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Blaues Blut und Plastebecher

aus DER SPIEGEL 48/1996

Kammerherr Horst-Alexander Baron von Einsiedel-Syhra schaffte fünf Kanister Super bleifrei für das königliche Gefährt und drei Kränze mit den Hausschleifen der Wettiner nach Dresden - Vorboten für den höfischen Glanz, in dem die sächsische Residenzstadt wieder erstrahlen sollte.

Nach dem Vorauskommando beehrte am späten Nachmittag des 23. Dezember 1989 Seine Königliche Hoheit Maria Emanuel, Markgraf von Meißen und Herzog von Sachsen, nebst Gemahlin Anastasia-Louise von Anhalt die alte Heimat. Zuerst ging''s in die Hofkirche zu den Ahnen, dann ins Hotel Bellevue, wo schon die frühere Kanzlei des Sachsenkönigs Augusts des Starken für den hohen Besuch gerichtet war. Am Hauptmast des ehemaligen DDR-Interhotels wehte das Rautenbanner des alten Herrscherhauses Wettin.

Obwohl die Königsstraße noch nach dem Kommunisten Friedrich Engels hieß und das Schloß Wachwitz von der FDJ okkupiert war - an diesem Weihnachten 1989 war es schon fast wieder so schön wie früher, als Friedrich August III., der letzte sächsische König, seinen Enkel Maria Emanuel noch Emmelchen nannte.

Den kauzigen Wettiner-Sproß wunderte das nicht. Hatten sich doch in Dresden selbst hartgesottene Antimonarchisten dem Glanz des Adels nicht entziehen können. So gestand der alte Rotfrontkämpfer und DDR-Volkskammerpräsident Horst Sindermann seinem sächsischen Landsmann Herbert Wehner, daß er, als 1932 beim Trauerzug für den letzten Sachsenkönig der Sarg vorbeigetragen wurde, statt »Rabatz zu machen, ergriffen die Mütze abnahm«.

Folglich übte Dresden nach der Wende eine geradezu magische Anziehungskraft aus. Blaublüter aus allen deutschen Landen strebten Anfang der Neunziger in die ehemalige Residenzstadt. Der Reiz des barocken Flairs und die vage Aussicht, längst abgeschriebene Ländereien wieder in Besitz nehmen zu können, trieb die »Vons« in die östlichste deutsche Landeshauptstadt.

Banken, Anwaltskanzleien, Ministerien und »König Kurt« Biedenkopfs Staatskanzlei sind die bevorzugten Arbeitsstätten der Freiherren, Barone und Gräfinnen.

Im Büro des Ministerpräsidenten adelt Levin Trott zu Solz auch undankbare Fleißaufgaben.

Der persönliche Referent des Chefs hilft schon mal beim Austeilen von Autogrammpostkarten, wenn Biedenkopf den Bürger trifft. Ums Regierungszeremoniell kümmert sich Isabelle Freifrau von Twickel, und bei der Darstellung der Biedenkopfschen Sichtweise der Weltenläufte half bis vor kurzem eine Verwandte des württembergischen Fürsten von Waldburg-Zeil. Justizminister Steffen Heitmann kann auf einen Sprecher aus dem alten sächsischen Adelsgeschlecht derer von Stollberg zu Stollberg verweisen. Feiert der Regierungssprecher mit Ministerialen und Journalisten die nachrichtenarme Sommerpause, kredenzt Georg Prinz zur Lippe vom eigenen Meißner Wingert Müller-Thurgau und Elbling.

Das bourgeoise Dresden schmückt sich besonders gern mit solcher Noblesse. Notare, Immobilienhändler und Konditoreibesitzer suchen die Nähe zu Menschen von edlem Geblüt. »Vor Einladungen wildfremder Leute konnte ich mich am Anfang kaum retten«, sagt ein Graf aus altem sächsischen Geschlecht.

Will der Adel unter sich bleiben, feiert er standesgemäß wieder im Pillnitzer Lustschloß. In sich gehen die Blaublüter dann bei der sonntäglichen Halb-elf-Uhr-Messe in der barocken Hofkirche. Das sind dann auch die Gelegenheiten, wo Graf und Freifrau »entre nous« den alten Zeiten nachtrauern können, als sie nicht nur Titel, sondern auch Besitz im Sächsischen hatten.

Mancher mag dann die Chuzpe bewundern, mit der Viktor von Finkh auf einst enteigneten Besitz zurückgriff. Kaum war die Mauer gefallen, hat er sein Dresdner Anwesen instandbesetzt. Nach einem langwierigen Rechtsstreit verfügt er jetzt über einen ordentlichen Mietvertrag mit Kaufoption.

Den Nachfahren des sächsischen Königshauses geht es da schlechter. Als Prinz Albert, der jüngere Bruder von Maria Emanuel, die Rückgabe von Schloß Moritzburg forderte, erntete er bei der Dresdner Staatsregierung nur ein mildes Lächeln. Und selbst das vergleichsweise kleine und unbedeutende Schloß Wachwitz mag das republikanische Sachsen den Wettinern nicht kampflos geben.

Dabei suchen auch Dresdner Minister und Staatssekretäre die Nähe zum Adel. Als Maria Emanuel zum Empfang anläßlich seines 70. Geburtstags lud, machten auch Staatskanzleichef Günter Meyer und Justizminister Heitmann Honneurs, obwohl es, wie die Dresdner Morgenpost angewidert protokollierte, »statt Champagner in Kristallkelchen nur Müller- Thurgau aus Plastebechern« gab.

* Im Dresdner Stadtschloß.

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