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SPENDEN Bloß keine Schokolade

Fürs darbende Rußland sind die Deutschen besonders opferbereit. Doch immer mehr Hilfsorganisationen resignieren - wegen der Schikanen russischer Zoll- und Grenzorgane.
aus DER SPIEGEL 5/1999

Alles schien akkurat vorbereitet. Wochenlang hatte der gebürtige Ostpreuße Gerd Schattauer, 74, Lehrer im Ruhestand, Spenden für seinen 24. Hilfstransport Richtung Rußland zusammengestellt: 350 Bananenkartons mit Schuhen und Lebensmitteln, dazu Federbetten - auf 30 Säcke verteilt. Schließlich Arbeitskleidung aus Beständen der ehemaligen NVA und reichlich medizinisches Gerät.

Adressat der barmherzigen Ladung: das Krankenhaus der Kreisstadt Krasnosnamensk (früher: Lasdehnen) im Kaliningrader Gebiet, Rußlands ostpreußischer Exklave.

Gerade als der Lüneburger Zoll den 38-Tonnen-Lastzug verplomben wollte, kam ein warnendes Fax aus Rußland. Schattauer, so schrieb die Kreisverwaltung aus Krasnosnamensk, möge um Gottes willen die Liebesgaben wieder abladen: Der russische Zoll habe für die Geschenke ans Krankenhaus eine Sondergenehmigung aus Moskau und horrende Gebühren verlangt - »unbezahlbar«, so der Befund der enttäuschten Russen.

Schattauer war sprachlos. Er hatte weder Uran noch Plutonium geladen, sondern Betten, Bestrahlungslampen und Operationshandschuhe. Denn Rußlands Hospitäler, Zufluchtsort der Kranken und Wehrlosen, sind dem Rubelkollaps besonders hilflos ausgesetzt: Es mangelt an moderner Labortechnik, an Operationsbesteck und Verbandmaterial; viele Kliniken sind kaum noch beheizt.

Der Winter trifft vor allem jene 40 Millionen Russen, die unter der Armutsgrenze leben. Schon hat der Staat, selbst nahezu bankrott, die EU um neuerliche Lebensmittelhilfe gebeten - im Februar läuft sie an. Der Deutsche Caritasverband startete eine Paketaktion, die bis April 15 000 Obdachlosen und besonders bedürftigen Familien zugute kommen soll.

So überlebenswichtig die Hilfe bei den Betroffenen auch ist - sie gelangt oft nur mühevoll ins Land. Vor allem der private Spendenfluß trifft auf immer höhere bürokratische Hürden. Enthusiasten wie Schattauer, die seit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches vor acht Jahren regelmäßig Hilfsgüter nach Rußland fahren, beschweren sich über zunehmende Schikanen russischer Grenz- und Zollorgane.

23 Stunden mußte Schattauer letztes Mal mit seinem Truck an der Grenzstation Bagrationowsk (Preußisch-Eylau) warten - dann schickten ihn die Beamten ins russisch-polnische Niemandsland zurück: Es fehlte ein beglaubigtes Dokument der potentiellen Empfänger, wonach die humanitäre Hilfe bei ihnen auch willkommen sei.

Angesichts undurchdringlichen Behördenfilzes und fast täglich neu gefaßter Bestimmungen geben immer mehr Helfer auf. Die Landsmannschaft Ostpreußen, bislang regelmäßig mit Transporten nach Kaliningrad unterwegs, stellte vor wenigen Monaten ihre Fahrten gänzlich ein. »Unzumutbare bürokratische Behinderungen« an den Grenzübergangsstellen Mamonowo und Bagrationowsk hätten die Helfer resignieren lassen, beschwerte sich Sprecher Wilhelm von Gottberg persönlich beim Gebietsgouverneur Leonid Gorbenko.

Das ehemalige Nord-Ostpreußen rund um Königsberg, offiziell eine Art Freihandelszone, gilt bei den Hilfstruckern als besonders harte Nuß - ohne Zustimmung aus Moskau, so bekennt selbst der Gouverneur, geht an der Grenze kaum noch der Schlagbaum hoch.

Unter größter Mühe hatte Hans-Heinrich Vögele vom Deutschen Roten Kreuz aus Emmendingen im Oktober einen Krankenwagen in den Ostseeort Pionerski (Neukuhren) gebracht. Das dringend benötigte Gefährt stand seither still - es fehlte ein spezieller Moskauer Stempel unter der zehnseitigen Schenkungsurkunde.

Vögele schaltete die deutsche Botschaft ein und schickte dem Krankenhaus in Pionerski Geld, damit ein Arzt in die ferne Hauptstadt reisen konnte - wo das zuständige Ministerium im Januar schließlich die Zulassung herausrückte.

Ein weiterer Transport mit Hilfsgütern lag zehn Wochen im Kaliningrader Zolllager fest, weil drei Holzbetten zur Ladung gehörten. Was die Deutschen nicht wußten: Moskau hatte kurz zuvor eine Importquote für Möbel aus Holz festgelegt.

Aus Hamburg, wichtigste Spendengemeinde für die Partnerstadt St. Petersburg, hatte das Diakonische Werk der evangelischen Kirche Jahr für Jahr Gesammeltes im Wert von rund einer Million Mark in die frühere Zarenmetropole gebracht, vor allem Lebensmittelpakete Hamburger Familien. Als der russische Zoll Sonderzertifikate für Zucker, Mehl und Fleischwaren verlangte, stellte die Kirche den Transport der Pakete ein - sie war mit dem Papierkram schlichtweg überfordert.

Bürokratie oder Vorsatz? Der Osteuropa-Beauftragte des Diakonischen Werkes, Peter Mausolf, glaubt nicht an Zufall: Die Russen hätten absichtlich neue Hürden gegen den Zufluß privater und schwer kontrollierbarer Hilfspakete aufgetürmt. Besonders patriotische Politiker fühlen sich durch die Spenden ohnehin in ihrer Ehre verletzt.

Monat für Monat setzt die Regierungskommission »für Fragen der internationalen humanitären und technischen Hilfe«, Oberrevisor für ausländische Spenden, neue Artikel auf den Index. Haushaltswaren wie Bettwäsche, Bügeleisen oder Computer sind inzwischen ebenso unerwünscht wie Spielsachen, die angeblich hygienische Gefahren bergen. Den Zöllnern gilt nicht mal mehr Schokolade als humanitäres Gut.

Auch gebrauchte Kleidung, in St. Petersburg sehr begehrt, verschickt das Diakonische Werk nicht mehr - dafür werden an der Grenze inzwischen ebenfalls spezielle Gutachten verlangt. Eine Einladung des St. Petersburger Zolldirektors nach Hamburg samt Bewirtung im Hotel Atlantic schuf keine Abhilfe.

»Wir werden bei den jährlichen Treffen der Rußland-Spender im Hamburger Senat immer weniger«, sagt Mausolf: »Kleinere Hilfsorganisationen haben längst die Segel gestrichen.« In St. Petersburg lösen sich jene Sozialdienste wieder auf, in denen Bedürftige mit der Verteilung der Spenden ein paar Rubel verdienen konnten.

Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), immerhin, ist noch dabei - seine freiwilligen Fahrer brachten bei ihren 20 Touren im vorigen Jahr knapp 16 000 Pakete nach St. Petersburg. Um die besonders unberechenbare polnisch-belorussische Grenze bei Brest zu umgehen, nehmen die Trucks ihren Weg über Finnland.

Früher hatten die Samariter ihre Hilfsgüter über die Ostsee verschifft - die Seestrecke ist pro Transport 3000 Mark billiger als die Route über Land. Doch mitunter lagen die Container nach ihrer Ankunft sechs Monate im St. Petersburger Hafen fest, der ob seiner restriktiven Einfuhrkontrollen berüchtigt ist. Viele der mitgeschickten Lebensmittel vergammelten.

Beschwerden sind sinnlos. Das Moskauer Zollkomitee, von seinem Vorsitzenden als »Auge und Ohr des Staates« gerühmt, ist eine der wenigen verbliebenen Finanzstützen im kränkelnden Rußland und damit eine fast unangreifbare Macht. Voriges Jahr trieben seine Mitarbeiter für die Staatskasse 80 Milliarden Rubel (über 9 Milliarden Mark) an Gebühren und Abgaben ein, 7 Milliarden Rubel mehr als im Moskauer Haushaltsplan vorgesehen. Um die Grenzwächter zu motivieren, verbleiben zehn Prozent der eingetriebenen Gebühren direkt bei der Zollbehörde.

»Kein Wunder, wenn sich beim Eintreffen humanitärer Hilfe kaum einer der Zöllner die Beine ausreißt«, beklagt ASB-Aktivist Gerhard Gries die Situation: »Da kann niemand zulangen wie sonst, Spendenlieferungen sind gebührenfrei.«

Um so munterer suchen die Beamten inzwischen nach neuen Möglichkeiten, den Strom der Hilfsgüter in ihrem Sinne zu kanalisieren. Private Pakete sollten künftig per Post nach Rußland geschickt werden. Die Empfänger müssen die Geschenksendung dann auf dem Zollpostamt aufschnüren und für die Gaben Zoll zahlen.

Der Arbeiter-Samariter-Bund hat gelernt, mit amtlichen Pressionen umzugehen: Als Kenner des russischen Milieus wurde Rais Kabanow angestellt - der gebürtige Tatare ist allein damit befaßt, die zehn für jeden Transport nötigen Schriftsätze zu erstellen.

Tücken gibt es genug. Der Warenwert zum Beispiel muß jedesmal in Dollar angegeben werden - allerdings zu dem in Rußland geltenden Tageskurs. Der aber ändert sich zur Zeit nahezu stündlich. »Eine falsche Zahl«, so Kabanow, »und der Zöllner schickt dich zurück.«

Verblüfft zeigten sich die russischen Kontrolleure, als ASB-Trucker jüngst auf dem Weg nach St. Petersburg ausgerechnet jenes Papier mitführten, das als »Pflanzengesundheitszeugnis« neuerdings auch bei privaten Hilfspaketen abverlangt wird. Kabanow hatte rechtzeitig davon gehört und sich in Deutschland eine Bestätigung besorgt, alle Sendungen seien frei von Khaprakäfern (Trogoderma granarium), Kornkäfern (Sitophilus granarius) und anderen Rüsselkäfern. Frohgemut zogen seine Fahrer in der finnisch-russischen Grenzstation vorbei an der Schlange wartender Lkw, die sich das mit schwergängigem Latein durchsetzte Papier erst von zu Hause heranfaxen lassen mußten.

Vermeintlich Problematisches verpacken die Hamburger Samariter inzwischen so, daß es beim Öffnen der Ladeklappe nicht direkt den Zöllnern ins Auge fällt. Das Diakonische Werk bringt Lebensmittelpakete nur noch als Zuladung bei erfahrenen Osteuropa-Speditionen auf den Weg.

Auch der Duisburger Verein »Hilfe für Kaliningrad/Königsberg«, der seit 1995 Spenden im Wert von 1,5 Millionen Mark sammelte - eine Ladung, die 20 Güterwagen der Bahn füllen würde -, hat manch mißliche Erfahrung gemacht.

Die Duisburger wissen inzwischen, daß beispielsweise Medikamente nur mit Moskauer Zustimmung ins Land zu bringen sind - und nur dann, wenn jedes einzelne Döschen in Packungsgröße und Zusammensetzung aufgelistet ist. Entsprechendes Gut deklarieren sie deswegen als »medizinische Verbrauchsmittel« - die gehen unkontrolliert durch.

Um dem Streß beim Transport umfangreicher Warenlieferungen zu entgehen, steigen einige Hilfsorganisationen auf die Übersendung von Barspenden um. Die Empfänger können sich vor Ort genau das kaufen, was sie benötigen. Zudem profitieren Rußlands Produzenten davon.

Gerhard Weber, 67, hält sich längst an diese Methode. Der Chef der Deutsch-Russischen Gesellschaft, inzwischen mit Bundesverdienstkreuz und russischem Ehrendoktorhut geehrt, sammelt Geldspenden jener 5000 Hamburger ein, die ständig Kontakt mit St. Petersburger Russen halten. Jeder zehnte greift seinem Briefpartner allmonatlich finanziell unter die Arme.

Weil Banküberweisungen nicht mehr möglich sind, besteigt Weber alle paar Wochen eine Aeroflot-Maschine und trägt die Geldbündel im Handköfferchen persönlich durch den Zoll, meist sechsstellige Beträge. Eine höchst riskante Tour: Eben erst wurde in St. Petersburg eine Bande dingfest gemacht, die jahrelang Geschäftsreisende ausgeraubt hatte. Mit von der Diebespartie war ein Mann vom Flughafenzoll, der Informationen über neu eingetroffene Ausländer lieferte.

Weber ist trotzdem nicht bang: »Ich kenne inzwischen jede diensthabende Schicht an der Grenze, bislang ging das reibungslos.« Fünf Petersburger Frauen teilen die Geldbriefe an die Adressaten aus.

Daß es Mißbrauch mit humanitärer Hilfe gegeben hat - die Duisburger Vereinsführer Horst Salmagne und Kurt Schreiber wollen das nicht bestreiten. Unter dem Deckmantel der Barmherzigkeit hätten Russen Schwarzgeld in die Heimat geschmuggelt, Deutsche auf diesem Weg mitunter ihren Wohlstandsmüll entsorgt: »Wir haben an der Grenze vollgemachte Unterhosen oder den Hausrat verstorbener Omas gesehen - unsortiert in blaue Säcke gestopft.«

Alles kein Grund für die ablehnende Haltung Moskaus, meinen die beiden. Obwohl 1996 bei der russischen Regierung formgerecht beantragt, fehlt ihnen noch immer die offizielle Anerkennung als Hilfsorganisation.

Das Deutsch-Russische Forum lud unlängst den Leiter der russischen Zollakademie nach Bonn ein, um zu dem Thema zu reden: »Wie ist mit humanitärer Hilfe zu verfahren?«

»Der gab keinerlei brauchbaren Rat«, erinnert sich Schreiber. Auf jede Frage, wie man denn dieses oder jenes nach Rußland bringen könne, antwortete er mit einem stereotypen Satz: »Das können Sie vergessen, das geht nicht.« CHRISTIAN NEEF

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