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DOPING Blaue Bohnen von Dr. Mabuse

Ein Prozess soll eines der letzten Rätsel des SED-Staates klären: Die männlichen Hormone, die DDR-Athletinnen verabreicht wurden, haben angeblich nicht nur die Frauen geschädigt, sondern auch Früh- und Fehlgeburten sowie angeborene Behinderungen verursacht.
Von Carolin Emcke und Udo Ludwig
aus DER SPIEGEL 9/2000

Sie tragen nicht nur ähnliche Namen, sie haben auch eine ähnliche Kar-riere hinter sich: Martina Gottschalt, 34, und Jutta Gottschalk, 37. Als junge Mädchen waren sie Zimmergenossinnen in einem Magdeburger Sportler-Internat, später errangen sie für den DDR-Sport Medaillen.

Mittlerweile haben die einstigen Schwimmkolleginnen eine weitere Duplizität entdeckt. Beide sind Mütter behinderter Kinder - und beide glauben, so Martina Gottschalt: »Das kann kein Zufall sein.«

Die einstige DDR-Meisterin im Rückenschwimmen brachte 1985 einen Sohn mit einem Klumpfuß zur Welt. Ihr zweiter Sohn war eine Frühgeburt. Während einer weiteren Schwangerschaft musste sie wochenlang im Krankenhaus liegen, um eine Fehlgeburt zu vermeiden.

Die Tochter ihrer Kollegin Jutta Gottschalk wurde 1994 mit einem blinden Auge geboren; inzwischen hat die kleine Corina elf Operationen hinter sich - »eine Qual für das Kind«.

Zur Sprache kamen die Behinderungen und Schwangerschaftskomplikationen am Rande eines Berliner Dopingprozesses: Sieben ehemalige Hochleistungsschwimmerinnen - darunter Gottschalt und Gottschalk - traten im Januar als Nebenklägerinnen gegen den früheren DDR-Schwimmverbandsarzt Lothar Kipke auf. Der wurde verurteilt, weil er den Sportlerinnen mit der Verabreichung von männlichen Hormonen gesundheitliche Schäden zugefügt hatte.

Seit die Nebenklägerinnen erfahren haben, dass es sich bei den Missbildungen ihrer Kinder nicht um Einzelfälle handelt, ist für sie ein schlimmer Verdacht zur Gewissheit gediehen: DDR-Sportärzte haben billigend in Kauf genommen, dass sie mit der Verabreichung männlicher Hormone nicht nur die Gesundheit der Sportlerinnen schädigten, sondern auch deren Nachwuchs.

Die Auswirkungen der Anabolika-Vergabe auf Nachkommen - eines der letzten Rätsel des SED-Staates - werden demnächst die Justiz beschäftigen. Sieben betroffene Frauen, beraten durch den Heidelberger Dopingexperten Werner Franke und den Anwalt Michael Lehner, haben bereits eine Sammelklage beim Landgericht Berlin eingereicht.

Nachdem die Sportlerinnen Gottschalk und Gottschalt erfahren hatten, dass sie Leidensgenossinnen sind, tauschten sie ihre Erinnerungen an das Leistungstraining in Magdeburg aus: Neben gnadenlosem Drill hatte die Trainerin Gudrun Feustel ihren Zöglingen in der Elbe-Schwimmhalle regelmäßig Tabletten, offiziell »Vitamine« genannt, verabreicht. »Da war immer Hektik«, erzählt Jutta Gottschalk, »raus ausm Becken, Tabletten schlucken und gleich wieder rein ins Wasser und los.«

Als den Mädchen die »blauen Bohnen« schließlich dreimal täglich aufgedrängt wurden, regte sich Widerstand. »Die Feustel hat uns dabei erwischt, wie wir mit den Dingern in der Umkleidekabine Murmeln gespielt haben«, erinnert sich Gottschalk, »da hat sie uns richtig zusammengestaucht.« Fortan mussten die Mädchen die Tabletten unter Aufsicht der Trainerin mit »so einem ekligen, süßen Tee« hinunterwürgen. »Einige«, sagt Martina Gottschalt über die tägliche Tortur, »haben geweint.«

Die Einnahme der blauen Schnellmacher war streng reglementiert. Die Tagesration habe aus fünf bis zehn Milligramm, also ein bis zwei Pillen, bestanden, hat der Mediziner Dieter Binus, Mitglied der Ärztekommission des Schwimmsportverbandes, vor den Berliner Ermittlern ausgesagt. Die Anwendung sei auf drei bis vier Wochen limitiert gewesen: »Somit sollte eine Gesamtdosis von 600 bis 1000 mg/Jahr nicht überschritten werden.«

Außerdem, so Binus, durften die Hormone nur Sportlerinnen gegeben werden, »die ihre Menarche hatten und gynäkologisch untersucht waren«. In Wahrheit jedoch, so berichteten Sportlerinnen der Kripo, hätten Ärzte bei einigen die erste Monatsblutung künstlich eingeleitet. So wurden die Athletinnen dopingreif gemacht. Trainer hätten die Dosis bei jungen Mädchen auf 1355 Milligramm und teils sogar auf 1600 Milligramm erhöht. Zusätzlich seien Spritzen mit dem Männerhormon Testosteron verabreicht worden.

Martina Gottschalt bekam die Folgen der Gewaltkur schnell zu spüren. Doch auch als ihre Stimme immer tiefer wurde und sie einen Gallengangverschluss erlitt, wehrte sie sich nicht: »Ich habe mich nicht getraut«, erklärt sie, »ich dachte nicht, dass mir jemand glaubt.«

Noch heute, fast zwei Jahrzehnte nach ihrem Karriere-Ende, ist Martinas Hormonspiegel gestört: »Hyperandrogenämie« nennen Mediziner den überhöhten Anteil männlicher Hormone.

Über Schwangerschaftsstörungen und Erkrankungen ihrer Sexualorgane berichten auch viele der einstigen Gottschalt-Kolleginnen, die inzwischen von Berliner Ermittlern vernommen worden sind:

* Eine ehemalige Sportschülerin klagte über starken Haarwuchs und Eierstockentzündungen, die »mit starken Schmerzen einhergingen«.

* Eine Schwimmerin gab an, insgesamt vier Fehlgeburten erlitten zu haben; noch immer leide sie unter einer Eileiterverklebung.

* Eine Leipziger Athletin mit Unterleibsproblemen erklärte, ihr Gynäkologe habe sie spontan gefragt, ob sie »früher gedopt worden« sei.

Natürlich wussten auch die Dr. Mabuses des DDR-Sports, was den jungen Sportlerinnen drohte. Am 3. März 1977 teilte Manfred Höppner, einer der kundigsten Mediziner der sozialistischen Körperkultur, dem Ministerium für Staatssicherheit mit:

Da die Anwendung von anabolen Hormonen während einer Frühschwangerschaft zu Missbildungen führen kann, wurde die gleichzeitige Anwendung von Antikonzeptionsmitteln empfohlen. Trat während des Anwendungszeitraumes von anabolen Hormonen dennoch eine Schwangerschaft ein, wurde in jedem Fall eine Schwangerschaftsunterbrechung angeordnet.

Und auch die DDR-Ärzte wussten, was ihre Kollegen vom Sport mit den jungen Athletinnen anstellten. Einige der Mediziner wagten es sogar, ihre Patientinnen über die Risiken zu unterrichten.

Als das erste Kind von Karin Balzer, Hürdensprint-Olympiasiegerin von 1964, an einem Tumor erkrankte, warnte ein Mediziner: Wenn sie ein zweites Kind bekommen wolle, sollte sie sich weigern, die Mittel zu nehmen. Als die Rückenschwimmerin Rica Reinisch, dreimalige Olympiasiegerin von Moskau 1980, wegen ständiger Eierstockentzündungen einen Gynäkologen aufsuchte, erfuhr sie, »dass mein Blut einen Überschuss an männlichen Hormonen aufwies«. Das sei der Grund, »dass meine Entzündung nicht abheilen konnte«.

Der einstige 100-Meter-Sprinter Michael Droese erzählt, er sei von einer Anästhesie-Assistentin an der Universitätsklinik in Jena vor den Starkmachern gewarnt worden: Die Frau habe beobachtet, dass viele Sportlerinnen nicht lebensfähige Feten zur Welt gebracht hätten. Den Ärzten sei klar gewesen, dass die Gabe männlicher Hormone die Ursache war.

Den Dopingmitteln gibt Droese auch die Schuld daran, dass seine damalige Lebensgefährtin, die Kugelstoßerin Margitta Pufe, vor 28 Jahren von einem behinderten Kind entbunden worden ist. Zwar beteuert die Mutter, eine ausgebildete Apothekenfacharbeiterin, dass sie Anabolika erst nach der Schwangerschaft genommen habe, aber ihre Tochter sieht sich in doppelter Hinsicht als Opfer des skrupellosen Ehrgeizes im DDR-Sport. Weil im Leben von Margitta Pufe zwischen Wettkampf und Training kein Platz für ein behindertes Kind war, wurde Tochter Jacqueline, die seit ihrer Geburt unter Lähmungen der rechten Körperhälfte leidet, erst einmal ins Heim gesteckt. Jacqueline, die schließlich von den Großeltern väterlicherseits aufgenommen wurde, hat ihre Mutter erst wieder getroffen, als sie schon fast erwachsen war.

Aber das Rätsel der Behinderung von Jacqueline und das beharrliche Schweigen der Mutter über ihre Vergangenheit stehen bis heute zwischen ihnen. »Sie hat zum Selbstschutz ein Kartenhaus aufgebaut«, sagt Jacqueline. An der Suche nach den Ursachen der Behinderung ihrer Tochter will sich die Olympia-Dritte von 1980 nicht beteiligen: »Ich möchte dieses Thema beenden«, schrieb sie an Jacqueline, »um endlich innere Ruhe zu finden.«

Ähnlich wie Pufe hatten unmittelbar nach der Wende etliche ihrer Kolleginnen aus dem DDR-Nationalteam reagiert: Sie stritten jeden Zusammenhang zwischen Gesundheitsschäden und Doping ab - teils aus Scham, teils aus Angst vor den Reaktionen ihrer ehemaligen Trainer.

Nur wenige Frauen wie Christiane Knacke, frühere Delphin-Weltrekordlerin, wagten es, auf mögliche Dopingfolgen aufmerksam zu machen. Ihre Kollegin Barbara Krause, erklärte sie, habe zwei Kinder mit Klumpfüßen zur Welt gebracht - was diese bestreitet. Bald verebbte die Diskussion.

In dem bevorstehenden Prozess wird sich die Justiz mit der komplexen Materie schwer tun. Vergleichbare Verfahren hat es in Deutschland bisher nicht gegeben; juristischer Streit über Schädigungen der Leibesfrucht ist letztlich stets außergerichtlich beigelegt worden.

Wegen der äußerst langwierigen und wissenschaftlich schwierigen Beweisführung endeten selbst vergleichsweise eindeutige Fälle mit Vergleichen - etwa der Contergan-Skandal, der Anfang der sechziger Jahre die Deutschen bewegte, als Mütter nach der Einnahme des Schlafmittels rund 5000 Kinder mit schweren Schäden zur Welt gebracht hatten.

In dem neuen Dopingprozess werden Wissenschaftler die Frage klären müssen, warum DDR-Sportlerinnen so häufig missgebildete Kinder zur Welt gebracht haben. Fest steht: Die Nebenwirkungen der männlichen Sexualhormone, die den Frauen verabreicht wurden, sind vielfältig. Gesundheitsschäden können an der Leber, im Blutbild, dem Herz-Kreislauf-System, an Muskeln und Sehnen, an Haut und Haaren auftreten. Mediziner machen einen erhöhten Testosteronspiegel auch für das Syndrom der »polyzystischen Ovarien« verantwortlich, eine schmerzhafte Unterleibserkrankung, an der viele DDR-Sportlerinnen litten.

Durch die anabolen Steroide könnten Eizellen und Embryos geschädigt worden sein. In einer Notiz hat Sportarzt Kipke einschlägige Anabolika-Nebenwirkungen aufgeführt: »Bei Schwangerschaft transplazentare Virilisierung der weiblichen Feten.«

Auch sonst könnten die Fortpflanzungsorgane Schaden genommen haben. Das würde erklären, warum Sportlerinnen noch lange nach dem Ende ihrer Karriere geschädigte Kinder zur Welt gebracht haben.

Athletinnen, die bereits verstärkt männliche Hormone ausschütteten, dürften besonders gefährdet gewesen sei. Für diese Frauen, schreiben die Gutachter Horst Lübbert und Norbert Rietbrock, stelle sich die Frage, »ob jegliche zusätzliche exogene Zufuhr dieser Hormone ein besonders hohes Gesundheitsrisiko bedeutet«.

Den meisten Betroffenen geht es weniger um Rache an den Ärzten und Trainern, denen die Medaillen im Konkurrenzkampf mit der westlichen Welt und ihre persönlichen Prämien wichtiger waren als das Leben und die Gesundheit der Sportler.

Jacqueline Droese sucht ebenso wie Martina Gottschalt und Jutta Gottschalk vor allem Antworten auf Fragen, die sie quälen: Wer hat Schuld? Wird die Behinderung sich chronisch weiterentwickeln? Kann ich ein nicht behindertes Kind zur Welt bringen?

»Solange mir niemand garantieren kann, dass das nicht noch mal passiert«, sagt Jutta Gottschalk, »will ich kein zweites Kind.« CAROLIN EMCKE, UDO LUDWIG

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