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UNTERNEHMEN / MELITTA-WERKE Block und Blei

aus DER SPIEGEL 39/1970

Diesem feudalistischen Potentaten«, schimpfte der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der IG Druck und Papier, Fritz Gent, »werden wir jetzt mit allen Mitteln die Hölle heißmachen.«

Gents Kampfansage gilt dem Inhaber der Mindener Melitta-Werke, Horst Bentz, 66. Denn Bentz befehligt seine 8500 Beschäftigten mit Strenge und Pedanterie -- fast wie ein Fabrikherr des 19. Jahrhunderts.

In seiner Organisationsfibel »Block und Blei«, Ausgabe Mai 1970 (Bentz: »Ich verlange, daß alle Mitarbeiter »Block und Blei« restlos beherrschen und danach handeln"), schreibt er seinen Arbeitnehmern jeden Handgriff, den sie tun dürfen, genau vor. So gebietet er etwa, wie der Tischkalender zu behandeln sei: »Jeden Morgen, bei Beginn der Arbeit, wird in der Spalte Datum der vergangene Tag kräftig diagonal von unten links nach oben rechts durchgestrichen, so daß wir immer wissen, welches Datum wir heute haben.«

Bentz organisiert selbst noch die Schreibtischplatte seiner Angestellten: »Während der Arbeit«, so heißt es in »Block und Blei«, »liegt auf dem Tisch nur der jeweils bearbeitete Vorgang -- dazu kommen die Werkzeuge und höchstens noch eine Blumenvase, vielleicht noch ein Bild.«

Betriebsneulinge erfahren aus der Bentz-Bibel, die ihnen am ersten Tag überreicht wird, daß ihre »Personenangaben, die Tätigkeit und das Verhalten im Betrieb in allen Einzelheiten in einer Kartei festgehalten sind«.

* Neben einer Bronzebüste seiner Mutter Melitta Bentz. die 1908 die Filtertüte erfand.

Auf Seite 56 seines Werkes verrät der Filter-Fabrikant schließlich noch, daß ihm in seinem Hause nichts entgeht: »Wie alles, überwachen wir auch das Telephonieren. Es geschieht durch Mithörer, die an einigen Plätzen der Geschäftsleitung angebracht sind.« Bedenken gegen den Horchdienst räumt der herrische Melitta-80ß ganz einfach aus: »Vorurteile hiergegen sind vollkommen unberechtigt.«

Neben den Anweisungen in »Block und Blei« (Bentz: »Die Urzelle unserer Organisation") haben die Bentz-Beschäftigten sich strengstens an die Melitta-Arbeitsordnung zu halten. Nach Paragraph neun dieses Papiers wird fristlos entlassen, wer gegen das Rauchverbot am Arbeitsplatz verstößt, das der Fabrikherr über alle Arbeitnehmer, auch die Büroangestellten. verhängt hat.

Der »große Bruder« (Bentz im Werksjargon) wünscht sich seine Mitarbeiter als Untergebene, die »nichts eigenmächtig ändern oder weglassen und nichts neu einführen«. Nach diesen Regeln kommandiert Bentz heute ein Firmenimperium, zu dem neben 22 Fabriken und Niederlassungen auch die Kaffeerösterei Ronning in Bremen, die Zigarrenfabrik Blase im westfälischen Lübbecke, die Fruchtsaftfabrik Granini und die Weinhandlung Ellermann in Bielefeld gehören

Die Expansion, so sagt der Konzernchef, fordere vom Unternehmer eine gewisse »Enthaltsamkeit«. Die Sparsamkeit bekommen schon seit langem auch die Arbeitnehmer zu spüren. Zwar zahlt der Filterproduzent, Kaffeeröster und Porzellanfabrikant, der keinem der Arbeitgeberverbände angehört und daher auch nicht Tarifpartner der Gewerkschaften ist, übertarifliche Löhne. Zugleich aber

* verlangt er von seiner Belegschaft, daß sie 42 Stunden in der Woche arbeitet, obwohl bei den anderen Betrieben der Branche längst die 40-Stunden-Woche eingeführt ist;

* gewährt er keinerlei Urlaubs- und Weihnachtsgeld« weil derartige Gratifikationen im Melitta-Lohn bereits enthalten seien;

* ließ er seine Arbeiterinnen auch nachts schaffen, obwohl die notwendige Ausnahmegenehmigung vom Gewerbeaufsichtsamt nicht vorlag.

Allein die 42-Stunden-Woche, so behauptet die IG Druck und Papier, beschere dem Fabrikbesitzer jährlich einen Profit von fast einer Million Mark, weil er sonst anfallende Überstunden-Zuschläge einspare. Bentz dagegen stellt fest, diese Zuschläge seien ebenfalls im Lohn enthalten.

Gewerkschaftlich organisierte Arbeiter und Angestellte, die gegen die Melitta-Ordnung aufmucken könnten, stellt der Fabrikherr nur ungern ein. Bis vor kurzem hing ein Melitta-Engagement von einem Fragebogen ab, in dem unter anderem nach der Gewerkschafts-Zugehörigkeit geforscht wurde.

Schon im April hatte der Gewerkschaftler Fritz Gent vor den Toren des Stammwerkes in der Mindener Ringstraße Flugblätter an die Melitta-Arbeiter verteilen lassen, in denen die »skandalösen Zustände« (Gent) in den Bentz-Betrieben angeprangert wurden. Überdies veranstaltete die Gewerkschaft eine Demonstration, an der auch Werksangehörige teilnahmen.

Hausherr Bentz reagierte schroff. Der hagere Melitta-Boß beorderte vier seiner aufmüpfigen Arbeiter zu sich und verkündete ihnen: »Ich dulde keine gewerkschaftliche Tätigkeit in meinem Betrieb.« Dem Protest-Teilnehmer Rudolf Bauer, 28, ließ er sogar eine Änderungskündigung »aus innerbetrieblichen Gründen« ins Haus schicken. Bauer wurde in eine andere Abteilung versetzt. Die Folge: Lohneinbuße von 40 Pfennig pro Stunde.

Auf Druck der Gewerkschaft durfte Bauer schließlich an seinem Arbeitsplatz bleiben. Doch der Drucker wollte nicht mehr. Zusammen mit Gewerkschaftskollegen gab er seinen Arbeitsplatz bei Melitta auf. Bauer: »Das Arbeitsklima ist unerträglich. Dort bespitzelt jeder jeden.«

Gents IG Druck und Papier versuchte unter den Melitta-Arbeitnehmern Mitglieder zu werben, um als Beauftragte der Belegschaft auftreten zu können. Doch die Aktion blieb ohne Erfolg. Auch heute noch gehören von den 3500 Mitarbeitern der Mindener Melitta-Zentrale nur 50 der Gewerkschaft an, meist ohne Wissen ihrer Kollegen und Vorgesetzten. Gewerkschaftler Gent. der dem Melitta-Betriebsrat in einer Feststellungsklage untersagen lassen will, mit der Firmenleitung weiterhin eigene Haustarife auszuhandeln, meint: »Die haben einfach Angst vor Repressalien.«

Konzern-Boß Bentz indes interpretiert den geringen Organisationsgrad seiner Arbeitnehmer ganz anders: »Das ist ein Zeichen dafür, daß die Arbeiter mit mir zufrieden sind.«

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