Zur Ausgabe
Artikel 2 / 105
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Bleche, Nieten und Muttern«

Deutsche Flugzeug-Spezialisten machen die libysche Luftwaffe schlagkräftiger
aus DER SPIEGEL 3/1989

Die Herstellung von Giftgas in Rabita ist offenbar Teil eines umfassenden libyschen Plans zur Vernichtung des Erzfeindes Israel. Neben dem Aufbau einer eigenen C-Waffen-Produktion rüsten die Libyer derzeit ihre Luftwaffe um - mit dem Ziel, den Operationsradius ihrer Bomber bis zum 1500 Kilometer entfernten Jerusalem auszudehnen. Auch hierbei leisten bundesdeutsche Firmen entscheidende Entwicklungshilfe.

Nur knapp 70 Kilometer von Rabita entfernt, auf einem streng abgeschirmten Fliegerhorst vor der Hauptstadt Tripolis, sind deutsche Techniker seit über zwei Jahren damit beschäftigt, Hercules-Transporter der Libyer zu fliegenden Tankstellen umzubauen. Gleichzeitig rüsten sie französische Mirage-Jagdbomber und sowjetische MiG-Abfangjäger mit speziellen Vorrichtungen aus, damit die Libyer ihre Jets in der Luft auftanken und so bis Israel fliegen können.

Generalunternehmer für das geheime Militärprojekt im Wüstensand ist die Firma Intec Technical Trade und Logistik GmbH in Vaterstetten bei München. Eigentümer und Geschäftsführer von Intec ist der Ingenieur Eberhard F. Möhring. Möhring holte die deutschen Fachleute nach Libyen, konstruierte die nicht zum Betanken in der Luft vorgesehene MiG 23 entsprechend um, besorgte die nötigen Flugzeugteile und vergab Aufträge an Sub-Unternehmer.

Derzeit stehen zehn deutsche Flugzeug-Experten im Sold der Intec und damit von Gaddafi. Den größten Teil der deutschen Truppe stellen ehemalige Mitarbeiter der Firma Dornier in Oberpfaffenhofen bei München, auch zwei ehemalige Zeit-Soldaten der Bundesluftwaffe sind dabei.

Vom SPIEGEL nach dem Libyen-Auftrag befragt, leugnete Juniorchef Ingo Möhring jede Beteiligung der Vaterstettener Firma ab. Die Intec, so Möhring junior, habe »mit dem Bau von Flugzeugen in Libyen nichts zu tun«, dafür sei sie »viel zu klein«. Die Firma seines Vaters sei »ein reines Handelsunternehmen«. Mit Libyen habe die Intec nur einmal ein Geschäft gemacht: Vor einem Jahr seien »Bleche, Nieten und Muttern« geliefert worden. Im übrigen sei die Firma im vergangenen Jahr von den zuständigen Zollbehörden überprüft worden, die jedoch »nichts gefunden« hätten.

Die Behörden werden nun wohl noch einmal und diesmal etwas genauer prüfen müssen - und nicht nur in Vaterstetten. Außer der Firma Intec sind an dem Militärprojekt in Libyen weitere Firmen aus Bayern beteiligt - womöglich ohne es zu wissen. So lieferte das Münchner Ingenieurbüro Stietzel & Diedrich die Steuerungselektronik für den technisch anspruchsvollen Auftankvorgang in der Luft. Die Firma Josef Mühlbauer GmbH in Roding bei Regensburg steuerte mechanische Teile bei. Die Münchner Spedition Dachser schickte Bauteile wie Kabel, Röhren und Elektronik in Containern über den italienischen Hafen La Spezia nach Libyen.

Die Intec gab sich große Mühe, ihre libysche Connection vor den bundesdeutschen Behörden zu verbergen. Die Techniker haben keine Arbeitsverträge mit der Intec in Vaterstetten, sondern mit der Schwesterfirma CTTL in Liechtenstein; ihre Gehälter - zwischen 8000 und 15 000 Mark netto monatlich - werden auf Konten bei der Schweizerischen Kreditanstalt in Zürich überwiesen.

Wenn die deutschen Spezialisten ihre Chefs in Bayern anrufen, verwenden sie eine verschlüsselte Sprache. Fliegen die Deutschen in die Heimat, benützen sie zwei Tickets: das erste gilt für die Strecke von Tripolis nach Zürich, das zweite für die von Zürich nach München.

Offenbar kostet es viel Zeit, die Spuren zu verwischen sowie die strengen Geheimhaltungsvorschriften der Libyer zu beachten. In mehr als zwei Jahren haben die Deutschen erst eine Hercules, eine Mirage und eine MiG umgebaut. Die Libyer haben sich ein Dokumentationsvideo der Nato besorgt und üben mit den Deutschen seit einigen Monaten auf Flügen entlang der Küste zwischen Tripolis und Bengasi das Auftanken in der Luft. Bisher allerdings klappte das nicht so recht.

Für die ohnedies nicht gerade als besonders fähig bekannten libyschen Piloten ist die Hercules-Maschine wohl etwas zu langsam: Mit ihren vier Turboprop-Motoren schafft sie als Tankflugzeug nur eine Höchstgeschwindigkeit von gut 400 Stundenkilometern. Für das Auftankmanöver, das große fliegerische Präzision verlangt, müssen die Libyer ihre schnellen Düsenjäger so stark abbremsen, daß insbesondere die russische MiG gefährlich nahe an den Punkt herankommt, an dem die Luftströmung unter den Tragflächen abreißt und der Jet abzustürzen droht.

Dem Problem wollen Libyer und Deutsche jetzt grundsätzlich beikommen. Statt weiterer Hercules-Maschinen - wie ursprünglich vorgesehen - bauen die Männer aus Bayern jetzt eine Boeing 707 um, die Oberst Gaddafi von der Korean Air erworben hat. Die 707 ist nicht nur doppelt so schnell wie die Hercules. Sie kann auch statt 20 000 mehr als 30 000 Liter Flugbenzin mitführen und damit mehr Flugzeuge für den Einsatz gegen Israel auftanken.

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 105
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.