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GRIECHENLAND Blauer Bogenschütze

Der Großbrand, der Athen bedrohte, ist anscheinend das Werk von Rechtsextremisten, die ihre Idole aus dem Gefängnis pressen und das Volk kurz vor den Wahlen in Unruhe versetzen wollen.
aus DER SPIEGEL 33/1981

In jeder Hand einen Koffer, so betrat der griechische Minister für öffentliche Arbeiten, Tzannis Tzannetakis, am Spätnachmittag des vergangenen Dienstag das Vorzimmer des Ministerpräsidentenbüros im Alten Schloß zu Athen.

Der Tzannetakis-Tochter, mit Bluse und kurzer Hose nur spärlich bekleidet, wollte die Wache den Zutritt zum Premier Georgios Rallis verwehren, sie solle sich erst einmal »etwas Anständiges« anziehen. Die Ministertochter brach in Tränen aus: »Wir haben doch nichts mehr, wir haben alles beim Brand verloren.«

Der obdachlose Minister gehört zu den prominentesten Opfern der Feuersbrunst, die Athen Anfang voriger Woche heimsuchte.

Es war, von den Weltkriegen einmal abgesehen, einer der größten Brände, denen europäische Hauptstädte in diesem Jahrhundert ausgesetzt waren. Die Athener Zeitung »Kathimerini« sprach sogar vom »Ausmaß eines Putsches«, als nach und nach ein Netz von Brandstellen das ganze Land von Mazedonien bis Kreta überzog und die Flammen die Hauptstadt umzingelten. Nach über 100 Waldbränden in elf verschiedenen Regionen am Wochenende hatte das Feuer auf Athen übergegriffen und bedrohte nun Industrie- und Wohngebiete.

Am Montag dann brach im Industriegebiet am Kifisosfluß an der Stadtausfahrt nach Korinth aus ungeklärten Gründen ein Großfeuer aus, sieben Betriebe brannten binnen Stunden völlig aus oder wurden nahezu zerstört.

Fast gleichzeitig wurde Feueralarm aus einer ganz anderen Richtung gemeldet: Wälder im Nordwesten von Athen, an der Stadtausfahrt nach Lamia, begannen plötzlich an mehreren Stellen zu brennen. Im nahegelegenen Campinghotel »Europa« fand ein deutscher Tourist aus Kassel den Feuertod, die rund 250 Patienten einer Krebskrankenanstalt konnten rechtzeitig evakuiert werden.

Zu diesem Zeitpunkt wollte die Regierung noch immer nicht glauben, daß die Waldbrände in der Provinz und die Feuerfront, die bis zu den Toren der Hauptstadt vorgerückt war, das Werk von Brandstiftern sein sollten.

Während der Sommermonate sind große Waldbrände in Griechenland keine Seltenheit, auch sind nicht immer unachtsame Passanten, Autofahrer oder Camper schuld. Bodenspekulanten, sogenannte Grundstücksfresser, ebenso wie Hirten verschaffen sich häufig mit dem Trick der verbrannten Erde Bau- und Weideland. In den letzten elf Jahren brannten in dem ohnehin dünn bewaldeten Land Wälder und Obstplantagen mit einer Gesamtfläche von 200 000 Hektar ab, allein in diesem Jahr wurden über 300 Waldbrände registriert.

Mangelhafter Brandschutz und ungenügende Feuerschutzmittel, lang anhaltende Trockenheit und saisonübliche S.89 starke Winde lassen kaum hoffen, daß das Ausmaß der alljährlich wiederkehrenden Brandkatastrophen eingeschränkt werden kann.

Selbstentzündungen sind nicht selten, überdies sind die griechischen Pinienwälder überaus feuergefährdet. Zweige und Harz der Nadelbäume brennen wie Zunder; glühenden Geschossen gleich streuen die Zapfen das Feuer immer weiter.

Bei dem größten Waldbrand dieses Jahres auf der mazedonischen Halbinsel Chalkidike, einer der bekanntesten Fremdenverkehrsregionen des Landes, vermuteten Einwohner und Behörden zunächst wegen der starken Baulandnachfrage Bodenspekulanten als Urheber der Flammen. Der Verdacht, diesmal könnten andere Interessenten am Werk gewesen sein, kam erst auf, als das Feuer in die Wohngebiete der Hauptstadt züngelte.

Es begann am Dienstag mit einem Buschfeuer in der Nähe des Ausflugslokals »Edelweiß« im Vorort Kefalari im Norden der Stadt. Rasch und wie sorgsam geplant loderte dann ein Ring von Brandstellen auf, der vor allem den Villenvorort Nea Politeia bedrohte.

Dort wohnt, in prachtvollen Villen, die politische Prominenz des Landes -vom Staatspräsidenten Karamanlis bis hin zu Regierungsmitgliedern und namhaften Abgeordneten. Als einem der ersten dämmerte dem Staatssekretär Achilleos Karamanlis, Bruder des Präsidenten, die Zielrichtung: »Es ist kein Zufall, daß das Feuer im Wohnbezirk der Politiker ausbrach.«

Kurz bevor ihre Anwesen in Flammen aufgingen, hatten Villenbesitzer beobachtet, wie Motorradfahrer an mehreren Stellen mit Benzin-Lappen und -flaschen hantierten, wie sie Brandbomben mit Hakenkreuzzeichen und der Aufschrift »Nachmittagsspaziergang« in den Villengärten deponierten.

Auch die Flammenherde, welche die Residenz des Staatspräsidenten, die Villa »Galini« (Ruhe) des Oppositionsführers Andreas Papandreou und das Domizil des Vizepremiers und Verteidigungsministers Evangelos Averoff umzingelten, sahen ganz nach geplanter Brandstiftung aus.

Während Villen, Hotels, Altersheime, Krankenhäuser und Kinderferienlager in Panik geräumt wurden, während eine dichte Rauchwolke den attischen Himmel schwärzte und der Wind Brandgeruch und Asche bis ins Stadtzentrum wirbelte, meldeten sich anonyme Anrufer bei führenden Regierungsmitgliedern und Oppositionspolitikern: »Jetzt sind Sie an der Reihe.«

Zuvor hatte sich eine bisher unbekannte Organisation namens »Galazios Toxotis« (Blauer Bogenschütze) bei Zeitungsredaktionen mit der Drohung gemeldet: Sollte die Regierung bis zum 15. August keine »politische Amnestie« erlassen, so müsse sie mit noch größeren Katastrophen rechnen.

Der politische Standort der Brandakteure schien klar: Rechtsextremisten, welche die Befreiung der Junta-Oberen aus dem Piraeus-Gefängnis Korydallos erzwingen wollen. Auch das für die Feuerattacke auf die Hauptstadt gewählte Datum schien nicht zufällig: Am 4. August 1936 hatte General Metaxas die Diktatur ausgerufen.

Regierung und Opposition sind überzeugt, die Rechtsextremisten versuchten kurz vor für den Herbst angesetzten Wahlen Unruhe zu stiften. Zum erstenmal seit dem Ende der siebenjährigen Diktatur im Jahre 1974 mußte die Regierung das Militär bemühen und den Generalen die zum Notstandsgebiet erklärten Bezirke der Hauptstadt anvertrauen. Sie erwiesen sich als loyal.

»Die Brandstifter«, drohte Vizepremier Averoff im Fernsehen, »sollten nicht meinen, daß wir Angst vor ihnen hätten. Wir stehen aufrecht, und wir werden sie am Ende in die Knie zwingen.«

Die solcherart heraufbeschworene Gefahr für die griechische Demokratie paßt dem Oppositionsführer Papandreou gar nicht ins Konzept. Er befürchtet, daß konservative, gleichwohl mit der Regierung unzufriedene Bürger, deren Stimmen ihm erst zur Macht verhelfen könnten, jetzt Angst bekommen.

Also tat Papandreou die Warnungen Averoffs als »Löwengebrüll« ab und warf der Regierung vor, »ein Klima schleichender Gefahr zu schüren«. Ziel sei, »die Gesinnung des Volkes umzukehren und Verwirrung zu stiften«.

Mehr als die mögliche Bedrohung der Demokratie hat die Brandbilanz für Verwirrung und Schrecken gesorgt. Allein in der Nähe Athens brannten bis zum Wochenende über 100 Häuser und fast 2000 Hektar Waldgebiet aus. Die Provinzen meldeten 60 000 Hektar Wald, 315 000 Olivenbäume, 40 000 Obstbäume als vernichtet.

Mit dem Mut eines Kindes, das im finsteren Keller pfeift, tönte die Oppositionszeitung »Eleftherotypia« ihrer besorgten Leserschar vor: »Die Pläne der Verbrecher werden scheitern. Ihr Werk würde nur im Pissoir der Geschichte einen Platz finden.«

S.88Garten des griechischen Oppositionsführers Papandreou; in der MittePapandreous Ehefrau Margaret.*

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