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BUNDESWEHR-DIEBSTÄHLE Blaue Dragoner

aus DER SPIEGEL 45/1968

Mit einem gestohlenen Navigationsgerät Irrten die Ostagenten Knoppe und Linowski nächtens eine Stunde lang am Zaun des bayrischen Fliegerhorsts Zell umher, ehe sie ihren dritten Mann mit dem Auto fanden. Kein Bewacher störte sie.

Auch als die beiden später für Moskau eine drei Meter lange »Sidewinder«-Rakete aus dem Zeller Depot geholt hatten und das Geschoß auf schleppender Sackkarre über die Rollbahn abtransportierten, fielen sie den Wächtern nicht auf. Begründung: Es herrschte Bodennebel, und die Wachhunde taten keinen Dienst, weil Rattengift ausgelegt war.

Den Wachdienst In Zell versehen Zivilisten im Rentner-Alter. Als einzige Armee der Welt hat die Bundeswehr von Anfang an ihre Soldaten soweit wie möglich vom Wacheschieben befreit, damit mehr Zeit für die Ausbildung bleibt.

Etwa 5300 Rentner (Truppen-Jargon: »Blaue Dragoner") bessern ihre Bezüge als Wächter bei den Streitkräften auf. Ein Oberstleutnant: »Das ist vielleicht eine soziale Tat, aber In der Praxis eine Farce.«

Im Dienst der Bundeswehr stand zum Beispiel ein alter Wachmann, der stets gegen Mitternacht Kaffeedurst verspürte. Er knotete dann die Leine seines Hundes an den Fahnenmast und besuchte seine In der Nähe wohnende Schwiegertochter. Schäferhündin Becky hütete derweil allein das Bundeswehr-Gerätelager Muggensturm bei Rastatt. Dessen Inhalt: Fahrzeuge, Ausrüstung, scharfe Munition und Waffen für mehrere tausend Reservisten.

Im selben Lager kam ein Wach-Dragoner vergangenen Sommer blau zum Dienst und bedrohte einen Zivilisten mit der Pistole; der Mann nahm ihm die Waffe weg und holte die Polizei.

An der Artillerieschule Idar-Oberstein hatte ein ziviler Wachmann Fahrzeuge, Geschütze und Raketen zu sichern. Weil er schwerhörig war, wurde ihm ein Hund beigeordnet. Das Tier war taub.

Oberstleutnant Lübbert vom Verteidigungsministerium: »Aber durchweg sind die Männer in Ordnung. In Hannover hatten wir einen Ostpreußen, den nannten wir »Hindenburg« wegen seines Schnauzbartes. Der ersetzte zehn Soldaten.«

Wo die Soldaten Wache stehen, vorwiegend an den Kasernentoren, sind auch sie der Aufgabe nicht Immer gewachsen. Nach Dienstschluß beispielsweise stauen sich die Autos der Zivilangestellten und Militärs oft derart an der Ausfahrt, daß der Posten die Einzelkontrolle jedes Wagens scheut.

Obwohl die Diebstähle aus Bundeswehr-Anlagen sich so häuften, »daß man schon eine ganze Brigade mit geklauten Waffen ausrüsten kann« (ein Major aus Hardheim), ist Abhilfe nicht in Sicht. Der Sicherheitsoffizier eines Jagdbomber-Geschwaders plädiert für »eine Art »Air-Police« wie sie die Amis haben, mit doppeltem Sold und bei Wachvergehen Rausschmiß«. Aber ein Regierungsrat der zuständigen Wehrbereichsverwaltung resigniert: »Wir können nichts machen. Ein Gewehr kostet 200 Mark, eine komplette Bewachung Ist teurer.«

Die billigste Lösung fand die Bundeswehr für zwei Depots im Bodenseegebiet, in denen Versorgungsgüter und Waffen für mehrere Millionen Mark lagern. Die dort beschäftigten Zivilarbeiter hatten sich erboten, nach Feierabend für einen Stundenlohn von drei Mark die Lager per Fahrrad zu umrunden. Aber die sparsame Bundeswehr lehnte ab.

Die Lager sind nach 17.15 Uhr nun gänzlich unbewacht.

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