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KAPITULATION Blick zurück

Die wochenlangen Diskussionen in Bonn, wie der 8. Mai zu begehen sei, haben in Israel Kritik an der »Unbeholfenheit« der Deutschen hervorgerufen. Ein neuer Erlaß sorgt für weitere Spannungen. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Kein Mangel herrscht an wichtigen Politikern aus der westlichen Welt, die den Deutschen helfen wollen, am 8. Mai 1985 des 40. Jahrestages der Kapitulation zu gedenken; es mangelt allenfalls den Deutschen an Einfällen, wie sie selbst diesen Tag gestalten.

Noch ist nicht festgelegt, wo und wie US-Präsident Ronald Reagan, auf Staatsvisite in Westdeutschland, den Jahrestag des Zusammenbruchs respektive der Befreiung verbringen wird. Noch gibt es Pläne, daß womöglich auch Reagans wichtigster Verbündeter im Nahen Osten und politischer Repräsentant des von den Nazis nahezu eliminierten Judentums, der israelische Ministerpräsident Schimon Peres, am 8. Mai in der Bundesrepublik sein wird.

Spitzengenossen der israelischen Arbeiterpartei erwägen jedenfalls, ihren Vorsitzenden zu den Mai-Gedenkfeiern auf eine Veranstaltung der SPD nach Westdeutschland zu entsenden. Seine Anwesenheit könnte zwei Botschaften übermitteln: die Mahnung an die Deutschen, an jenem Tag nicht die sechs Millionen Juden zu vergessen, die dem Hitlerregime zum Opfer fielen. Und zugleich könnte Peres mit seiner Anwesenheit zukunftsorientiert auf die neugewachsenen Beziehungen zwischen Israel und Bonn hinweisen. Israelische Regierungsberater raten allerdings von der Reise ins Land des Holocaust ab. Als Premier könne Peres nur auf Einladung der Bonner Regierung fahren. Ein Auftritt an der Seite Willy Brandts müsse sonst zwangsläufig die Beziehungen der Regierung in Jerusalem zu den Konservativ-Liberalen am Rhein belasten.

Ein israelischer Diplomat nennt einen weiteren Grund: »Den Deutschen fällt es nicht leicht, auszudrücken, was der 8. Mai ist, weil sie sich nicht selbst befreit haben. Ich habe nicht das Gefühl, daß ein Besuch des israelischen Ministerpräsidenten es den Deutschen leichter macht.«

Auf dieser Linie liegen auch zahlreiche Äußerungen, mit denen Israelis die wochenlangen Diskussionen in Bonn um eine würdige Gedenkfeier kritisch kommentierten. So bedauerte vor mehr als tausend Zuhörern Ernst Ludwig Ehrlich, Europadirektor der einflußreichen karitativen B''nai-B''rith-Organisation, als Hauptredner einer Gedenkfeier des »Auschwitz-Komitees« zur 40jährigen Befreiung des Konzentrationslagers die deutsche »Unbeholfenheit, eine vernünftige und sachgemäße Einstellung zu diesem 8. Mai 1945 zu gewinnen«. Das sei jedoch »nur ein Symptom für ein viel tiefer liegendes Phänomen: den Versuch, das in den zwölf Jahren der Diktatur Erlebte auszulöschen, so zu behandeln, als sei eigentlich gar nichts geschehen, als sei keiner dabeigewesen«. _(Beim Widmungszeremoniell im ) _(Willy-Brandt-Wald. )

Ehrlich erinnerte damit an die Vorstellung, die Bundeskanzler Helmut Kohl und seine Gefolgschaft im Januar 1984 im Holocaust-Monument Jad Waschem in Jerusalem gegeben hatten. Dort zog Kohl sich schlicht darauf zurück, daß er damals zu jung gewesen sei, und fertigte die Israelis mit dem Hinweis ab: »Ich kenne unsere Geschichte.«

Peinlich, daß der deutsche Botschafter in Tel Aviv, Niels Hansen, eine Einladung des Auschwitz-Komitees absagte. Bitter kommentierte die frühere Bonner Korrespondentin Inge Deutschkron in der Zeitung »Maariv«, »die Deutschen glauben, sie könnten das Geschehene mit Geld übertünchen«.

Dieser durch die Gedenktage an die Hitlerei derzeit zusätzlich aufgeladenen Stimmung ist es zu einem guten Teil zuzuschreiben, daß die Diskussion um den Besuch einer Delegation der Grünen unter Leitung des Bundestagsabgeordneten Jürgen Reents immer noch anhält. Die Alternativen hatten kürzlich in Israel für die palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) Stellung bezogen. Sie stellten die Araber als »Opfer der Opfer« dar, als Opfer israelischer Verbrechen, begangen in einem Staat, der durch die Nazi-Verbrechen an Juden entstanden sei (siehe Seite 23).

Anders Willy Brandt. Der Beifall fiel stürmisch aus, als der SPD-Vorsitzende vorletzte Woche in der Universität von Haifa seine Maßstäbe für den Umgang zwischen Deutschen und Israelis denen von Kohl und Reents entgegensetzte.

Brandt an die Adresse von Kohl: »Ein Deutscher kann hier nie davon absehen, was an Fürchterlichkeiten mit dem Namen seines Landes anklingt. Eine vorgebliche Normalität unter diesen Voraussetzungen wäre am Ende wohl getarnte Brutalität.« Der SPD-Chef widersprach jenen, »die meinen, sie könnten von den speziellen Beziehungen zu Israel wegkommen, indem sie auf ihren Geburtstag verweisen«.

Brandt an die Adresse von Reents: Er warne »vor naseweisen Ableitungen aus den Fakten ... die sich sehr schnell zu Widersinnigkeiten oder gar Unanständigkeiten auswachsen«.

Brandt an Kohl und Reents: »Wer aus Deutschland hierherkommt, hat zu wissen, worum es sich handelt. Das gilt für den nicht mehr so jungen Antifaschisten, der vor Ihnen steht, nicht weniger als für jene, die zu jung sind, persönliche Schuld oder Mitverantwortung auf sich geladen zu haben.«

Trotz solcher Mahnungen und der Kritik in Israel zerschlägt die Regierung Kohl/Genscher bei der Vorbereitung auf den 8. Mai weiteres Porzellan.

Am 16. Januar verschickte das Bonner Auswärtige Amt an deutsche Auslandsvertretungen verschlüsselt einen sogenannten Drahterlaß »40. Jahrestag des Kriegsendes«. Lapidare Floskeln werden darin als Argumentationshilfen angedient. Beispiel: »Die Antwort auf die Gewaltherrschaft war die Errichtung unserer Demokratie, die wir täglich schützen und stärken wollen, und unser konsequentes Eintreten für die Menschenrechte und die gemeinsamen Wertvorstellungen der westlichen Welt.«

Bei solchem Schwulst dürfte es etwa Botschafter Hansen kaum gelingen, seine jüdischen Gesprächspartner für das Leitmotiv aller Veranstaltungen in der Bundesrepublik einzunehmen: »40 Jahre Frieden und Freiheit«.

Erläuternd heißt es dazu im Drahterlaß: »Dieses Leitmotiv umschließt den Blick zurück und die Handlungsanweisung nach vorn.« Der Blick reicht nicht bis zu den sechs Millionen getöteten Juden. Die Anweisung des Auswärtigen Amts spart auch die Erinnerung an jene 20 Millionen russischer Soldaten aus, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben ließen. Die Sowjet-Union kommt in dem Papier nur als Veranstalter einer »Revanchismus- und Revisionismuskampagne« vor, die sie »mindestens bis zum 8. Mai 1985 mit Heftigkeit fortsetzen und dabei die Erinnerung an das Kriegsende zur psychologischen Unterstützung nutzen wird«. Wenn Moskau an den »Großen Vaterländischen Krieg« erinnere, heißt es, so solle das »offenbar integrierend wirken und der Bevölkerung über die Enttäuschungen politischer und ökonomischer Rückschläge und den grauen Alltag hinweghelfen«.

In der abschließenden »Weisung« mahnt das Auswärtige Amt noch »besonderen Takt« an und bittet um Recherchen über alle im Ausland geplanten Veranstaltungen zum 8. Mai. Ausnahme: »In östlichen Ländern sollten Anfragen vermieden werden.«

Beim Widmungszeremoniell im Willy-Brandt-Wald.

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