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PRESSE Blaue Augen

Im Poker um die »Hamburger Morgenpost« mischte auch Axel Springer mit. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Wir werden belogen und betrogen«, schimpfte Svante Domizlaff, 35, vor Kollegen der »Hamburger Morgenpost«. Das wirtschaftliche Verhalten des Verlegers, so der Journalist Mitte Dezember, könne »auf einen betrügerischen Bankrott hinauslaufen«.

Das wollte sich »Morgenpost«-Besitzer Eduard Greif, 50, dem die Kritik hinterbracht wurde, nicht bieten lassen. Er feuerte den stellvertretenden Chefredakteur wegen Verleumdung fristlos. Domizlaff klagt gegen seine Entlassung.

Die »Hamburger Morgenpost« erscheint seither mit einem sonderbaren Impressum: mit einer Leerstelle in der Rubrik Chefredaktion. Domizlaff hatte nämlich den Job von Chefredakteur Felix Schmidt übernehmen sollen, der am Jahresende als »Hörzu«-Chef zum Axel Springer Verlag abwanderte. Eigentümer Greif muß nun erst einen Nachfolger suchen.

Daß die »Morgenpost« noch immer 164 000 Käufer findet, verdankt die einst SPD-eigene, dann an den Schweizer Geschäftsmann Greif verkaufte Zeitung vor allem dem Umstand, daß sie nicht aus dem Hause Springer kommt. Ein Rest linksorientierter Leser unterstützt das finanzschwache Boulevard-Blatt als dürre Alternative zu den Springer-Lokalausgaben von »Bild«, »Welt« und »Hamburger Abendblatt«.

Doch harter Konkurrenzkampf und permanentes Verlags-Mißmanagement haben die letzte größere Nicht-Springer-Zeitung in Hamburg wirtschaftlich ruiniert. Der neue, 1980 eingestiegene Inhaber Greif hält sich zugute, daß es ohne ihn »die 'Morgenpost' und ihre hundert Arbeitsplätze nicht mehr gäbe«. Doch womöglich hat der Springer-Verlag, der argwöhnisch über die Rivalin wacht, bei der »Morgenpost« kürzlich versteckte Sterbehilfen geleistet.

Letzten August berichtete Springers »Welt« über Greifs Verkaufsgespräche mit dem Hamburger Verlagskonzern Gruner + Jahr ("Stern"). Das Blatt vermutete hinter den Verhandlungen eine »atemberaubende« Spekulation des G + J-Eigners Bertelsmann auf eine Hamburger Rundfunklizenz.

Es stand nicht in der »Welt«, daß Greif zwei Tage zuvor eine weitere Verkaufsrunde mit der badischen Verlegersippe Burda begonnen hatte. Als Teilnehmer dabei: Peter Tamm, Vorstandsvorsitzender bei Springer, an dessen Verlag die Burdas einen 24,9-Prozent-Anteil halten.

Nach wochenlangen Verhandlungen machte Verleger Frieder Burda ein gutdotiertes Kaufangebot und warf Gruner + Jahr aus dem Rennen. Im Oktober schon schien der Handel gelaufen, eine ausführliche Grundvereinbarung perfekt; im Hamburger Tamm-Büro gab es Champagner aus Springer-Beständen. Auch ein Springer-Jurist griff ein und brachte den Entwurf eines Kaufvertrags zu Papier.

»Wir stehen«, versicherte Frieder Burda im November in einem Fernschreiben an Greif, »unverändert zu unserem Angebot.« Von neun Millionen Mark Kaufpreis und neun Millionen Mark Schuldenübernahme war in der Branche die Rede, abzüglich eventueller, nachträglich festgestellter Verschlechterungen der Geschäftszahlen. Die Beteiligten schweigen sich über die Beträge aus.

Aber Mitte Januar war alles vorbei. Frieder Burda hatte kein Interesse mehr und begründete die Absage brieflich mit Greifs Geschäftsergebnissen, die »von Tag zu Tag schlechter« geworden seien. Greif hält dagegen, es habe sich um »ganz normale saisonale Schwankungen im Zeitungsgeschäft« gehandelt.

Während daher Burda vorbringt, die »Morgenpost« sei »nicht zu sanieren«, glauben andere Beteiligte, Burda und Springer hätten ihr Ziel erreicht, als Greif »die Tür zu Gruner + Jahr zugeschlagen hatte«. »Bösartig« nennt Tamm solche Kombinationen und spricht von einer »reinen Beraterrolle« des Springer-Verlags. Burda betont, er habe Greif Parallelverhandlungen nicht verwehrt.

Andererseits sind sich Springers Manager bewußt, daß sich die »Morgenpost« unter neuer verlegerischer Leitung neben »Bild« wesentlich besser behaupten könnte als bisher - wie etwa die »Abendzeitung« in München oder der »Express« in Köln, die dort eine höhere Auflage als »Bild« haben.

So stand Springer, ganz klar, dem befreundeten Haus Burda »mit Rat und Tat« (Tamm) zur Seite - und lieferte, als die Verhandlungen stockten, mit dem Kaufvertragsentwurf eines Springer-Juristen den Burdas auch noch die Begründung, es fehle an einer Einigung über dieses Papier. Die Gespräche liefen sich tot.

»Ich bin offensichtlich geleimt worden«, jammerte Greif, der wieder mal ohne Käufer dasteht und »auf jeden Fall« gegen Burda klagen will, sei es auf Einhaltung der Offerte oder Schadensersatz. Doch zunächst hat er gleich zweifach den Schaden.

Denn um seine entnervten, von Ungewißheit geplagten Mitarbeiter zu beschwichtigen, hatte der Schweizer Mitte Dezember »Morgenpost«-Anwalt Karl-Heinz Oellers vor der Belegschaft über Burdas vermeintlich festen Kaufwillen plaudern lassen. Unterhändler Oellers würde noch heute »jeden zur Verantwortung ziehen«, der behauptet, »ich hätte damals nicht korrekt den Sachstand wiedergegeben«.

Die Burda-Absage kam für ihn so überraschend wie für die Belegschaft - nur daß sich nun Domizlaff und Kollegen von Greif »belogen und betrogen« fühlten. Und weil ihnen im Geschäftsgebaren des sitzengelassenen Greif auch andere Dinge undurchsichtig vorkamen, befürchtete Domizlaff gleich einen »betrügerischen Bankrott«.

Mit diesem Vorwurf aber verfing sich der Redakteur in Gerüchten über eine Minuswirtschaft, die Greifs Kreditgeber, die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft, voll unter Kontrolle zu

haben glaubt. Greif hat sich der BfG mit Hab und Gut, mit Dienstleistungsgesellschaften und Immobilienfirmen in Basel, »persönlich verbürgt«. Denn, so sagt er, »auf meine blauen Augen geben die mir nichts«.

Den Argwohn seiner Mitarbeiter nährte der Baseler allerdings durch Ungeschicklichkeiten. So verlagerte er das Eigentumsrecht am Zeitungstitel »Hamburger Morgenpost« in die Schweiz, Eigentümer ist die Greif Presse AG in Basel. Diese verpachtet den Titel an Greifs Hamburger »Morgenpost«-Verlag und berechnet für die Nutzung eine jährliche Titelpacht von 1,2 Millionen Mark.

Für Kritiker nahm sich diese Konstruktion aus, als sauge Greif damit Millionenbeträge aus der »Morgenpost« in die Schweiz ab. Doch mangels Masse hat der Inhaber, wie er beteuert, die Rechnung bisher nicht bezahlt bekommen. Die unsinnige Forderung steht demnach nur auf dem Papier, fördert aber den Eindruck einer Überschuldung des Unternehmens.

Tatsächlich verdüstern hohe Kosten die Bilanz, »im ganzen Riesenbeträge« (ein Mitarbeiter) für allerlei Provisionen, einen aufwendigen Repräsentationsetat und die üppige Miete für Verlag und Redaktion in Jungfernstieg-Nähe. Auch hatte sich Schmidt, zuvor als einer der drei »Stern«-Chefredakteure mitverantwortlich für das Hitler-Debakel, mit 17 000 Mark monatlich gut eingekauft.

Aber für 1985, versichert Eduard Greif freudig, habe er einen »Morgenpost«-Etat, der ihn endlich in die Gewinnzone bringe.

Das prophezeit er schon seit Jahren. Springers Tamm wundert sich, daß es überhaupt noch weitergeht: »Ich frage mich, wie die das machen.«

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