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FILM Blinder Eifer

»Kaltgestellt«. Spielfilm von Bernhard Sinkel. Deutschland 1980. Farbe; 90 Minuten.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 14/1981

Wenn es Nacht wird in Berlin, treiben sich in Alleen und Parks Typen in schlappen Regenmänteln herum, den Hut tief in die Stirn gezogen, und machen sich an Berufsschüler oder Gymnasiasten heran.

Das sind, als schlichte Sittenstrolche getarnt, Hiwis vom Verfassungsschutz, und sie treffen sich da konspirativ mit Schüler-Spitzeln, die im minderjährigen Vorfeld des Terrorismus für ein paar Mark Aufklärungsarbeit leisten. Gerade in Berlin, das weiß man doch, stehen schon die Gören in den Kinderläden nicht vollinhaltlich auf dem Grundgesetz -- also wehret den Anfängen!

Wenn sich aber mal so ein Schüler-Spitzel erhängt, aus Schande, weil ihn seine Kameraden enttarnt haben, dann ist der Pudding schwer am Dampfen. Der Schulsenator scheißt einen Sechzehnender vom Verfassungsschutz an, doch gottlob kann der beschwören, daß kein Beamter seines Dienstes je Schulkinder in die Mangel genommen habe. (Damit lügt er nicht einmal, denn zu dieser Drecksarbeit lassen sich abgewrackte Ganoven erpressen, die sich ansonsten nur noch zittrig Underberg um Underberg in den Hals kippen können.) Und so, gottlob, kann der Schulsenator alles dementieren.

Doch dann soll ein Lehrer, genau der, den schon das Tagebuch des Selbstmörders aus seiner demokratischen Ruhe gerissen hat, zu Händen des Verfassungsschutzes seine Schüler Aufsätze über politisch brisante Themen schreiben lassen -- wer da nicht durchdreht, ist kein deutscher Lehrer.

Nicht, daß er gleich zur Bombe greift. Doch er will tollwütig den ganzen Schmutz an die Öffentlichkeit bringen -- und da muß schon eine verfassungstreue höhere Fügung nachhelfen, damit ein paar von den Herren mit den tief in die Stirn gezogenen Hüten diesen Amokläufer »irrtümlich« abknallen können, bevor es zur Stunde der Wahrheit kommt.

Die Filmförderungsanstalt hat eine Verleih-Unterstützung für diesen Film abgelehnt, weil er deutsche oder Berliner Realitäten allzu »verzerrend« darstelle; sie muß es ja wissen. Sehr verspätet kommt nun Bernhard Sinkels »Kaltgestellt« doch in die Kinos: Traum eines zupackenden, couragiert engagierten »politischen Films«, Wirklichkeit eines rhetorischen Marathons, der mit bestem Willen und edelsten Absichten in den Orkus geht.

Mit der Pyrotechnik eines aufgeputschten Polit-Thrillers müsse aus der schwammigen Alltäglichkeit von »Sympathisantenschnüffelei« und »Berufsverbot« heißes Kinofeuer zu schlagen sein, mag sich Sinkel gedacht haben; doch sein heilig-blinder Eifer hat nur ein Bild zustande gebracht, vor dessen Drastik die Realität beschämt erbleichen muß.

Der Held, Helmut Griem, unser schönster Reserve-Redford und immer noch bester Marquis Posa aller Klassen, darf kein großes Wort unausgesprochen lassen. Doch das ganze edle Empörungs-Pathos verdampft wirkungslos auf der Leinwand, daß keiner, der davor sitzt, auch nur den Kaugummi aus dem Mund zu nehmen braucht.

Urs Jenny

S.258Helmut Griem und Angela Molina.*

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