationen zur Wasser- oder Kohlenübernahme hält, sichern polnische Polizei und Miliz die Moskaufahrer.

Bei der Ueberfahrt auf sowjetisches Gebiet in Brest sondieren sowjetische Sicherheitspolizisten die Heimkehrer. Auffälliges Gepäck wird kontrolliert. »Zweihundertfünfzig Armbanduhren und Schmuckstücke wurden einem Oberst kürzlich abgenommen«, erzählten deutsche Brigadefahrer. Der westlich verseuchte Offizier hatte sie hinter den abschraubbaren Furnierplatten seines Abteils versteckt.

24 bis 36 Stunden - genau kann man es nie sagen - braucht der »Blaue Expreß« von Wildpark bis Moskau. Je nach Sicherheit, Dauer der Kontrollen und den Zwischenfällen während der Reise durch das westliche Vorfeld der Sowjet-Union.

Zwischenfälle jeder Art sollen aber in Zukunft vermieden werden, fordert Moskau von Warschau und Berlin. Damit der Fahrplan in Zukunft besser funktioniert, mußte Minister Reingruber noch vor seiner Abreise nach Moskau 2000 Reserve-Loks neuerer Bauart in tadellosem Zustand als ständige SMA-Reserve bereitstellen lassen. Für Eventualfälle und zur Lösung von Sofortaufgaben, wenn es der sowjetische Befehlsapparat im Wendenschloß verlangt.

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