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Blind für Wut und Freude

Jeder Zehnte kennt weder Glück noch Trauer. Nun durchleuchten Forscher die Hirne dieser Gefühlsblinden - und lösen dabei viele Rätselfragen: Wie merkt der Mensch, dass er gerade Hass empfindet? Welche Rolle spielt der Körper? Und warum sind Männer emotional weniger empfindsam?
aus DER SPIEGEL 49/2003

Gefühle? Thomas Jansen* starrt ins Leere, als suche er die Antwort an der Decke des kleinen Behandlungszimmers in der Düsseldorfer Psychosomatik-Ambulanz. »Nein, über meine Gefühle mache ich mir eigentlich nie Gedanken.«

Durch die dicken, vergrößernden Brillengläser sind seine Augen nur als ver- schwommene Flecken zu erkennen. Jansen ist 37 Jahre alt, Verwaltungsangestellter, verheiratet, zwei Kinder - und irgendetwas, so behaupten die anderen immer, stimmt mit seinen Gefühlen nicht.

Wolfgang Sitte soll nun herausfinden, was. Sitte ist Arzt am Institut für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Düsseldorf und sitzt Jansen gegenüber: »Können Sie mir vielleicht ein Beispiel nennen?«, bittet er seinen Patienten.

»Ein Beispiel?« Jansen sucht in der Luft nach Worten. »Nun, also es gab zum Beispiel mehrere Todesfälle in der Familie. Der Vater ist gestorben, die Oma und die Schwiegermutter. Und das war bei mir irgendwie anders als bei den anderen. Die anderen, also zum Beispiel meine Frau, die haben getrauert. Aber ich habe gar nichts gespürt.«

Jansen lächelt Hilfe suchend. »Beim Vater habe ich das seinerzeit noch darauf geschoben, dass da keine so gute Beziehung war«, fährt er vorsichtig fort. »Aber zur Oma und zur Schwiegermutter bestand eigentlich ein sehr inniges Verhältnis. Da haben mich dann alle für kalt und abgebrüht gehalten.« Ratlos sah Jansen zu, wie die anderen weinten.

Sitte war der Erste, der seinem Problem einen Namen gab: »Alexithymie"* - so nennt sich die Unfähigkeit, Gefühle bei sich und anderen wahrzunehmen und darüber zu sprechen. »Es handelt sich um eine Art Gefühlsblindheit«, erklärt Matthias Franz, Emotionsforscher in Düsseldorf und Sittes Chef. »Wenn diese Menschen versuchen, ihre Gefühle zu beschreiben, ist das ungefähr so, als redeten Blinde über Farben: Man spürt, dass ihnen die Sache grundsätzlich fremd ist.«

Das Phänomen ist verblüffend häufig. Es betrifft Arme wie Reiche, Junge wie Alte - und Männer deutlich häufiger als Frauen. Bei psychologischen Tests in Finnland erwiesen sich 13 Prozent aller 1200 Probanden als alexithym - unter den Frauen waren es 10, bei den Männern 17 Prozent.

Jeder, so offenbaren diese Zahlen, ist schon Alexithymen begegnet: vielleicht dem Ingenieur, der wie Walter Faber in Max Frischs Roman »Homo Faber« aus Überlebensstatistiken zitiert, wenn ein naher Verwandter im Sterben liegt; der Buch-

halterin, die in der Mittagspause über nichts anderes als Bilanzen fachsimpelt;

oder dem Informatiker, der seine Frau zur

Verzweiflung treibt, weil er nicht verstehen kann, dass es für sie nicht das Gleiche ist, ob er ihr Blumen schenkt oder nur das Geld, um sich welche zu kaufen.

Gerade die Lebenspartner leiden oft am meisten: »Ich erinnere mich an ein Seminar, das ich mal gehalten habe«, erzählt Michael von Rad, Professor für Psychosomatik an der Technischen Universität München und ein Pionier der Alexithymie-Forschung in Deutschland, »da fing plötzlich eine Frau an zu weinen. Als ich betroffen fragte, was denn passiert sei, sagte sie: ,Jetzt weiß ich, was mit meinem Mann los ist! Sie haben ihn gerade beschrieben.''«

Und auch Adeleid Krautschik, seit 44 Jahren Psychotherapeutin in Mühlheim an der Ruhr, erinnert sich: »Ich habe nur selten Alexithyme behandelt - aber ganz oft deren depressive Ehefrauen!«

Wohl kaum ein psychologisches Phänomen erschüttert die Basis menschlichen Miteinanders so grundlegend wie die Gefühlserblindung. »Denn jede Anteilnahme an unseren Mitmenschen«, so der amerikanische Traumatherapeut und Alexithymie-Forscher Henry Krystal, »gründet sich auf die Annahme, dass die emotionalen Reaktionen der anderen genauso funktionieren wie unsere eigenen.«

Daher ist die Verunsicherung groß, wenn die intuitive emotionale Verständigung dann plötzlich nicht mehr klappt. »Dieses Gefühl von Fremdheit, das einen befällt, wenn man mit Gefühlsblinden zu tun hat«, sagt Ulrike Forster, die als Psychiaterin am Marien-Hospital Euskirchen regelmäßig mit alexithymen Patienten arbeitet, »ist vielleicht ein bisschen so wie die tiefe Irritation, die man empfindet, wenn einem das Gefühlsleben des anderen Geschlechts plötzlich Rätsel aufgibt.«

Tatsächlich scheinen sich die Gefühlswelten von Mann und Frau grundlegend voneinander zu unterscheiden. Der britische Psychologe Simon Baron-Cohen etwa sorgte kürzlich für Aufsehen mit seiner These, schon bei Babys ließen sich geschlechtsspezifische Denkstile erkennen.

Frauen, so Baron-Cohan, zeichneten sich zumeist durch eine höhere Fähigkeit zur Empathie aus. Ihre »E-Hirne«, wie Baron-Cohan sie nennt, könnten deutlich besser die Regungen der Mitmenschen erkennen und deuten. Als typische Stärke der Männer hingegen bezeichnet Baron-Cohan das systematische Denken. Ihre »S-Hirne« seien im Durchschnitt den Frauen überlegen, sobald es um logische Schlussfolgerungen geht. Die Art, wie der britische Psychologe typisch männliches Denken beschreibt, erinnert dabei auffallend an jenen »technischen Denkstil«, den die Forscher als charakteristisches Merkmal der Alexithymen bezeichnen.

Baron-Cohan ist sich mit den Alexithymie-Forschern darin einig, dass es ein Fehler wäre, die auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Beziehungen so hinderliche Gefühlsblindheit ausschließlich als Manko zu betrachten. Mitunter könne sie sogar von Vorteil sein.

»Oft fallen die Alexithymen auf den ersten Blick gar nicht weiter auf«, erklärt Michael Huber, Neurologe und Psychoanalytiker am Institut für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität zu Köln. Im Bereich des kühlen Denkens funktionierten die Betroffenen mitunter sogar überdurchschnittlich gut. In vielen Berufen sei Alexithymie deshalb in unserer Industriegesellschaft eine durchaus erwünschte Eigenschaft.

»Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Patienten«, erzählt Huber, »der konnte über das, was er empfand, nur ganz, ganz langsam sprechen - so langsam, dass es kaum auszuhalten war. Aber auf der anderen Seite war er ein sehr tüchtiger und erfolgreicher Ingenieur.« Beruflich habe es den Mann offenbar ausgezeichnet, dass er seine Entscheidungen rein technisch begründet traf.

»Auf jeden Fall«, meint auch Hubers Kollegin, die psychologische Psychotherapeutin Claudia Subic-Wrana, »sollten wir

Alexithymie nicht als Krankheit betrachten. Sie ist eher so etwas wie ein Persönlichkeitsmerkmal, das mehr oder weniger stark ausgeprägt sein kann.«

Subic-Wrana hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Grad der Gefühlsverarmung mit den Mitteln der Wissenschaft zu vermessen. »Hier, sehen Sie«, sagt sie und zieht ein paar Ordner aus ihrem türkisgrünen Aktenschrank, »dies ist die Toronto-Alexithymie-Skala.«

Der Fragebogen, abgekürzt TAS-20, ist der weltweit am häufigsten verwendete Alexithymie-Test. Er besteht aus 20 Aussagen, zu denen sich die Testpersonen auf einer Skala von eins ("keineswegs zutreffend") bis fünf ("voll und ganz zutreffend") selbst einschätzen müssen. Zum Beispiel geht es um Sätze wie: »Mir ist oft unklar, welche Gefühle ich gerade habe«, oder »Ich weiß oft nicht, warum ich wütend bin«. Menschen oberhalb eines Wertes von 62 gelten als alexithym. Thomas Jansens TAS-Index lag bei 69.

»Allerdings«, räumt Subic-Wrana ein, »gibt es mit diesem Test auch eine ganze Reihe von Problemen. Zum Beispiel könnte es sein, dass hochgradig alexithyme Menschen die Fragen gar nicht wirklich verstehen.« Deshalb versucht es die Psychotherapeutin inzwischen auch mit anderen Tests, die nicht auf einer Selbsteinschätzung beruhen. Zum Beispiel mit dem von dem US-Psychologen Richard Lane entwickelten LEAS-Test, bei dem es darum geht, sich in verschiedene soziale Situationen hineinzufühlen (siehe Kasten Seite 193). Schon über 350 Studenten und fast 400 Patienten hat Subic-Wrana mit den verschiedenen Verfahren untersucht.

Subic-Wranas Arbeit ist Teil eines neuen Booms der Alexithymie-Forschung. Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen - Psychologen, Therapeuten, Neurologen wie auch Hirnforscher - wollen das Leiden der Gefühlsblinden ergründen. Sie versprechen sich davon noch mehr, als nur den Alexithymen helfen zu können: Das Verständnis dieses Phänomens eröffnet ganz neue Wege, eine Welt wissenschaftlich zu begreifen, die bisher von vielen Hirnforschern beflissen gemieden wurde: die intime Welt der Gefühle.

In den Augen der Forscher haftete dem Thema lange Zeit etwas allzu Subjektives an, als dass sie sich ihm mit den objektiven Mitteln der Wissenschaft hätten nähern wollen. Erst in den letzten Jahren, meint der Hirn- und Gefühlsforscher Antonio Damasio, habe sich »quasi über Nacht« gezeigt, dass die systematische Erkundung der Emotionen tatsächlich möglich ist: »Gar keine Frage: Gefühle sind derzeit eines der heißesten Themen der Neurowissenschaft« (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 200).

»Da geht im Moment eine Tür auf«, schwärmt auch Harald Gündel, Alexithymie-Forscher und Arzt am Institut für Psychosomatik und Psychotherapie der Technischen Universität München. »Wir bekommen Einblicke in ganz neue Zusammenhänge.« Einige der Grundfragen über das Rätsel der Emotionen scheinen sich mit Hilfe der Alexithymie-Forschung beantworten zu lassen:

* Wie erkennt der Mensch, dass er gerade Angst, Wut oder Freude empfindet?

* Ist die Fähigkeit, diese Gefühle zu empfinden, angeboren, oder muss sie erst erlernt werden?

* Warum gehen viele Emotionen mit körperlichen Empfindungen - Herzklopfen, Bauchgrimmen, Haaresträuben - einher?

* Verarbeiten Männer Gefühle weniger intensiv oder doch zumindest anders als Frauen?

* Wie wichtig ist dabei das Zusammenspiel der rechten (oft »emotional« genannten) und der linken (angeblich »rationalen") Hirnhälfte?

Schon in den vierziger Jahren wurden erstmals Patienten beschrieben, die verstummten, sobald es um Gefühle ging. In der sich rasch entwickelnden Psychoanalyse-Szene galten sie als besonders schwer therapierbar.

Der Begriff Alexithymie kam dann Anfang der siebziger Jahre auf - und sorgte sogleich in einem verblüffenden Zusammenhang für Debatten: An der University of California in Los Angeles wurden damals so genannte Split-Brain-Patienten untersucht, Epileptiker, bei denen Chirurgen die Verbindung zwischen rechter und linker Hirnhälfte durchtrennt hatten. Die Epilepsie ließ sich so lindern, doch hatte die Hirnspaltung zu einer Reihe subtiler Verhaltensänderungen geführt - unter anderem fielen die Split-Brain-Patienten nach der Operation durch einen ausgeprägt »technischen Denkstil« auf.

Hatte der Schnitt, so spekulierten die Forscher, womöglich den Gefühlssinn der Epileptiker erblinden lassen? Könnte es sich umgekehrt bei der Alexithymie um eine Art funktionelle Durchtrennung der Verbindung zwischen Rechts- und Linkshirn handeln? Heftig wurde über diese Fragen gestritten. Dann blieben sie 20 Jahre lang weitgehend unbeachtet liegen. »Damals«, so Huber, »fehlten einfach die technischen Möglichkeiten, Antworten darauf zu finden.«

Erst in den letzten Jahren erwachte das Interesse der Hirnforscher erneut. Denn nun erlauben es Verfahren wie die Positronenemissionstomografie (PET), die funktionelle Kernspintomografie und verbesserte Geräte zur Messung der Hirnströme (EEG), das Gehirn beim Denken und Fühlen zu beobachten.

Genau das ist die Absicht von Matthias Franz und seinen Mitarbeitern in Düsseldorf. In dem winzigen Versuchskämmerlein herrscht gedrängte Enge, während Franz'' Mitarbeiter Sitte dem 18. Testpatienten das EEG-Gerät anlegt. Der junge Mann ist Informatikstudent. Sein TAS-Wert: 64 - eindeutig alexithym also.

128 Elektroden muss Sitte mit Hilfe einer Art durchlöcherten Badekappe am Kopf des Mannes befestigen - fast eine Stunde dauert die mühsame Prozedur. »P9«, sagt Sitte, »P1«, »X47«. Die monoton heruntergeleierten Codes teilen der assistierenden Studentin mit, an welcher Stelle sie jedes der Elektrodenkabel ins EEG-Gerät stecken muss.

Plötzlich lacht die junge Frau auf: »Das ist ja wie beim Friseur hier«, sagt sie mit flirtendem Unterton. »Ja«, sagt der Proband nach einer längeren Pause. »Ja. Also, ich habe mir auch überlegt, ob ich nicht vorher noch mal zum Friseur hätte gehen sollen. Vielleicht wäre das besser gewesen mit den Elektroden hier.«

Wie unbeholfen er in der Welt der Emotionen umhertappt, zeigt sich auch, als Sitte mit dem Versuch beginnt. Der Mann soll Gesichter auf einem Bildschirm bewerten: Sieht er darin Wut, Angst oder Trauer? »Neutral«, urteilt der junge Mann über ein wutentbranntes Männergesicht. »Trauer«, glaubt er bei einer Frau zu entdecken, die gelangweilt in die Kamera blickt. Oft sagt er auch gar nichts. Nur die weit aufgerissenen Augen der ängstlich blickenden Gesichter kann er relativ zuverlässig deuten.

Fasziniert beobachtet Sitte das Geschehen auf dem Fernsehmonitor im Nebenzimmer: »Man hat fast den Eindruck, dass der Mann irgendwann einmal kognitiv gelernt hat: ,Weit aufgerissene Augen bedeuten Angst.''«

Im Alltag geht die Unfähigkeit, das Befinden der Mitmenschen zu erkennen, mit enormen Problemen einher. Viele der Betroffenen verhalten sich überangepasst, um es nur ja jedem recht zu machen. Fast alle stehen dauerhaft unter Anspannung. Im Blut der scheinbar so gemütsarmen Menschen zirkulieren dann ständig erhöhte Mengen von Stresshormonen - und das hat durchaus handfeste Folgen: Viele Alexithyme leiden an chronischen Schmerzzuständen, erhöhtem Blutdruck oder anderen stressbedingten Krankheiten. Und die Lebenserwartung von Alexithymen, so eine Studie, ist merklich verkürzt.

Auch Jansen kennt den lästigen Dauerstress nur allzu gut. »Ich habe zum Beispiel Probleme, Menschen anzusprechen«, sagt er im Gespräch mit Sitte. »Ich schaffe das einfach nicht. Ich weiß dann nicht, was ich sagen soll.«

Sitte nickt. »Kennen Sie denn nonverbale Hinweise, mit denen die anderen signalisieren, dass sie offen sind für ein Gespräch?«, will er wissen.

Jansen überlegt. »Rein theoretisch schon!«, sagt er schließlich. »Aber ich bemerke sie nicht.« Plötzlich wird er fast schon lebhaft: »Das ist genauso wie mit einer anderen Sache: Meine Frau sagt immer, dass sich andere Frauen für mich interessieren. Aber ich kriege das gar nicht mit.«

»Aha. - Und woran merkt Ihre Frau das denn?«

Jansen seufzt und starrt ins Leere. Dann breitet sich plötzlich ein Lächeln in seinem Gesicht aus. »Das werden wohl diese nonverbalen Hinweise sein!«

Keine Frage, Jansen ist intelligent. »Das hilft ihm, sein Defizit zu überbrücken«, sagt Sitte. Doch reichen tut es leider nicht.

Denn Menschen kommunizieren auf äußerst komplexe Weise. Und die sprachliche Übermittlung von bloßen Fakten macht dabei nur den geringsten Teil aus. Weit mehr Information - zumeist emotionalen Inhalts - ist in Mimik, Tonfall, Körperhaltung oder Gestik versteckt. Wer für all diese Signale blind ist, fühlt sich ständig wie ein Taubstummer beim Kaffeeklatsch.

Zugleich dienen die Gefühle dem Menschen als extrem wirksames Instrument der Entscheidungsfindung. Längst ehe der Verstand sein Urteil gefällt hat, weiß ein Mensch bereits, ob er ein neues Gesicht sympathisch, eine Bitte unverschämt oder einen Arzt vertrauenswürdig findet: Binnen Sekundenbruchteilen vermag der Gefühlsapparat eine neue Situation zu bewerten. Wem diese prompte Entscheidungshilfe fehlt, der steht oft hilf- und orientierungslos vor neuen Herausforderungen.

Doch was verstellt Alexithymen nun den Zugang zur Gefühlswelt? Wie kommt es, dass sie im reinen Denken ganz normal funktionieren, aber plötzlich »blind« sind, wenn es um Gefühle geht?

In einem ersten EEG-Versuch, in dem sie die Verarbeitung von emotionalen Informationen bei normal empfindenden und stark alexithymen Menschen verglichen, fanden Franz und seine Mitarbeiter eine erste Antwort - und mussten gleich eine ihrer zentralen Grundannahmen über den Haufen werfen.

»Wir haben zu lange an eine einfache Defizittheorie geglaubt«, sagt Franz. »Viele Forscher dachten, dass diesen Patienten etwas fehlt - vielleicht eine ausreichende Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften, vielleicht auch etwas anderes - und dass deshalb ihre Gehirne Gefühle erst gar nicht richtig registrieren. Aber dann haben unsere Experimente gezeigt: Diese Leute bekommen durchaus mit: ,Jetzt ist Gefühl im Spiel!''«

Franz und seine Mitarbeiter hatten den Versuchspersonen, die an das EEG-Gerät angeschlossen waren, Bilder emotional aufgeladener Szenen und Gesichter vorgelegt.

Als die Wissenschaftler dann die EEG-Kurven auswerteten, trauten sie ihren Augen kaum: Die Hirnströme der Gefühlsblinden zeigten nach zwei bis drei zehntel Sekunden heftige Ausschläge - heftigere sogar als die der Kontrollgruppe. »Es scheint also«, erklärt Franz, »als würden alexithyme Gehirne emotionale Eindrücke durchaus registrieren - aber sie blocken die emotionale Verarbeitung dann in einem sehr frühen Stadium aktiv ab.«

Genau darauf deuten auch aktuelle Untersuchungsergebnisse des Kölner Hirnforschers Huber hin, die er gemeinsam mit Kollegen von der Neurologischen Universitätsklinik Köln erarbeitete. Huber und die anderen Forscher hatten in einem ähnlichen Versuch die Vorgänge im Hirn ihrer Patienten nicht mit dem EEG, sondern im PET untersucht, einem bildgebenden Verfahren, mit dem sich viel genauer verfolgen lässt, welche Regionen im Hirn während eines Experiments gerade aktiv sind.

»Wir hätten nicht gedacht, dass wir ein so klares Ergebnis bekommen würden«, staunt Huber. Die Versuchspersonen sollten sich während der Untersuchung an zuvor genau definierte emotionale Schlüsselsituationen aus ihrem Leben erinnern.

Erwartungsgemäß war dabei das limbische System, das wichtigste Zentrum der

Gefühlsverarbeitung, bei den normal empfindenden Versuchspersonen hoch aktiv. Bei den Alexithymen hingegen blieb es stumm. Stattdessen jedoch regte sich bei diesen eine ganz andere Region. Sie liegt im linken Frontalhirn und ist bei Tieren dafür zuständig, Gefühle zu unterdrücken - etwa die Angst, wenn eine Gefahr gebannt ist, oder die Angriffslust, wenn die Beute entkommen ist. Auch bei Menschen, so viel ist bekannt, dient sie der Impulskontrolle.

Die Schlussfolgerung scheint Huber eindeutig: »Sobald es um Emotionen geht, kommt es bei Alexithymen zu einer massiven Hemmung.«

Psychoanalytiker lässt dieser Befund frohlocken. Denn er bestätigt ihre Theorie, dass die Gefühlsblindheit nicht durch die Abwesenheit, sondern durch eine Unterdrückung der Emotionalität entsteht - möglicherweise auf Grund schlechter Erfahrungen in der Kindheit. »Klar freue ich mich da als Analytiker«, sagt Huber. »Schließlich könnten diese Ergebnisse durchaus dafür sprechen, dass die Alexithymie nicht angeboren ist, sondern - vermutlich meist schon früh im Leben - erworben wird.«

Die Erfahrungen von Thomas Jansen scheinen diese Theorie zu stützen: »Also das Weinen«, sagt er, »das hat mir mein Vater ausgetrieben.«

Jansens Eltern waren beide Alkoholiker. Als er geboren wurde, war seine Mutter 16 Jahre alt. Als er 11 war, ging sie für immer. Seither lebte Jansen bei seiner Oma. Nur die Wochenenden musste er bei seinem Vater verbringen. »Da habe ich immer geheult und geschrien«, erzählt er seinem Therapeuten Sitte. »Und der Vater hat gesagt: Hör das blöde Heulen auf!«

»Und dadurch glauben Sie, sind Ihre Probleme mit Gefühlen entstanden?«

Jansen blickt durch seine dicken Brillengläser. »Ich selbst kann es nicht richtig erklären«, sagt er, »bei mir ist es so: In Bezug auf Vater und Mutter - da ist keine Wut, kein Hass, keine negativen Sachen, und auch so ein Gefühl wie Liebe habe ich nicht.«

Vieles spricht dafür, dass Alexithymie als eine Art Panzer dienen könnte, mit dem sich ein Mensch nach allzu schlimmen Erfahrungen umschließt. »Es gibt einfach Grenzen«, so der Traumaforscher Krystal, »was ein einzelner Mensch ertragen kann.« Krystal stellte fest, dass auch Kriegsveteranen und Holocaust-Überlebende, die am posttraumatischen Stresssyndrom leiden, sehr häufig alexithym sind. Subic-Wrana meint sogar beobachtet zu haben, dass Eltern mitunter ihre Alexithymie an ihre Kinder weitergeben: »Bei meinen Patienten habe ich oft den Eindruck, dass auf diese Weise das Leid der Kriegsgeneration noch immer bis tief in unsere Gesellschaft ausstrahlt.«

Andere Forscher berichten, dass Soldaten auf dem Schlachtfeld unter dem extremen Druck der Todesgefahr auch vorübergehend ihre Gefühle ausschalten können - um als Gefühlsblinde auf Zeit in dieser Extremsituation einen klaren Kopf behalten zu können. Und auch dass Kindersoldaten offenbar ohne jede emotionale Regung unvorstellbare Gräueltaten begehen können, lässt sich möglicherweise damit erklären, dass die ersten Brutalitäten, zu denen sie gezwungen wurden, sie alexithym gemacht haben. »Bei Kindern«, so Huber, »wirken sich solche Traumata sogar noch viel schlimmer aus als bei Erwachsenen, weil das Gehirn von Kindern noch eine viel höhere Plastizität aufweist.«

Neben einer schwierigen Kindheit oder einem Trauma, so Huber, seien aber auch ganz andere Ursachen der Alexithymie denkbar: »Es könnten auch genetische Faktoren daran beteiligt sein«, erklärt er. »Darüber sagen unsere PET-Bilder nichts aus.« Tatsächlich gibt es Zwillingsstudien, die auf eine Beteiligung der Gene an der Entstehung der Gefühlskälte hinweisen.

Vorerst aber beschäftigt den Kölner Forscher ein ganz anderer Befund: Huber stellte fest, dass der Vergleich von Gefühlsblinden und Split-Brain-Patienten durchaus seine Berechtigung hatte: Er fand bei den alexithymen Versuchspersonen tatsächlich einen verminderten Austausch von linker und rechter Hirnhälfte. »Noch haben wir keine Ahnung, was das bedeutet«, gesteht Huber. »Wir wissen noch viel zu wenig über das Zusammenspiel zwischen den Gehirnhälften.«

Zumindest eine Fährte aber mutet interessant an: Seit langem ist den Neuroanatomen bekannt, dass die Hirnhälften im weiblichen Hirn im Durchschnitt reger miteinander plaudern als im männlichen Pendant. Lässt sich demnach - obwohl es natürlich durchaus auch gefühlsblinde Frauen gibt - das Hirn des Alexithymen als Extremform des Männlichen deuten? Ist der seine Frau zur Verzweiflung treibende Gefühlsblinde gleichsam ein Super-Mann? Der Psychologe Baron-Cohan zumindest hält dies für durchaus denkbar. Das extreme S-Hirn, so seine These, zeichne sich durch völlige Abwesenheit aller Empathie aus. Gefühle sind ihm unbekannt.

Noch allerdings sind solche Theorien sehr spekulativ. Wie eng emotionale Empfindsamkeit und Geschlecht aneinander gekoppelt sind, ist unter den Psychologen höchst umstritten.

Immerhin gibt es jedoch noch einen anderen im Alltag auffälligen Unterschied zwischen Männern und Frauen, der möglicherweise auch bei der Alexithymie eine Rolle spielen könnte - auch wenn der Zusammenhang zunächst recht überraschend scheinen mag: die Tatsache, dass Frauen weitaus sorgfältiger auf ihren Körper achten als Männer.

Offenbar gibt es eine ganze Reihe von Regionen im Gehirn, zum Beispiel die so genannte Insula, in denen sich der Mensch ständig ein Bild seiner Selbst macht: Signale aus allen Teilen des Organismus laufen hier zusammen, um sich zu einer Art Karte des Körpers zusammenzusetzen. Und eben diese Karte spielt eine zentrale Rolle in einer modernen Gefühlstheorie, die besonders der Hirnforscher Damasio populär gemacht hat.

Gefühle gleichen dieser Hypothese zufolge einem Sinnesorgan, mit dessen Hilfe das Gehirn seinen eigenen Körper wahrnimmt: So wie der Sehkortex im Hinterkopf die Reize der Netzhaut verarbeitet, so registrieren demnach Hirnregionen wie die Insula die Daten aus dem Körper und errechnen daraus seine jeweilige Befindlichkeit. Und so wie dann die visuellen Daten in Gestalt von Bildern ins Bewusstsein gelangen, so empfindet der Mensch die Daten über seinen eigenen Körper als Wut, Angst oder Traurigkeit, wenn sie im Gefühlszentrum, dem limbischen System, verarbeitet und an den Gefühlskortex, der für die bewusste Wahrnehmung zuständig ist, weitergeleitet worden sind (siehe Grafik Seite 190).

Eine bemerkenswerte Beobachtung bei Alexithymen scheint diese Theorie zu stützen: Statt mit Gefühlen reagieren sie oft mit körperlichen Empfindungen auf Stress oder emotionale Belastung. Vor der Prüfung haben sie Bauchschmerzen statt Angst; und wenn sie betrogen werden, empfinden sie nicht Wut, sondern Schwindelgefühle - oft so stark, dass sie wegen dieser Beschwerden den Arzt aufsuchen.

»Einer meiner Patienten war zum Beispiel geradezu besessen von seinem Herzen«, erzählt Claudia Subic-Wrana. Mehrmals habe der Mann sich in eine Notfallambulanz einliefern lassen, weil er überzeugt war, einen Herzinfarkt erlitten zu haben. Als die Ärzte nichts feststellen konnten und ihn irgendwann nicht mehr behandeln wollten, campierte er vor der Klinik in seinem Auto. Nur äußerst widerstrebend willigte er schließlich ein, sich in einer psychosomatischen Station behandeln zu lassen.

»Der Mann war ein Ex-Bodyguard«, fährt Subic-Wrana fort. »Bullig, wie er war, wirkte er auf mich, als sei er ständig kurz davor, einen Wutanfall zu bekommen. Aber er sagte immer nur: ,Es gibt keine Probleme, alles okay. Nur mein Herz, mit dem stimmt etwas nicht.''«

Dabei hatte der Mann eigentlich allen Grund, wütend zu sein: Denn, so erfuhr Subic-Wrana nach und nach, er hatte sich offenbar beim Kauf eines Hauses von einer Verwandten übers Ohr hauen lassen. Jetzt musste er an die unausstehliche Person eine horrende Leibrente zahlen - obwohl er selbst nur im Souterrain des Hauses wohnen durfte, während sie es sich über ihm bequem machte.

»Ich denke, eigentlich ärgerte der Mann sich schwarz!«, vermutet Subic-Wrana. »Aber dass das, was ihm das Herz einschnürte, in Wirklichkeit Wut sein könnte, wollte ihm überhaupt nicht in den Kopf.«

Andere Alexithyme haben Schwindelanfälle, Rückenschmerzen, Hautausschläge oder unerklärliche Schmerzen am ganzen Körper. Nicht selten rennen sie von Arzt zu Arzt, unterziehen sich einer wirkungslosen Behandlung nach der anderen und lassen sich oft sogar operieren - bis sie schließlich als Simulanten verlacht werden oder schlicht als verrückt gelten.

Dabei bietet Damasios Theorie durchaus eine Erklärung, wie die rätselhaften körperlichen Beschwerden bei Alexithymen zu Stande kommen könnten: Ist es nicht möglich, dass sie, gerade weil sie die Gefühlsinformationen aus dem Körper vermutlich nicht bis ins limbische System vorlassen, diese direkt als im Körper liegend wahrnehmen?

Bei kleinen Kindern jedenfalls lässt sich dieses Phänomen sehr häufig beobachten: Dreijährige klagen in für sie unbehaglichen Situationen fast immer erst einmal über Bauchschmerzen. Erst Schritt um Schritt lernen sie, ihre Gefühle auch als solche zu erkennen. Und selbst bei Erwachsenen kommt es immer wieder zu »Kurzschlussreaktionen« zwischen Gefühl und Körper - typisch ist es zum Beispiel, vor einer Prüfung, statt Angst zu haben, Durchfall zu bekommen.

Einige Gefühlsforscher vermuten bereits, dass Alexithyme einfach nie gelernt haben, ihre Körpersignale als Gefühle zu deuten. Der Münchner Alexithymie-Experte Gündel etwa ist davon überzeugt: »Das ist wie mit Weinkennern«, sagt er, »um gut zu werden, muss man viel üben und viel Rückmeldung bekommen. Wenn das die Eltern nicht leisten, wenn sie also ihrem Kind nicht erklären, dass seine Bauchschmerzen wahrscheinlich eher Ausdruck von Angst oder Wut sind, lernt das Kind es später nie mehr, jedenfalls nicht von selbst.«

Durch diese Erkenntnisse hat sich in den letzten Jahren auch die Therapie von Gefühlsblinden dramatisch gewandelt. Lange Zeit galten Alexithyme als schwer oder sogar untherapierbar. »Inzwischen jedoch«, so Subic-Wrana, »wissen wir, dass wir unsere Behandlungstechnik auf diese Patienten abstellen müssen.« Statt sich wie bei einer klassischen Psychoanalyse als Therapeut bewusst zurückzunehmen und darauf zu warten, dass der Patient von sich aus Gefühle und Phantasien produziert, so Subic-Wrana, »müssen wir selbst viel aktiver werden.«

Durch ständige Rückmeldung vom Therapeuten oder auch einer Therapiegruppe, erklärt Gündel, müssten Alexithyme Schritt für Schritt lernen, ihre Körperempfindungen als Gefühle zu deuten, und langsam begreifen, dass Gefühle zu haben nichts Schlimmes ist. »Das ist möglich«, beteuert Gündel, »aber es dauert einige Zeit.«

Thomas Jansen will es jetzt versuchen. Vor allem die Probleme, die er mit seiner Frau hat, motivieren ihn. »Am wohlsten fühle ich mich zu Hause bei der Familie«, sagt er und holt tief Luft: »Und damit das auch so bleibt, will ich jetzt daran arbeiten rauszufinden, was genau mit mir los ist.« VERONIKA HACKENBROCH

Eine Sprache für alle Menschen

Die effektivste Form, Gefühle anderen mitzuteilen, ist der Gesichtsausdruck. Über 50 Muskeln, deren Zusammenspiel millimetergenau aufeinander abgestimmt ist, erlauben Mund, Wangen, Augen, Stirn und Brauen eine einzigartige Feinheit des Ausdrucks. Dabei sprechen alle Menschen, was ihre Mimik angeht, weltweit dieselbe Sprache - zumindest bei den sechs Grundemotionen: Freude, Wut, Angst, Trauer, Überraschung und Ekel. Selbst Ureinwohner von Neuguinea, die nie zuvor mit der westlichen Zivilisation in Kontakt gekommen waren, konnten Freude und Trauer in den Gesichtern westlicher Menschen ebenso zuverlässig lesen wie in denen ihrer Nachbarn - und umgekehrt. Schon Kinder ab fünf Jahren sind im Deuten der Mimik genauso sicher wie Erwachsene.

* Name von der Redaktion geändert.* Aus dem Griechischen: a = nicht; lexis = das Lesen, die Rede;thymos = das Gemüt.* Psychosomatiker Sitte bringt die Elektroden an; Kontrolle derKontakte; Sitte und Projektleiter Franz befüllen die Elektroden mitKontaktgel; Franz erklärt dem Probanden das Experiment, auf demMonitor sichtbar ein Porträt mit wütendem Gesichtsausdruck.* Sam Shepard und Julie Delpy in »Homo Faber« (1991).

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